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Krefeld
Der Mann, der Millionen Frauen rettete

Krefeld: Der Mann, der Millionen Frauen rettete
Harald zur Hausen ist ein geschätzter Gast in der Region: Das Foto zeigt ihn 2009 beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Mönchengladbach. Jetzt hielt er im Krefelder Hof vor 200 Gästen einen Vortrag. FOTO: ilg
Krefeld. Harald zur Hausen, dem 2008 der Nobelpreis für Medizin verliehen wurde, hielt vor den Rotariern einen packenden Vortrag über den Zusammenhang von Krebs und Ernährung. Von Jens Voss

Auch ernsten Themen kann man Heiteres abgewinnen: Harald zur Hausen, Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2008, gestand am Beginn seines Vortrages, dass er sich ernsthaft gefragt habe, ob er nicht besser nach dem Essen sprechen sollte. Gelächter - denn der Vortrag trug den Titel: "Rindfleisch und Milch als Risikofaktoren für Dickdarm- und Brustkrebs". Nun, das Menü des Abends sah Hirsch vor.

Es war ein besonderer Abend und ein besonderer Redner: Die Krefelder Rotarier hatten einen Mann zu Gast, der Millionen Frauen das Leben gerettet hat und noch rettet. Harald zur Hausen hat den bahnbrechenden Nachweis erbracht, dass Gebärmutterhalskrebs auf Viren zurückzuführen ist; auf der Grundlage seiner Forschung konnten Impfstoffe entwickelt werden, die seit 2006 verfügbar sind und weltweit diese Krebsart zurückdrängen.

Zur Hausen ist auf Vermittlung von Professor Jörg Baltzer nach Krefeld gekommen. Baltzer, ehemaliger Direktor des Klinikums Krefeld, ist in diesem Jahr zum Präsidenten des Rotary Clubs Krefeld gewählt worden und zur Hausen freundschaftlich verbunden. Baltzer erinnerte in seinen einführenden Worten daran, dass zur Hausen lange für seine These, wonach Viren für Krebs mitverantwortlich sind, angegriffen worden sei. Zur Hausen berichtet später, warum es so schwierig war, Viren als Täter dingfest zu machen: So dauert es bis zu 60 Jahre, bis nach einer Virusinfektion Krebs ausbricht - der Zusammenhang zu der Infektion ist also nur schwer nachweisbar oder überhaupt in den Blick zu bekommen.

Rotarier-Freunde: Harald zur Hausen (M.) mit Prof. Jörg Baltzer (r.) und Jochen Butz. FOTO: Lothar Strücken

Sein Vortrag - der 79-Jährige hielt ihn frei - geriet zu einem packenden Ausflug in die Welt der Forschung. Ausgangspunkt sind demnach statistische Beobachtungen, die ihre eigenen Tücken haben. So schien der Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und Dickdarmkrebs weltweit klar zu sein - wären da nicht Ausnahmen wie etwa die Mongolei, wo auch sehr viel Fleisch gegessen wird, ohne dass es dort eine hohe Dickdarmkrebs-Quote gibt. Zur Hausen berichtete, dass man sich dann die Rinderrassen genauer angeschaut habe - und siehe da: Nur die in der westlichen Welt verbreiteten Milchkuhrassen korrelieren mit erhöhten Dickdarmkrebsraten. Andere Rassen wie Zebu-Rinder oder deren genetische Verwandte sind davon ausgenommen. Japan ist ein eindrucksvolles Beispiel: Dort ist der Rindfleischkonsum der verdächtigen westlichen Milchkuhrassen drastisch gestiegen und mit ihm die Dickdarmkrebsrate. Japan ist zugleich ein Beispiel, wie Forscher sich vor raschen Schlüssen hüten müssen: Weltweit gibt es dort, wo es hohe Dickdarmkrebsraten gibt, auch hohe Brustkrebsraten - es lag also nahe, einen Zusammenhang mit dem Genuss von rotem Fleisch herzustellen. Diese These ist aber durch die Daten in Japan erschüttert worden: Dort stieg die Rate bei Darmkrebs, aber nicht die bei Brustkrebs.

Spannend für die Forscher wird es in den nächsten Jahren in China. Dort steigt gerade der Milchkonsum drastisch an. Da auch Milch in Verdacht steht, bestimmte Krebsarten (wie Multiple Sklerose) zu befördern, bleibt abzuwarten, ob sie auch in China steigen.

Mit solchen statistischen Beobachtungen nehmen Forscher wie zur Hausen quasi Witterung auf - der nächste Schritt liegt in der Ursachenforschung: Wie genau befördert rotes Fleisch bestimmter Rinderrassen den Ausbruch von Krebs? Auf diesem Feld bewegen sich die Wissenschaftler schnell auf molekularer Ebene: Es geht um Viren, Bakterien, DNA-Segmente, die sich in Zellen einnisten. Als Laie kann man schon bald nicht mehr folgen; man wünscht sich nur: Hoffentlich erkennen die Harald zur Hausens dieser Welt schnell viele weitere Zusammenhänge.

Durch den Vortrag ließen sich die etwa 200 Rotarier, die aus Krefeld und der Region gekommen waren, den Appetit nicht verderben. Schließlich gab es Unverdächtiges: Hirschragout mit Rotkohl, gefüllter Backapfel und Kartoffelklöße, danach pochierte Rotweinbirne mit Zwetschgensorbet.

Quelle: RP
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