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Krefeld
Die Amtskette des Oberbürgermeisters

Krefeld: Die Amtskette des Oberbürgermeisters
Karsten Schüller (Abteilungsleiter Büro des Rates) mit dem Koffer, in dem die Oberbürgermeisterkette aufbewahrt wird. FOTO: T.L.
Krefeld. Räuberpistole, historischer Irrtum, Napoleon, Nazis: An der Amtskette des Oberbürgermeisters hängen Geschichte und Geschichten. Ein Exkurs anlässlich der Vereidigung von Frank Meyer. Von Jens Voss

Räuberpistole, historischer Irrtum, Napoleon, die preußischen Reformen: An der Amtskette, die Krefelds neuer Oberbürgermeister Frank Meyer demnächst tragen wird, hängen nicht nur Kettenglieder und das Wappen Krefelds, sondern jede Menge interessanter Geschichte und Geschichten. Heute wird Frank Meyer im Rat seinen Amtseid sprechen - und um ein Haar würde er dies vor einem Rat tun, in dem jedes Ratsmitglied eine Kette trägt.

Hintergrund: 1808 erließ Preußen die "Ordnung für sämtliche Städte der preußischen Monarchie" und legte darin die Amtstracht aller Ratsmitglieder fest: In großen Städten sollten sie "in ganz schwarzer Kleidung" erscheinen und zudem "goldene Ketten mit goldenen Medaillen" tragen. In mittleren (damit weniger reichen) Städten sollten Silberketten reichen, in kleinen Städten taten es auch "silberne Medaillen an einem Bande mit silberner Einfassung".

Zum Foto rechts: Ein quadratisches Brustschild trägt das Wappen der Stadt. Der Wappenschild ist, den heraldischen Farben gemäß, in Weißgold, persischem Lapislazuli und indischem Karneol gearbeitet. Die Wappenbilder sind vollplastisch und aus Gold, auch hier den heraldischen Farben entsprechend rot-, gelb- und weißgold abgetönt. Der schwarze Querbalken (im alten Moerser Wappen zu Füßen des Heiligen Dionysius) und die Kreuze in den kleinen Schilden (kurkölnisches Wappen) sind aus Onyx. FOTO: Thomas Lammertz

Was so pittoresk klingt, war 1808 eine Revolution von oben: Die neue preußische Städteordnung war Teil der Hardenbergschen Reformen, die aus dem rückständigen preußischen Königreich einen modernen Staat machen sollten; Hintergrundrauschen dazu bildete die Französische Revolution und der Siegeszug Napoleons in Europa. Seine Erfolge hatten eben auch die Schwächen der rückständigen europäischen Monarchien gnadenlos offengelegt.

Ein Teil der Reformen war die Stärkung der Kommunalverwaltung, die Dezentralisierung der Verwaltung aus der Erkenntnis, dass bürgerliche Selbstverwaltung effektiver war als monarchischer Zentralismus.

Die Sache mit der Amtskette war ein voller Erfolg: Dieses Signum war so eingängig, dass Ende des 19.Jahrhunderts die Auffassung vorherrschte (sogar in Lexika), die Tradition stamme aus dem Mittelalter. Die Mittelaltersehnsucht des Jahrhunderts erdichtete sich einen Mythos, an den es schließlich selbst glaubte. Doch es war eben nur eine schöne Erfindung, die lange nachwirkte. Immerhin hat es bis 2002 gedauert, bis der Historiker Gunter Stemmler in einer Dissertation eingeschärft hat: Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Amtskette des Oberbürgermeisters zu dem, was sie heute ist - zum feierlichen Ausdruck bürgerlichen Stolzes und bürgerlicher Selbstverwaltung.

Auch die erste oberbürgermeisterliche Amtskette Krefelds entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, und um sie rankt sich ein spannendes Stück Welt- und Kriminalgeschichte. Die erste Amtskette Krefelds wurde 1855 dem Oberbürgermeister Heinrich Ondereyck als persönliches Eigentum zugewiesen. Sie war aus purem Gold und mit zwei goldene Schaumünzen versehen, die den Stifter - Friedrich Wilhelm IV. mit der preußischen Krone - und den Krefelder Stadtpatron, den heiligen Dionysius, zeigten. Die Kette blieb nach Ondereycks Tod im Jahr 1876 zunächst im Besitz der Familie, bis die Stadt Krefeld sie kaufte. Das Gewicht der Kette lag bei 319 Gramm (79 Gramm Feingold und 240 Gramm 16-karätiges Gold).

Diese Kette ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verschollen. Der Nazi-Oberbürgermeister Alois Heuyng, der sich wie die übrigen Nazi-Bonzen der Stadt 1945 vor den anrückenden Amerikanern über den Rhein aus dem Staub gemacht hat, hat 1964 behauptet, die Kette sei in der Bombennacht 1943 im Rathaustresor verglüht. Heute zweifelt man daran, ohne genau zu wissen, ob Heuyng, der Nazi, der Judenhasser, der Feigling, auch ein Lügner und Dieb war. Die Kette des Oberbürgermeisters jedenfalls tauchte in einem Verzeichnis aus dem Jahr 1944 auf, in dem Materialien der Stadtverwaltung aufgelistet sind, die in zwei Kisten nach Minden ausgelagert werden sollten. Aufgelistet waren auch die Amtsketten des Bürgermeisters von Uerdingen und die sechs Amtsketten der Beigeordneten. Aus dem Inhalt beider Kisten sind nach 1945 Gegenstände wieder aufgetaucht - die Amtsketten aber blieben verschwunden. Heute geht man davon aus, dass die Ketten Plünderern in die Hände fielen. Die Stadt Krefeld hatte sogar die Kriminalpolizei in Minden und den Oberstaatsanwalt in Bielefeld eingeschaltet - ohne Erfolg.

Die heutige Amtskette wurde in den 60er Jahren gefertigt. Der Impuls dazu ging auf Oberbürgermeister Herbert van Hüllen zurück. Die Kette ist bescheidener als die erste der Stadt: Sie besteht aus Silber, das Stadtwappen ist aus unterschiedlichen Legierungen von Weißgold, Gelbgold und Rotgold gefertigt, so dass sich alle Einzelheiten gut abheben. Laut Hauptsatzung der Stadt wird sie bei "feierlichen Anlässen" getragen.

Quelle: RP
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