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Krefeld
Der Coprayer Feder die Spitze abgebrochen

Krefeld: Der Coprayer Feder die Spitze abgebrochen
Die neuen Ritter der Coprayer Hofrunde: Twan Beurskens (2.v.l.) und Lutz Goebel (3.v.l), gerahmt von dem FDP-Landtagsabgeordneten Dietmar Brockes (l.) und dem Krefelder FDP-Fraktionschef Joachim Heitmann. FOTO: T.L.
Krefeld. Die Coprayer Hofrunde mit neuem Konzept: Trotz einer geschliffen scharfen Ritterrede hat die Runde an Witz verloren. Von Jens Voss

Man muss sich wohl doch ernsthaft Sorgen machen: um die FDP ohnehin, auch wenn sie wieder Tritt fasst, vielleicht ja auch um die Zeiten insgesamt, die vielleicht nicht nach Witzeln sind, sondern so ernst, dass einem der Spaß vergeht. Die Coprayer Hofrunde jedenfalls, die nun erstmals seit Jahren nicht im Rittersaal der Burg Linn, sondern in der Museumsscheune Linn stattgefunden hat, war nicht wiederzuerkennen: Es hat sich ausgewitzelt. Die Ritterrhetorik, die früher Ironie und Würze versprach, wirkte wie ein Fremdkörper; was vorherrschte, war politischer Ernst und liberaler Wahlkampf. Allerdings hat der Krefelder Unternehmer Lutz Goebel, Geschäftsführer von Henkelhausen und Präsident des Bundesverbandes der Familienunternehmer, eine geschliffene Ritterrede gehalten - so scharf geschliffen, dass einem das Lachen im Halse steckenblieb. Wie gesagt: Vielleicht sind die Zeiten nicht nach Witzeln. Aber andererseits: Waren sie es je?

Eigentlich sollte der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner in den Abend einführen - doch er ist erkrankt. So übernahm der FDP-Landtagsabgeordnete Ralf Witzel. Er präludierte den Stil des Abends mit einer vom Witze befreiten Ansprache, in der anstandshalber das Wort Rittertum vorkam.

Früher stand dem neuen Ritter aus der Politik ein Journalist als Ritter der spitzen Feder zur Seite - auch aus diesem Aufeinandertreffen entwickelte sich oft genug amüsanter Funkenflug. Nun also: Der erste der beiden neuen Ritter - der niederländische Liberale Twan Beurskens, Deputierter der Provinz Limburg - hielt ein wirtschaftspolitisches Plädoyer für "grenzüberschreitendes Denken und Handeln", das kreuzbrav war und trocken wie die Wüste Gobi.

Bewegung kam mit Lutz Goebel auf. Er rechnete inhaltlich in einer Schärfe mit Tendenzen der Gegenwart ab, die einen frösteln ließ, und das wirkte umso nachhaltiger, weil Goebel nicht als Feindbild taugt. Er steht eben nicht für neoliberalen Manchester-Kapitalismus, sondern für eine nachhaltige, verantwortungsvolle Form des Unternehmertums - ein Marktwirtschaftler mit ethischer Überzeugung und darin ein glaubwürdiger Botschafter für liberale Grundwerte. Goebel entwarf das Bild eines "spätabendlichen Abendlandes" und einer "Zeit der Apokalypse". Er beklagte, dass es nur noch Lippenbekenntnisse zur Marktwirtschaft gebe; er geißelte die EU-Politik in Brüssel, sprach von "Vergemeinschaftung von Schulden in Europa", "Enteignung von Sparern durch Niedrigzinsen", "Zerstörung der Arbeitsmärkte durch weitere Regulierungen" und "Destabilisierung zuletzt auch des deutschen Rentensystems". Der "Orden der Sozialdemokraten" sei seit Marschall Münte auf Reichsebene zu einem kümmerlichen Haufen zusammengeschmolzen, und auch der "Orden Angelae" verliere rasant an Zustimmung.

"Die Zeit ist aus den Fugen; Bürger und Bauern sind verwirrt", beklagte Ritter Goebel, in Dresden beobachte man "Geißleraufmärsche, finstere Kinderkreuzzüge und Flagellantenströme", die allzeit Angst predigten: "Es wird nur alles immer schlimmer/ wir schaffen das nimmer". Das war indirekt ein bemerkenswertes Plädoyer für das Merkelsche "Wir schaffen das" - ein trotziger Widerspruch gegen lähmende Verzagtheit. Goebel spielte auch auf die Landtagswahl im kommenden Jahr an - dort würden als nächstes die Werte des Abendlandes verteidigt, "die Blau-Roten mit ihren Silberlingen aus Moskau sollten hier nicht gewinnen", sagte er unter Anspielung auf die AfD, die wie die Partei Die Linke zu den Putin-Verstehern gehört.

Das alles kleidet Goebel geschickt in die Ritterbegrifflichkeit, und so war er es, der die Tradition der Coprayer Hofrunde fortführte. Und die lebte eben von der Idee, politische Konflikte der Gegenwart im Spiegel mittelalterlicher Begriffe zu spiegeln und geistreich zuzuspitzen.

In der anschließenden Diskussion - auch sie ein neues Element -debattierten Krefelds DGB-Chef Ralf Koepke (quasi als Stachel im liberalen Fleisch) mit Beurskens, Goebel und dem FDP-Landtagsabgeordneten Dietmar Brockes zum Thema "Chancen des Niederrheins als Wirtschaftskraft in Europa". Die Runde war gehaltvoll, und auch DGB-Mann Koepke - der als unideologischer Kopf geschätzt und geachtet wird - erntete Applaus von den rund 200 Gästen.

Alles grundsolide, aber kreuzbrav, teils langweilig, eben nicht mehr die Coprayer Hofrunde - der Feder war die Spitze abgebrochen.

Quelle: RP
 
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