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Krefeld
Die Erbärmlichkeit des Ostens

Krefeld. Premiere des Kresch-Theaters. "Hab ich dir eigentlich schon erzählt".

Wer die jüngste Kresch-Premiere nicht miterlebt hat, der hat was verpasst. Wie einst Hänsel und Gretel, so ließen sich auch Anne und Max am Freitagabend von echten und gefühlten Gefahren nicht unterkriegen. Als sie zufällig aufeinandertrafen und feststellten, dass sie Annes alleinerziehende Mutter und Max' alleinerziehenden Vater, die real-sozialistische Gängelei in der Schule, die chemisch verseuchte Luft und die Erbärmlichkeit der Wohnsilos in der DDR nicht mehr ertrugen, da beschlossen sie ebenso spontan wie naiv, gemeinsam abzuhauen und per Anhalter den Weg durch die Ostblockländer bis an den freien und hellen Strand des Mittelmeers zu wagen.

Romantisch ist das Road Movie nicht, das die Buchautorin Sibylle Berg ihren Protagonisten zumutet, und doch wechselten die brenzligen Situationen mit verkorksten Fernfahrern, Kinderfängern und Kinderheimen und zum Glück manchmal desinteressierten Grenzern ab mit grotesken Teenager-Krächen und Momenten purer Romantik.

Die Bühnenfassung von Andreas Erdmann, inszeniert als Theater im Klassenzimmer von Helmut Wenderoth, bestand im Grunde nur aus dem erstklassig verdichteten Text, einem ganz reduzierten Bewegungsrepertoire und ein paar Kleiderwechseln auf offener Bühne. Doch was die beiden Darsteller daraus machten, war schlicht umwerfend. Laura Thomas, ein Quecksilber vor dem Herrn, sprang innerhalb von Sekunden durch Annas Stimmungen - erst himmelhochjauchzend, dann zu Tode betrübt und wieder zurück, gerade noch zum Verlieben warmherzig und schon abstoßend banal pubertär. Benedikt Hahn, anfangs steif, wie in der Rolle angelegt, aber zunehmend selbstbewusst und pfiffig, überzeugte nicht minder. Und das Zusammenspiel von dicht gesetzten sprachlichen Pointen, ausgezeichneter stimmlicher Artikulation und mimischem Vollblut steigerte sich in geradezu genial gelungene Szenen.

(MoMe)
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