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Krefeld
De Greiff, Ascot und die Mode

Krefeld: De Greiff, Ascot und die Mode
Cornelius den Greiff bei der Krawattenmanufaktur Ascot - immer noch kommen 80 Prozent der Krawatten in Deutschland aus Krefeld. Die Ascot-Strickmaschine entfaltet die diskrete Schönheit der Mechanik; solche Maschinen sind natürlich sinnreich, haben aber, wie das Foto von Philip Lethen zeigt, auch skulpturale Qualität. FOTO: Philip Lethen
Krefeld. Neben der Technik erlebte auch die Mode ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Revolution: Die Kleidung für Frauen sollte praktischer und gesünder werden. Männer hatten da vergleichsweise wenig Probleme: Die Krawatte durfte halt nicht zu eng sitzen. Von Jens Voss

Was hätte Cornelius de Greiff bei einem Besuch der 1908 gegründeten Krawattenfirma Ascot in Krefeld mehr interessiert: die Technik, vor allem die Strickmaschine, oder die Modeentwicklung bei Krawatten? Wir sagen: die Technik, denn die ästhetische Entwicklung bei Halsgebinden für Männer ist vergleichsweise unaufgeregt. Ganz anders die Entwicklung der weiblichen Mode: Dort bahnte sich mit dem Kampf gegen das Korsett im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Revolution an. Gewonnen hat sie schließlich Coco Chanel.

An die hochwohllöblichen Krefelder anno domini 2017!

Heissa, so eine sinnreich eingerichtete Maschine ist doch recht erhaben und erbaulich und zeugt von der Stärke menschlichen Geistes! Schon ein Handwebstuhl ist ja ein kleines Wunderwerk, aber die Strickmaschine bei Ascot übertrifft die Kunstfertigkeit des Webstuhls dann doch.

Cornelius de Greiff im Garnlager von Ascot. Das Unternehmen ist in vierter Generation in Familienhand. Die Krawatten werden von Hand genäht. FOTO: Philip Lethen

Ja, ihr lebt im Zeitalter der Krawatte, das zu meiner Zeit eher eine Epoche des Halstuches war. Krawatte soll ja auf Französisch à la cravate - "nach kroatischer Art" - zurückgehen; angeblich war der Sonnenkönig Ludwig XIV. bei einer Parade entzückt von den Halstüchern einer kroatischen Reiterstaffel.

Was den Männern am Halse als zu eng geschnürtes Gebinde mitunter Probleme machte und macht, war bei den Frauen das Korsett. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mehr und mehr Kritik daran laut, weil es der Gesundheit abträglich war. Es gründeten sich zahlreiche "Vereine zur Verbesserung der Frauenkleider"; es gab eine Bewegung für "Reformkleider", die sich im Jahr 1900 auch in einer Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum manifestierte: Direktor Friedrich Deneken richtete mit dem Designer Henry van de Velde eine Ausstellung über moderne Damenkleider aus.

Allein, diese Reformmode setzte sich nicht durch, teils, weil sie dann doch unpraktisch war - so sollten Mädchen im Turnunterricht bodenlange Kleider tragen -, oder sie gefiel niemandem: Viel Stoff und viel Faltenwurf gaben den neuen Kleidern etwas Sackartiges. So waren sie gesund, aber hässlich. Bis ins Jahr 1900 haben immer noch zwei Drittel aller Mädchen und fast alle Frauen Korsett getragen.

Das änderte sich erst mit einer Französin, die mit Vornamen Gabrielle hieß und als Coco Chanel berühmt wurde. Sie hat ab 1913 Mode entworfen, die wirklich leicht, wirklich modern und unerhört schlicht wie Bauhaus-Architektur war, dabei von nie gekannter Lässigkeit. Sie hat von sich gesagt: "Ich habe die Frauen vom Korsett befreit." Nun ja, die Idee kam nicht von Coco, aber sie hat die Mode dazu entworfen, die aller Welt gefiel. Denn darauf kommt es auch an.

So seid modebewusst, meine Crefelder, haltet den Geist von cravate und Chanel hoch; etwas Chic und Charme in lieber (erst recht fieser) Gesellschaft sind so belebend wie ein Gläschen Champagner!

So grüßt euch, wackere Bürgerschar, demütigst

euer Cornelius de Greiff

Quelle: RP
 
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