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Heimat in Krefeld
Der Franziskus von Hüls

Heimat in Krefeld: Der Franziskus von Hüls
Die Baskenmütze gehört zu ihm wie er zu Hüls: Ernst Schraetz, 84 Jahre alt. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. Ernst Schraetz ist zwar kein Heiliger und hat auch nicht wie Franziskus den Vögeln gepredigt - aber er hört ihnen zu. Und wie bei Franziskus gab es bei ihm eine Lebens- wende: Er arbeitete sich als Bergmann hoch - und schied bewusst aus dem Dienst, um "etwas Vernünftiges für die Menschheit zu tun". Von Jens Voss

Eine Redensart, die er gerne benutzt, sagt viel über ihn aus: "Sie glauben es nicht!"

So klingt das Staunen, dieses philosophischste aller Gefühle.

Staunen über die Fülle des Seins, über die Natur, die Dinge vor seinen Augen, all das Leben, das da kreucht und fleucht. Ernst Schraetz ist kein Heiliger wie Franziskus, und er hat auch den Vögeln nicht gepredigt, aber er hört ihnen zu. Wo andere Gezwitscher hören, hört er Gelbspötter, Nachtigallen, Blaukehlchen, Pirole oder Diestelfinken. Und wenn er später davon erzählt, leitet er es sicher mit den Worten ein: "Sie glauben es nicht!"

Dieses Staunen ist nicht kindlich-naiv, sondern wissend, denn daneben gibt es bei ihm auch Trauer über das, was nicht mehr ist. Der Artenverlust in unserer Landschaft ist so groß, dass Schraetz sich beim Gedanken daran in Rage reden kann: Die Absenkung des Grundwasserspiegels sei eine große Naturvernichtung, sagt er dann, oder er ist voller Unmut darüber, dass Krefeld Jahr um Jahr Millionen fürs Theater ausgibt, aber nicht annähernd soviel für den Schutz der Natur.

Die Zahlen sprechen für sich: Der Hülser Lehrer und Vogelkundler Theo Schreurs hat zwischen 1934 und 1963 im Hülser Bruch 53 Singvogelarten erfasst; bis 1985 sind zwölf Art verschwunden und 15 Arten stark zurückgegangen, berichtet Schraetz: "Es ist eine Katastrophe."

Schraetz ist Autodidakt in Sachen Naturschutz. Der gebürtige Hülser hat sich im Bergbau hochgearbeitet, war Grubensteiger, später Bergingenieur genannt. Studiert hat er, als er schon im Beruf war: "Wir sind jeden Tag in die Erde - und haben nachts gelernt." Er hat bei einer Sechs-Tage-Woche in der Schachtanlage Niederberg in Neukirchen-Vluyn gearbeitet - dort waren in der Hochzeit rund 5000 Menschen beschäftigt, die zwei Millionen Tonnen Kohle pro Jahr gefördert haben. Schraetz, der Ingenieur - das passt: Er ist kein Schwarmgeist, der sentimental in die Natur geht und vage fühlt. Er kennt. Er listet auf. Er zählt nach. Allein in seinem Garten habe er 400 Pflanzenarten kartiert, sagt er, "und das ganze Gemüse kommt noch dazu". Lacht. Die Freude an dem, was ist, ist bei ihm stets gepaart mit dem Drang, genau davon zu wissen. Er war an Pflanzen-Kartierungen mit der Uni Bonn und an Vogelzählungen beteiligt. 1982 ist er aus eigenem Antrieb aus dem Berufsleben ausgeschieden - weil er es unbedingt wollte: "Ich war über 31 Jahre auf dem Pütt, und dann wollte ich noch etwas Vernünftiges für die Menschheit tun." Mittlerweile ist er auch ein Gelehrter. Schratz hat 1976 den Naturschutzbund Krefeld-Viersen mitgegründet, der damals noch Deutscher Bund für Vogelschutz hieß. Er setzte sich seit Mitte der 70er Jahre für die Pflege von Kopfweiden ein, die zu verschwinden drohten; er hat den Naturführer-Klassiker "Die Krefelder Naturpfade" fortgeschrieben und um die "Neue Krefelder Naturpfade" ergänzt (herausgegeben von ihm und Hans Wilhelm Quitzow), und er pflegt das Gedächtnis an den Theo Schreurs, indem er seit vielen Jahren zu Pfingsten die Theo-Schreurs-Gedächtnis-Wanderung ab Hüls anbietet. Start fünf Uhr morgens - ein Erlebnis. Unterm Strich hat Schraetz mehr als 800 Naturwanderungen geleitet.

Bei all dem hat Schraetz Hüls nie wirklich verlassen. Er ist das älteste Kind in einer Familie mit sieben Kindern. Er ging aufs Moltke-Gymnasium; einer seiner Schulkameraden war Reinhard Feinendegen - es blieb eine lebenslange Freundschaft. Hüls ist ihm die Welt, ohne dass er heimattümelt. In dem Jahrbuch "Die Heimat" für 2009 - es war die Festschrift zu Ehren von Reinhard Feinendegen (der Jahrzehnte Schriftleiter der "Heimat"-Jahrbücher gewesen war) hat Schraetz einen schönen, wiederum für ihn typischen Beitrag geschrieben: Vieles sei ihm zur Heimat eingefallen, schreibt er, und beschreibt dann sein Hüls. Vereinsleben, Brauchtum, die Lindenspalierbäume vor seinem Elternhaus ("das einzig als rechtwinklig bekannte Lindenspalier"), die Dyks mit Sätzen wie: "Auf der Pappelallee zwischen Hölschen- und Boomdyk wachsen keine Pappeln mehr." Und er listet wiederum "Natur- und Heimatverluste" auf, denn: "Als Naturschützer kann ich es nicht unterlassen." Da stehen Sätze wie "Von 63 Tagesschmetterlingen vor 1960 sind 35 Arten verschwunden."

Am Ende ist man gerührt und weiß: Beim nächsten Gang durchs Hülser Bruch, das immer noch ein berückend schönes Stück Natur ist, wird es sein, als höre man im Wind die Worte: "Sie glauben es nicht!"

Quelle: RP
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