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Krefeld
Die Alpen in Gemälden des 19. Jahrhunderts

Krefeld: Die Alpen in Gemälden des 19. Jahrhunderts
Christoph Dautermann vor einem Alpen-Idyll mit seinem Buch zur Alpenmalerei des 19. Jahrhundert. FOTO: T. Lammertz
Krefeld. Christoph Dautermann veröffentlicht ein Buch über die Schweizbegeisterung. Auch Krefeld war damals vom Helvetia-Virus befallen. Von Otmar Sprothen

Aufmerksame Besucher des Linner Jagdschlosses entdecken unter den Ausstellungsstücken ein unscheinbares Mokkatässchen, das mit Schweizer Landschaftsmotiven ausgeschmückt ist. Es stammt aus einer englischen Massenproduktion des 19. Jahrhunderts und beweist, dass die damalige Begeisterung in Europa für alles Schweizerische auch den Niederrhein beherrschte, erklärt der stellvertretende Leiter des Museums Burg Linn Christoph Dautermann. Gestern hat er sein Buch"Alpenbegeisterung in der Malerei des 19. Jahrhunderts" vorgestellt. Der promovierte Volkskundler und Kulturhistoriker hat hierfür den 650 Gemälde umfassenden Bestand von Alpenbildern zweier Privatsammlungen ausgewertet.

Im Mittelpunkt der mit vielen Bildbeispielen unterlegten Untersuchung steht die Frage, was Menschen des 19. Jahrhunderts dazu trieb, sich in ihren Wohnungen mit Alpenbildern zu umgeben, einer Kunstgattung, die nicht wenige als "über dem Sofa hängender röhrender Hirsch" als kitschig oder pathosbeladen abtun. Sarkastisch spottete der Maler Max Liebermann über die Alpenmalerei. "Immer, wenn man was sehen will, kommt ein Berg." Zu Unrecht, findet Dautermann. Die Grenzen zwischen Kitsch und Kunst seien fließend.

Zwei Bären mit Kuhkadaver - um 1850 von einem unbekannten Maler in Öl auf Leinwand gebracht. Das 37,5 x 48,5 Zentimeter große Bild im repräsentablen vergoldeten Rahmen ist in Dautermanns Buch abgebildet. FOTO: RP

Der Autor geht den Ursachen dieser Bilderflut nach, sucht nach Beweggründen, warum die Schweizer Berge zur frühen Schablone eines weit nach England, Frankreich und in die damalige deutsche Staatenwelt wirkenden Kulturphänomens werden konnte. 1761 rückte Jean-Jaques Rousseau mit seinem Roman "Julie oder die neue Héloise" die unberührte Natur der Alpen um den Genfer See ins Blickfeld gebildeter englischer, französischer und deutscher Jungadligen, die den aufklärerischen Drang nach Freiheit mit ihrer Sicht der Schweizer Geschichte und Landschaft verbanden. Es kam zu einer Schweizbegeisterung, die dazu führte, dass die damals bettelarme Schweiz immer mehr Besucher von auswärts anlockte - auch viele Maler. Adlige bauten auf ihren Landsitzen schweizerische Landschaften nach. Reste davon existieren noch heute, so das Schweizerhaus im Schlosspark Ludwigslust, ein ähnliches in Bad Liebenstein. Karl Friedrich Schinkel entwarf ein Schweizerhaus für die Pfaueninsel bei Potsdam.

Nun verlangte auch das Bürgertum nach Alpengemälden, die kostbar gerahmt, Ausweis eigener Sehnsüchte oder Erinnerung an eine Reise oder nur Statussymbol waren. Der aufkommende Tourismus der begüterten Schichten beflügelte diesen Trend. Die Widrigkeiten des Reisens wurden durch Dampfschiff und Eisenbahn bequemer. Englische Touristen wandten sich dem Ersteigen der Alpenberge zu, Berichte sind überliefert, in denen Jungadlige Wetten abschließen, wer als Erster einen Gipfel ersteigt.

Die bettelarmen Schweizer suchten, auch etwas vom Kuchen abzubekommen. Sie gründeten mit meist ausländischem Kapital Mal- und Schnitzschulen und bauten Unterkünfte für die Gäste, wobei der Gewinn allerdings wieder den Investoren zufloss. Eine der ersten Malschulen ist die von Interlaken am Thuner See. Gemälde entstanden am Fließband: Spezialisten pinselten hintereinander ihr Motiv in das Bild, das zum Schluss vom Meister durch Signierung verantwortet wurde. Es gab auch Maler, die das Erhabene und Religiöse der Berglandschaft darstellen wollten und die Berglandschaft zum Sitz der Götter überhöhten.

"Ich habe auch untersucht, was die Maler nicht darstellen wollten: Armut und Luftverschmutzung der frühen Industrialisierung," erklärt Dautermann. Maler wie Adolph Menzel haben schon damals die Praktiken ihrer alpenbegeisterten Kollegen kritisiert und ihre Kritik in Bildern wie "Eisenwalzwerk" vorgestellt. Das 19. Jahrhundert ist eine für die Entwicklung einzelner Malstile interessante Zeit. Diesen Aspekt hat der Autor umgangen: "Es ging mir hauptsächlich um die romantische Massenware und was sie kulturhistorisch trotzdem interessant macht."

Christof Dauermann, Alpenbegeisterung im Spiegel der Malerei des 19. Jahrhunderts , 39,95 Euro. Erhältlich im Museumsshop und im Buchhandel.

Quelle: RP
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