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Krefeld
Der Tag, an dem Krefeld dennoch Karneval feierte

Prinzengarden ziehen nach Zug-Absage spontan durch Krefeld
Prinzengarden ziehen nach Zug-Absage spontan durch Krefeld FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Um kurz nach neun flossen auch bei gestandenen Gardisten Tränen - als endgültig feststand: Der Zug fällt aus. Das Prinzenpaar war untröstlich, hielt sich aber tapfer bei einem Mini-Umzug der Garden durch die Stadt. Und die 150.000 Karnevalisten, die vermutlich wieder gekommen wären, um den Krefelder Rosenmontagszug zu sehen? Viele von ihnen feierten dennoch. Von Henning Rasche und Jens Voss

Morgens, Krefelder Hof

Rosenmontag in Krefeld: Mini-Zug durch die Innenstadt

Es müssen bewegende Minuten im Krefelder Hof gewesen sein - gestern morgen, als das Krefelder Prinzenpaar und ihre Garden - die Prinzengarde und die Westgarde als Leibgarde der Prinzessin - die Entscheidung hörten: Zug abgesagt. "Es flossen viele Tränen", berichtet Rainer Küsters, Präsident der Prinzengarde, "vor allem beim Prinzenpaar". Er versuchte, die beiden zu trösten, berichtet er, "und dann gab es einen sehr emotionalen Moment: Ich sagte, es ist auch deshalb so schade, weil die Beiden ein so hervorragendes Prinzenpaar sind; da erhoben sich alle spontan von den Plätzen und applaudierten." Geholfen hat es nicht - die Tränen flossen bei dieser Bekundung des Dankes und des Respekts erst recht.

Mittags, Restaurant Hexagon

Gegen halb zwölf sammeln sich die tief enttäuschten Gardisten so langsam im Restaurant Hexagon im Seidenweberhaus, um zu beratschlagen, wie es weitergeht - und um den Frust wegzufeiern. Richtig geklappt hat es nicht. Das Prinzenpaar fehlte; beide waren untröstlich und mussten sich fassen und sammeln. Wie zum Hohn riss überm Theaterplatz der Himmel auf; es schien die Sonne, es wehte ein laues Lüftchen, es war perfektes Karnevalswetter - wo bitteschön war das Unwetter, das so gefährlich sein sollte? Küsters zuckte mit den Achseln. Was soll man machen, wenn die Feuerwehr warnt? "Wir konnten nicht anders, Sicherheit geht vor."

Rosenmontag in Krefeld: Prinzenpaar nach Absage untröstlich

Das Prinzenpaar kommt schließlich doch ins Hexagon, fast unbemerkt, Tränen in den Augen; der Prinz dreht sich zum Fenster, wohl damit niemand sieht, wie er weint. Das gleiche Bild auch bei den ganz in Schwarz gekleideten Ministern des Paares: Überall feucht schimmernde Augen.

Das Prinzenpaar zog sich schließlich in einen hinteren Raum zurück, begleitet nur von einigen Vertrauten - Interviewwünsche mussten erst einmal zurückstehen. Als es soweit ist und die beiden auf Fragen antworten, ist spürbar: Hier sind zwei, die sehr bewusst dieses Amt angegangen sind und es sympathisch, natürlich und authentisch ausgefüllt haben, und nun sind sie tieftraurig und untröstlich, dass dieser Tag, der der schönste in einem Karnvelistenleben ist, so endet.

Nachmittags, der Miniumzug

Später gehen sie tapfer mit, als die Garden zu einem kleinen Umzug durch die Stadt aufbrechen - Betonung auf tapfer. Die Traurigkeit ist steter Begleiter, und dass sie diesen Gang dennoch angetreten haben, zeigt einmal mehr, warum beide für Krefeld ein so gutes Prinzenpaar waren. Wie sollte der Prinz im Interview mit unserer Redaktion sagen: Man übernimmt Verantwortung. Die haben sie auch gestern übernommen. Allen Tränen zum Trotz.

Mittags, in der Stadt

Ein Taxi bleibt auf der Straße stehen. Der Fahrer steigt halb aus der Tür, ruft "Hey, ihr!" und wedelt mit einer Löwenmaske. Ein Tiger kommt angerannt, nimmt die Maske, bedankt sich brav. Zwei, drei Tropfen fallen vom Himmel, in den Pfützen vor dem "Gleumes" spiegeln sich die Sonnenstrahlen. Innen trinken die Menschen Alt, als gebe es die Welt da draußen überhaupt nicht. "Wir gehen immer hierhin, ob Rosenmontagszug ist oder nicht, das ist uns egal", sagt ein Clown.

