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Krefeld
Der Blick des Architekten

Krefeld. Ein Gespräch über die neue Dionysiuskirche: Warum sie wurde, wie sie heute ist. Von Jens Voss (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Am Anfang stand, man darf es so hart sagen, die Entdeckung der Hässlichkeit. Wenn Architekt Elmar Paul Sommer seine ersten Eindrücke vom Innenraum der Dionysiuskirche schildert, fallen deutliche Worte: Zum Beispiel der Zustand der Bänke: "Das war ein schreckliches braunes Gedöns, dass hier um den Altar herumstand." Heute präsentieren sich die gleichen Bänke in hellem Eichenholz; der dunkelbraune Anstrich ist weg, die Bänke sind zerschnitten und neu angeordnet.

Die Bänke sind ein Beispiel für eine stilistisch exquisite Erneuerung, die in vielen Details ein Lehrstück bildet, wie man einen Raum gleichsam verklaren kann: indem seine Strukturen hervortreten und damit auch der Sinn deutlich wird, den das Ganze hat. Zugleich erlaubt die Begegnung mit dem Architekten so etwas wie einen Blick in die Werkstatt seines Denkens.

Sommer berichtet: Als er das erste Mal die Kirche betreten habe, sei er überrascht gewesen, wie hell der Raum gewesen sei. Der Blick von draußen ins Innere sei ein Blick ins Dunkel gewesen. Vor allem die Wand hinter dem Baldachin sei eine "vollkommen unbefriedigende Situation" gewesen: Von innen blickte man auf einen beige-weißen Vorhang, von außen gab es einen Zugang, "der zu nichts nutze war"; gemeint war ein Zugang zum früheren Totenkeller. Für ihn habe es "sich schnell als stabiles Leitbild herausgestellt, dass da mehr Licht hermusste", sagt Sommer.

Weiterer Punkt, der ihm unangenehm auffiel: Der Raum war quasi vollgestellt mit Ständern für Flyer, mit Plakatträgern, mit Hinweiszetteln - eine schrille, kleinteilige Wuseligkeit, die den Gesamteindruck störte und in einem sehr elementaren Sinn auch nicht zu den Materialien wie überhaupt zur Anmutung des Kirchenraums passte. Heute ist all das dezent gebündelt hinter Regalwänden - "es ist mir ein Anliegen, dass der Raum aufgeräumt bleibt", betont Sommer.

Der größte Eingriff in den Raum war, wie berichtet, der Durchbruch der Wand hinterm Baldachin zur Straße hin: mit Fenstern und einer schmalen Öffnung, die gerahmt ist von hellgrauem Stein. Aus der Nähe wird deutlich, wie geschmackvoll und dezent die ganze Lösung ist: Die Öffnung in der Wand inszeniert gerade nicht den Blick nach draußen - auch wenn sie ihn ermöglicht -, sondern das ewige Licht, das als roter Blickfang im Zentrum des Ensembles steht. Zusammen mit der halbrunden "Apostelbank" - eine Bank mit zwölf hohen schmalen Lehnen - hat dieser Raumabschnitt Apsis-Charakter bekommen. Zugleich bietet er das Gefühl von Intimität: Ein Betender ist dort für sich, obwohl sich hinter ihm eine ganze, große Kirche öffnet, in der auch an einem normalen Montagnachmittag erstaunlich viele Menschen Ruhe, Sammlung, Gedenken und das Gebet suchen.

Die Altarinsel wurde verkleinert, aber auch wiederum verklart, heißt, als herausgehobener Ort betont. Den Boden hat Sommer mit Blaustein verlegt, auch belgischer Granit genannt: ein glänzender, anthrazitfarbener Stein, der dem Boden eine edle, wertige Anmutung gibt. Geländer und Kerzenhalter wurden neu geschmiedet und bilden nun in Größe, Form und Farbe ein schlüssiges Ganzes. Es sind solche Details, die die Qualität der Eingriffe ausmachen, ohne dass sie pompös daherkommen.

Zu den Glanzstücken der Veränderungen gehört der neue, außen mit Rosenholz verkleidete Tabernakel. "So schön habe ich es mir nicht vorgestellt", sagt Sommer. Er meint einen Lichteffekt, den so niemand erwartet hat: Aus einiger Entfernung hat man den Eindruck, als leuchte der Tabernakel von innen, obwohl er eigentlich nur von außen angestrahlt wird. Die Wahl von Rosenholz, das poliert ohnehin in warmen Farbtönen erstrahlt, erwies sich so als doppelt glücklich.

Licht spielt auch beim Öffnen des Tabernakels eine Rolle: Er ist innen mit Spiegeln verkleidet, die das Ziborium, das Gefäß zur Aufbewahrung der Hostien, in vielfach gebrochene Lichtreflexe tauchen.

Unterm Strich hat Sommer einen Innenraum gestaltet, der ganz weltlich von erlesenem Geschmack und ästhetischer Feinfühligkeit für Raumeffekte zeugt und ganz geistlich die Sinnbezüge des Kirchenraums betont: Gemeinde, Altarinsel, Baldachin und Durchblick in die Welt bilden heute eine berückende Einheit, alles überwölbt von einer Christusfigur, die spätmittelalterlich vom Kreuzesleid Christi erzählt. So hat alles seinen Ort und - am wichtigsten für eine Kirchenraum - seinen Sinn.

Quelle: RP
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