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Serie Menschen Im Advent
Der Mittwochs-Vorleser

Serie Menschen Im Advent: Der Mittwochs-Vorleser
Zu Joachim Klupschs Vorlese-Favoriten gehört das Buch "Hinterm Vorhang sitzt der Wolf". Das Buch thematisiert Angst. "Das Gefühl kennen die Kinder, aber sie haben noch kein Wort dafür", sagt er. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Joachim Klupsch ist Lesepate: Er eröffnet Kindern magische Welten und entdeckt selbst auch Neues. Von Petra Diederichs

Mittwochs kommt Herr Klupsch. Dann herrscht Aufregung in der Kindertagesstätte Am Kempschen Weg: Wer gehört diesmal wohl zu jenen 16, die sich mit ihm auf eine Reise in eine andere Welt machen dürfen? Joachim Klupsch ist Lesepate: Einmal pro Woche liest er den Kindern vor - immer zwei Gruppen mit je acht Kindern.

"Die Erzieherinnen lesen natürlich auch mit den Kindern, aber das geschieht immer unter pädagogischen Gesichtspunkten. Bei mir ist das anders: Ich möchte, dass den Kindern innere Bilder geboten werden", sagt Klupsch. Seit gut fünf Jahren ist er ehrenamtlicher Lesepate der Mediothek. Seitdem geht der 73-Jährige regelmäßig in der Kinderbuchabteilung auf Entdeckungstour und hat festgestellt: Es ist gar nicht so einfach, ein gutes Kinderbuch zu finden. "Viele, die als Kinderbücher deklariert sind, sind eigentlich Erwachsenenbücher: Man merkt, es geht um etwas, das Erwachsenen wichtig ist, und das soll dann in die Kinder hineinprojiziert werden. Solche Bücher nehme ich nicht. Ich wähle die aus, die die Imagination fördern."

Morgen wird er vielleicht wieder "Der kleine Stern" mitnehmen. Mit zarten Bildern illustriert erzählt Masahiro Karuya die Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive eines unauffälligen Sterns, der mit den anderen auf dem Weg nach Bethlehem nicht mithalten kann. In der Adventszeit hat Klupsch fast immer dieses Buch dabei: "Der christliche Hintergrund unserer Kultur wird darin angesprochen, ohne dass die Bibel im Vordergrund steht." Das ist ihm wichtig: "Sein" Kindergarten ist städtisch, die Kinder kommen aus vielen Nationen. "Mein Anspruch ist es, christlich-religiöse Themen nicht auszuschließen", das kann er als katholischer Theologe auch gar nicht. Er sei da klar in seiner Haltung, aber halte sich dezent zurück, um auch nicht getaufte Kinder zu erreichen. Als Lehrer hat er Berufsschüler in Religion, Politik, Wirtschafts- und Sozialkunde und Pädagogik unterricht. Als Lesepate, sagt er, geht er zweckfrei vor. "Ich will den Kindern schon gar nichts überstülpen, was nicht ihrer Kultur oder Religion entspricht. Aber Weihnachten ist eine Erfahrung - ganz gleich, welchen Hintergrund man hat."

Ein guter Geschichtenerzähler kennt die Kinder, findet Klupsch. Er weiß, dass Dreijährige "in einem mythischen Alter sind, die Figuren aus der Trollen- und Zwergenwelt als Realität nehmen". In dieser Vorstellungskraft will Klupsch sie unterstützen, ihnen Identifikationsmöglichkeiten bieten oder ganz einfach: "für einen Augenblick fröhlich machen". Sprechende Tiere sind ideal, um Gefühle zu transportieren. Deshalb gehört ein schwarzer Wolf zu Klupsch Lieblingsfiguren. In "Hinterm Vorhang steckt der Wolf" ist das Tier hinter einer Klappseite verborgen. Der kleine Jonas fürchtet sich, und mit seiner Angst wächst das Tier - bis er es mit lautem Schreien verjagt. "Das Gefühl der Angst kennen auch schon ganz kleine Kinder, aber sie können es noch nicht benennen. Gute Kinderbücher helfen, Worte zu ermöglichen", sagt er. Deshalb liest er vor und erzählt nicht: "Wiederholungen sind wichtig." Dass Kinder die Tradition des Vorlesens nicht mehr kennen, kann Klupsch nicht bestätigen. Aber dass sich Kinder von Geschichten faszinieren lassen, motiviert ihn an jedem Mittwoch bei seinen Einsätzen. Für die Kinder ist er längst eine Berühmtheit geworden - ebenso wie Pimpelchen und Himpelchen, zwei fiktive Figuren, die Klupsch mit den Fingern darstellt und die jede Lesestunde eröffnen.

"Solche Rituale sind wichtig", sagt der Lesepate. Denn Regelmäßigkeit steht für Verlässlichkeit. Deshalb warten alle am Kempschen Weg immer auf den Mittwoch. "Ich nehme auch immer so viel Freude mit", erzählt Klupsch. Und auch sein eigenes Leseverhalten hat sich ein bisschen verändert. Der Mann, der früher vor allem Sachbücher verschlungen hat, hat eine Leidenschaft für Romane entdeckt. "Ich muss heute nicht mehr alles wissen."

Quelle: RP
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