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Das Kaiser-Wilhelm-Museum
Der Beuys-Raum - Millionenschweres Erbe

Krefeld. In der oberen Etage des Kaiser-Wilhelm-Museums hütet die Stadt einen bedeutenden Schatz: Hier steht eine Werkgruppe, die Joseph Beuys in den 80er Jahren noch selbst eingerichtet hat. Weltweit gibt es nur zwei original erhaltene Installationen des Künstlers. Die Räume sind hoch gesichert. Von Petra Diederichs

Der Teppich ist ein Problem. Die Brandschutzrichtlinien lassen brennbare Textilbeläge im Museum nicht zu. Beuys hin oder her. Es muss geändert werden. Also ist mal wieder viel Fingerspitzengefühl notwendig, wenn es um Joseph Beuys' zentrales Werk im KWM geht. "Wir werden den neuen Boden ganz vorsichtig um das Regal herum verlegen und entsprechend ausschneiden müssen", sagt Sylvia Martin, stellvertretende Leiterin der Krefelder Kunstmuseen. Denn in dem heiligen Raum in der oberen Etage ist jede Veränderung ein Sakrileg. Joseph Beuys hat dort 1984 selbst seine Werkgruppe eingerichtet, deren Herzstück ist die "Barraque d'Dull Odde" - was so viel bedeutet wie "verlassener Ort": ein Doppelregal aus Holz mit allerlei Krimskrams vom Glasfläschchen bis zur Filzmatte, mit Tierknöchelchen und einem über 30 Jahre alten Haufen toter Honigbienen, dazu ein Arbeits-pult und ein Stuhl. Außerhalb des Beuys-Blocks in Darmstadt ist hier die einzige original erhaltene Werkinstallation des Künstlers zu finden.

In Darmstadt gibt es nach der Renovierung sichtbare Veränderungen. In Krefeld soll das vermieden werden. Für Museumschef Martin Hentschel ist die Krefelder Installation das bedeutendste Stück der Sammlung. "Weltkulturerbe" hat er sie genannt.

Die Tür zum Reich ist noch gesichert wie Fort Knox: Durch die sorgsam verklebten Spezialfolien kann kein Baustäubchen dringen. Ein Vibrationsalarm meldet jede Erschütterung, die eine Veränderung der Kunstpositionen verursachen könnte. Wenn draußen im Museum gebohrt, ab- und eingerissen wurde, sollte drinnen nichts Schaden nehmen. "Wir haben aber natürlich jedes Detail fotografisch dokumentiert", sagt Martin. 600 Einzelteile, die nicht einmal minimal verändert werden dürfen. Das war auch für Restaurator Sebastian Köhler eine Herausforderung. Erst zur Museumseröffnung am 2. Juli wird der Bereich für Besucher wieder geöffnet werden.

Beuys und die Sanierung - das war auch eine heikle Sache wegen der Fenster. Der Künstler betrachtete sie als zugehörig zu seiner permanenten Installation. Er hat Rahmen und Scheiben mit deckender weißer Farbe überstrichen, um den Kellercharakter dieses "Arbeitsplatzes eines Wissenschaftlers/Künstlers" - wie die Barraque im Untertitel heißt - zu betonen. Sie auszutauschen oder wie die übrigen Fenster im Museum von innen mit einem Doppelglas zu versehen, war deshalb keine Option. "Wir haben von außen neue Fenster dagegengesetzt", sagt Martin. Und die genügen nicht nur den modernen Energiemaßstäben, sondern sind auch hochgesichert. Denn die beiden Museumsräume haben nicht nur einen zweistelligen Millionen-Marktwert, sie sind ideell unbezahlbar.

Dass Krefeld diesen Schatz besitzt und wie eng Joseph Beuys mit der Stadt verbunden war, in der er 1921 geboren wurde, war lange nur Kennern bekannt. Bis 2010 die damalige Kuratorin der Kunstmuseen, Sabine Röder, das erste Buch über Beuys und Krefeld herausgab: "Joseph Beuys. Räume 1971-1984. Plastiken und Objekte 1952-1974 im Kaiser-Wilhelm-Museum". Darin ist dokumentiert, wie der Künstler sieben Werke in zwei Räumen unter anderem mit einem orangeroten Gummischlauch vom "Brunnen" bis zur "Barraque" verbunden hat.

