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Krefeld
Die Angst vor 1000 neuen Nachbarn

Krefeld: Die Angst vor 1000 neuen Nachbarn
Unmittelbar hinter den Bahngleisen im Hintergrund liegt das ehemalige Kasernengelände, auf dem ab April bis zu 1000 Flüchtlinge untergebracht werden. Ladeninhaberin Birgit Gerdes hat Angst vor der neuen Situation. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Birgit Gerdes betreibt den einzigen Laden in der Nähe des geplanten Flüchtlingslagers auf dem Kasernengelände in Forstwald. Die 53-Jährige ist meist allein in ihrem Geschäft und sorgt sich, Opfer von Diebstahl oder Raub zu werden. Von Carola Puvogel

Mit gemischten Gefühlen sieht Birgit Gerdes dem 1. April entgegen. Dann nämlich wird das große Flüchtlings-Camp auf dem ehemaligen Kasernengelände in Forstwald in Betrieb gehen - und die Ladeninhaberin bekommt von jetzt auf gleich 1000 neue Nachbarn. Ihre Verunsicherung ist groß. "Ich habe Ängste, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt", sagt die 53-Jährige.

Knapp 200 Meter ist das Haupttor des Camps am Stockweg von Gerdes' kleiner Postagentur an den Bahngleisen entfernt. Ihr Forstwald-Office ist die einzige Einkaufsmöglichkeit in dem abgelegenen Stadtteil, die nächsten Geschäfte sind in St. Tönis oder Krefeld, und damit mehrere Kilometer entfernt. Gerdes verkauft ein kleines Sortiment an Süßigkeiten und Getränken, Backwaren, Zigaretten, Schulbedarf und Zeitschriften. Außerdem hat sie eine Postagentur und eine Reinigungsannahme.

"Ich weiß, dass die Bewohner, die da kommen, ganz, ganz arme Menschen sind", sagt sie und betont, wie wichtig es ihr ist, niemanden pauschal vorzuverurteilen, dass sie an das Gute im Menschen glaubt. Dennoch: Ein Gefühl der Verunsicherung sei immer da. "Und diese Ungewissheit, die hab ich nicht gern", sagt sie. "An den meisten Tagen bin ich ganz allein hier im Laden. Was, wenn fünf, sechs Männer reinkommen und mich beklauen? Die können mich doch überrumpeln. Was soll ich dann tun?" Und: "Es ist doch normal, dass man als Frau ängstlich ist."

Die Ängste seien nicht erst mit den Ereignissen von Köln gekommen. Eine Rolle spielt sicherlich auch, dass Birgit Gerdes vor sieben Jahren in ihrem Laden von zwei maskierten Tätern überfallen und ausgeraubt worden ist. Die Männer, die nie ermittelt werden konnten, bedrohten die Inhaberin mit Schusswaffen, zwangen sie, Bargeld und Briefmarken herauszugeben und den Tresor im Untergeschoss zu öffnen. Dass Überwachungskameras im Laden installiert sind, sei den Männern völlig gleichgültig gewesen. "Seither habe ich panische Angst, alleine in den Keller zu gehen", erzählt sie - trotz Trauma-Therapie hat sie sich von dem Schock nie erholt. Nicht die besten Voraussetzungen, meint Gerdes, um dem riesigen Flüchtlingscamp mit Gelassenheit entgegenzusehen. "Ich will mich auch nicht verrückt machen. Aber ich wünschte wirklich, es wäre den ganzen Tag jemand mit mir im Laden, so dass ich nicht allein sein muss."

Viele Kunden sprechen Birgit Gerdes dieser Tage auf die Situation an. "Ich kann es bald nicht mehr hören", erzählt sie. Manche erzählten Schauergeschichten. Und andere wieder würden gut gemeinte Ratschläge geben. "Was mir schon alles empfohlen worden ist: Ich soll eine Pommesbude aufmachen, Datteln und Feigen ins Sortiment nehmen oder syrische Zeitungen verkaufen", listet sie auf. "Viele Leute glauben, dass ich hier demnächst einen riesen Reibach machen werde. Für mich steht aber erst mal meine Sicherheit im Vordergrund, und nicht mein Gewinn."

An große Umsatzzuwächse glaubt die erfahrene Geschäftsfrau, die ihren Laden seit 1999 betreibt, erst mal nicht. "Ich habe aus sicherer Quelle gehört, dass das Flüchtlings-Camp einen eigenen Kiosk bekommt. Der soll übrigens bewacht werden."

Quelle: RP
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