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Live-Musik
Der Jazzkeller wird 60 Jahre alt

Live-Musik: Der Jazzkeller wird 60 Jahre alt
1976 scherzte ein Gast an, dass nur noch Kamele in den Jazzkeller kommen, ein anderer wettete, dass ein solches Tier nie den Weg dorthin finden wird. Der Beweis war legendär. Rechts hinter dem Kamelkopf: Günter Holthoffvom Jazzklub. Foto: NN FOTO: JKK
Krefeld. 1958 öffnete sich erstmals die schmale Metalltür an der Lohstraße. Zum Geburtstag besinnt sich der Club, der viele nationale Größen hervorgebracht hat, auf seine Stärke: Live-Musik in intimer Atmosphäre. Von Alexander Triesch

Er spielte Schlagzeug. Und im Keller an der Lohstraße ging schon wieder das Virus um. Es war eine dieser wilden Nächte Anfang der 60er, kurz vor den Blumenkindern und Acidheads, Kennedy war noch kein Berliner und die Stones hatten sich gerade erst kennengelernt.

Damals war der Jazzkeller erst ein paar Jahre alt, hatte die großen Namen der nationalen und lokalen Szene aber schon hergeholt. Klaus Doldinger, Ecky Odenthal, Karl-Heinz-Uhlig. Und dann saß er dort und hielt die Drumsticks fest. Ein schmächtiger Junge, der im Breidenbacher Hof in Düsseldorf als Page arbeitete, aber eigentlich lieber immer nur hier wäre. Noch heute schickt er handgeschriebene Karten zum Geburtstag. Am 10. April ist es wieder soweit. Dann wird der Panik-Chef eine große 60 drauf kritzeln. Und unterschreiben mit: Udo Lindenberg.

Bernard Bosil sitzt mit seiner Cola an der Theke des Kellers und steckt sich eine Zigarette an. 2005 hat der 44-Jährige den Laden mit seiner Lebensgefährtin Jeanette Wolff übernommen, nachdem der vorherige Mieter Insolvenz anmelden musste. Im April wird der Club 60 Jahre alt. Seit 1958 sind hier schätzungsweise 6000 Konzerte gelaufen, nicht nur Jazz, sondern auch Rock, Pop, Punk und Metal. "Wenn dann ein Rapper dabei ist, ist das eben so. Nur eine Oper hatten wir noch nicht", sagt Bosil und lacht. Er und seine Vorgänger haben es geschafft, weltbekannte Stars wie Newcomer, die erst später den Durchbruch feierten, in den knapp 100 Quadratmeter großen Krefelder Keller zu bringen.

Neben Doldinger und Lindenberg spielten hier in den 60er und 70ern unter anderem Helge Schneider, Markus Lüpertz und der US-Pianist Champion Jack Dupree. Sie stiegen die Treppen hinab in den schwarzen Schlauch und wurden plötzlich zu ganz normalen Menschen. Machten einfach nur Musik, während Jugendliche und Rentner zusammen dem Rausch, aber niemals dem Namen dahinter frönten - und gerade deshalb immer wieder kamen. "Kellervirus" nennt Bosil das. Wer den Laden zum ersten Mal besucht habe, wolle auch schnell wieder kommen. "Im Keller ist alles ganz entspannt, alles easy", sagt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann, der schon als Jugendlicher im Jazzkeller kellnerte und heute als Chef jedes Wochenende hinter der Kasse sitzt und den Gästen beim Eintritt die begehrte Verzehrkarte austeilt. "Die Künstler werden hier in Ruhe gelassen. Niemand fragt nach Selfies oder Autogrammen. Es geht einfach nur um richtig gute Livemusik."

Die Gäste schätzen diese intime Atmosphäre und da ist es wohl kein Zufall, dass der Jazzkeller - das zweittälteste Lokal dieser Art in der Republik - unter den Krefeldern als "zweites Wohnzimmer" bekannt ist. Zuweilen treten auf der kleinen Bühne sogar Künstler auf, die Tage zuvor mit ihrer Band noch auf Welttournee waren. "Einmal kam Mel Gaynor, der Schlagzeuger der schottischen Band Simple Minds, direkt nach einem Auftritt der Band in Sydney zu uns", sagt Bosil. Auch die Band des mittlerweile verstorbenen Sängers Prince spielte im Jazzkeller. Helge Schneider soll heute noch spontan vorbeischauen, wenn er in der Stadt ist. "Wenn er Bock hat, spielt er Klavier, wenn nicht, trinkt er nur ein Bier." Alles easy eben im Keller. In 60 Jahren ist hier allerlei Skurriles passiert. Weil sich 1976 ein Gast beschwerte, dass mittlerweile "jedes Kamel in den Keller kommt", wettete ein anderer, dass an der Lohstraße niemals ein Kamel im Keller stehen kann. Und da sollte er sich irren, denn das ließen sich die übrigen Gäste nicht zweimal sagen und liehen bei einem Wanderzirkus in der Nähe ein echtes Kamel für ein paar Stunden aus und führten es die Stufen runter.

Bosil indes ist froh, die "von außen unscheinbare Tür" betreiben zu dürfen. "Ich wollte immer eine Kneipe haben, aber eine Location, wo Livemusik gespielt wird, wo richtiges Leben stattfindet", sagt er, während er die Mails abruft. Heute hat er 18 Anfragen von Künstlern bekommen, die im Jubiläumsjahr spielen wollen. Dabei steht das Programm längst fest. Nur ob der schmächtige Junge wieder am Schlagzeug sitzen wird, bleibt geheim.

Quelle: RP
 
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