Vor einigen Jahren hat Krefeld noch um diesen unermesslichen Schatz gebangt. Als die Sammlerin Helga Lauffs ihre Sammlung 2008 aus Krefeld abzog, drohte der Block auseinandergerissen zu werden. Denn nur zwei Werke der siebenteiligen Gruppe gehörten den Kunstmuseen: "Brunnen" (1952) und "Unbetitelt (Objekt mit Hasenfell)" von 1963. Mit einem höchst komplizierten Vertragskonvolut hat Helga Lauffs, Ehrenbürgerin der Stadt, Krefeld die zentrale Installation "Barraque D'Dull Odde" (1961-67), "Hiberina" (1957) und "Gundfana des Westens - Dschingis Khans Flagge" von 1961 (damaliger Wert vier Millionen Euro) geschenkt. Die Werke "Anschwebende plastische Ladung —> vor <— Isolationsgestell" (1960) und "Fond IV/4" (1970/71) haben die sechs Lauffs-Töchter dem Land übereignet, um 3,5 Millionen Steuern, die durch den Kunstverkauf aus der Sammlung Lauffs fällig geworden waren, zu begleichen. Das Land überließ sie den Kunstmuseen als Dauerleihgabe. Der Vertrag sieht auch vor, dass das Beuys-Werk der Öffentlichkeit zugänglich und mindestens 15 Jahre im Kaiser-Wilhelm-Museum ausgestellt sein muss.

Das Bewusstsein, dass Beuys zum Krefelder Profil gehört, muss noch gedeihen. Ein wichtiger Schritt ist die Gestaltung und Umbenennung des Museumsplatzes, der künftig den Namen des Künstlers tragen wird. "Wir sind uns der großen Bedeutung Beuys' für Krefeld bewusst. Und wir wollen darauf aufmerksam machen, was wir hier Einzigartiges haben", hat auch Magdalena Broska von den Freunden der Krefelder Kunstmuseen gegenüber unserer Zeitung betont. Der Freundeskreis finanziert deshalb die konservatorische Pflege der Installation und eine Diplomandin für die Bestandserfassung sowie die notwendigen Geräte. Wie viel Geld sie dafür auslegen, wollten sie nicht beziffern. Broska: "Es ist eine Summe, die im Progress ist." Auch an dem Buch über Beuys und Krefeld sowie an einem großen Beuys-Symposium 2008 hatten die Museumsfreunde finanziell ihren Anteil.

Beuys selbst hat sich nicht als Krefelder bezeichnet, sondern als Klever, wo er lange gelebt hat. Doch er hat auch nicht verhehlt, wie wichtig seine Geburtsstadt für seinen Weg war. Hier hat er bereits 1948 ausgestellt. In den 1950er Jahren begann eine intensive Freundschaft zum damaligen Museumsdirektor Paul Wember, der auch Yves Klein, Christo, Alberto Burri, Richard Long und Jean Tinguely nach Krefeld holte, als sie noch keinen großen Namen in der Kunstwelt hatten. Den Briefwechsel zwischen Wember und Beuys bewahrt das KWM auf.

Auch bei Wembers Nachfolger Gerhard Storck und Beuys stimmte die Chemie. Auf ihr Konto ging auch einer der wenigen Skandale in der Stadt. Am 15. Dezember 1971 sollte Beuys im KWM den Vortrag "Kunst = Mensch" halten. Als er dann seinen erweiterten Kunstbegriff erklärte und die Zuhörer auch durch seine für die meisten nicht nachvollziehbaren Tafelskizzen überforderte, entspann sich eine hitzige Debatte, die bald in lautem Protest des Publikums eskalierte. Der Vortrag musste abgebrochen werden. Beuys war darüber nicht böse, er erklärte den Vorfall kurzerhand zur Kunst. 1977 hat Beuys im KWM sechs Arbeiten raumbezogen zur Gruppe kombiniert, sieben Jahre später hat er sein Frühwerk "Brunnen" einbezogen und die sieben Installationen verbunden - innerhalb von zwei Tagen und Nächten bis zur totalen Erschöpfung . Ein unbezahlbares Vermächtnis.

Quelle: RP
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