Mittags, Friedrichsplatz

Am Friedrichsplatz stehen Claudia und Lothar Jansen, sie suchen ihre Kinder. Beide tragen über ihren Kostümen dünne Regenjacken. Er ist Frau Antje, sie eine Katze. Sie hatten überlegt, ob sie nicht nach Köln fahren sollten, wo sie als einzige dem Wetterirrsinn standgehalten haben. "Aber die Absage kam zu spät", sagt Claudia Jansen. Warum, fragt sie, hätte man den Zug hier in Krefeld nicht durchziehen können? Ohne Pferde vielleicht, ohne Schirme, so wie in Köln?

Dem Ehepaar scheint die Sonne ins Gesicht. Die Regenmäntel hängen herunter, gebraucht haben sie sie bisher nicht. Vor dem Rathaus, finden sie, hätten sie was veranstalten sollen. Musik oder so. "Ich glaube nicht, dass sie den Zug wegen des Sturms abgesagt haben", sagt Claudia Jansen, die Katze. Warum dann? "Andere Gründe. Zu viel Stress, also politisch. Flüchtlinge, Terror."

Mittags, Nordbahnhof

Im Nordbahnhof wollten sie erst um 13.11 Uhr aufsperren, durch den Regen waren es ein paar Minuten eher. Jochen Moors ist für die Sicherheit verantwortlich, er steht vor der Tür, durchsucht Rucksäcke, hat ein Auge auf die Gäste. Er erzählt, dass sie das Zelt beschwert hätten, damit es nicht wegfliegt. Es wäre wohl auch sonst nicht weggeflogen.

Frage: Profitieren die Wirte eigentlich von der Zugabsage? Viktor Furth, der Chef im Nordbahnhof, verneint. "Viele Leute überlegen sich jetzt, was sie machen. Die fahren woanders hin oder bleiben auf dem Sofa. Es kommen eher weniger als mehr." Die Stimmung aber ist prima - und gut gefüllt ist der Laden auch so. Die Piraten, SEK-Beamten und Supermänner schütteln mit dem Kopf, wenn man sie fragt, ob sie den Zug vermissen.

Mittags, Von-der-Leyen-Platz

Der Von-der-Leyen-Platz und das Rathaus glänzen im Licht der Sonne. Tatsächlich, es ist halb zwei, und das Sturmtief ist nicht da. "Hey, was geht ab, wir feiern die ganze Nacht", schallt es aus der Box. Ein paar Feierwütige, vielleicht 20, tanzen Polonaise. Sie lassen sich nicht vertreiben, nicht von der Deutschen Unwetterzentrale, nicht von einer Zugabsage. Christine, die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. "Unsere Gesellschaft hat zu viel Angst", meint sie. Nicht vor Stürmen, sondern vor Terror, glaubt sie.

Nachmittags, Hochstraße

Auf dem Weg durch die Hochstraße, an den geschlossenen Geschäften vorbei, lassen zwei Clowns die Schultern hängen. "Wo ist der Zug eigentlich? Und wo der Sturm?", fragt Katharina Müller, eine der beiden Clowns. "Es tut mir leid für die Leute, die so viel Energie reingesteckt haben", sagt ihre Freundin Karen Everszumrode. Sie hätten sich auch vorstellen können, dass man es macht wie in Köln. Rosenmontagszug light, mit weniger Risiken. Ob sie sich auf einen Nachholzug im April freuen? "Ist vielleicht ein bisschen komisch, aber das wäre okay", sagt Katharina Müller.

Nachmittags, der Miniumzug

Gegen kurz nach zwei treten die Karnevalisten aus dem Hexagon auf den Theaterplatz. Etliche lassen die trotz Miniumzug hängen. Während ein Teil der Gardisten um halb drei feiert, tanzt, singt und lacht, schaut Prinz Oliver I. auf sein Handy. Er lacht nicht, grinst nicht, tanzt nicht, singt nicht. Was macht man mit so einem Tag? Mitlaufen, Rosenverteilen, Helau rufen. Mit seiner Prinzessin Danny I. lächelt er die Leute an - irgendwie geht das.

Quelle: RP
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