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Krefeld
Die etwas andere Arbeitsvermittlung

Krefeld: Die etwas andere Arbeitsvermittlung
Posen üben zur Aufwärmung und um das Selbstbewusstsein zu stärken. Seit Mai nehmen 14 Arbeitsuchende freiwillig an dem Pilotprojekt JobAct Family in Krefeld teil. Es verbindet kreative Arbeit auf der Bühne mit klassischem Bewerbungstraining. FOTO: Lothar Strücken
Krefeld. In Krefeld nehmen 14 Arbeitsuchende an dem einzigartigen Projekt JobAct Family zur Arbeitsvermittlung teil. Es richtet sich ausschließlich an (Allein-) Erziehende und nimmt auf deren individuellen Stärken Rücksicht. Das Besondere: Die Teilnehmer lernen, mit Hilfe einer Theaterstückinszenierung ihre persönlichen und beruflichen Kompetenzen zu reaktivieren. Von Richard Hill

Auf einer improvisierten Bühne unter der Fabrik Heeder, in der Jugendkulturwerkstatt JUKS, laufen nacheinander Darsteller über eine zweiseitige Treppe und nehmen dahinter Positionen auf einem fiktiven Marktplatz ein. Jeder Einzelne dabei mit einer individuellen Haltung und Ausdruck. Der exklusive Ausschnitt aus dem frisch einstudierten Stück "Die Nashörner" von Eugène Ionescu ist jedoch kein Werk von professionellen Theaterschauspielern, sondern von Arbeitssuchenden und ist Teil des Projekts JobAct Family Krefeld.

Das in dieser Form einzigartige Format wird zum ersten Mal in Krefeld eingesetzt und als Maßnahme vom Jobcenter Krefeld in Kooperation mit der EuBia GmbH finanziert. Für das Pilotprojekt haben sich bereits in diesem Mai 14 Freiwillige gefunden, die sich von Birgit Axler-Cohnitz und Predrag Kalaba von der Projektfabrik GmbH sowohl auf der Bühne als auch im fachlichen Bewerbungstraining und Arbeitsvermittlung coachen lassen. Voraussetzungen für die Teilnehmer gab es dabei - neben der Tatsache erziehend oder alleinerziehend zu sein - lediglich darin, dass sie sich freiwillig zu dem Projekt meldeten.

"Es handelt sich bei unserer Arbeit um individuelles Training, das auf die Interessen und Ziele der Menschen abgestimmt ist. Es geht auch darum berufliche Kompetenzen zu reaktivieren und praktisches Denken, Ausdauer, Geduld oder Körpersprache zu trainieren. Dabei kann es dann auch schon mal vorkommen, dass die Teilnehmer bei uns zu der Erkenntnis kommen, dass sie ganz andere Dinge machen können und wollen", erklärt Birgit Axler-Cohnitz von der Projektfabrik GmbH. Insgesamt sieht das Projekt, das es in Abwandlungen auch für Jugendliche gibt und deutschlandweit praktiziert wird, zwei Phasen vor.

In einer ersten Phase geht es vorrangig um das Erlernen von Kompetenzen anhand des Theaterspiels. Sieben Monate lernen, proben und spielen die Teilnehmer rund 25 Stunden die Woche, vier Tage die Woche. Am fünften Tag gibt es Unterstützung durch die Bewerbungsmanagerin Gabriele Koudsi von der EuBiA GmbH. In der zweiten Phase finden betriebliche Praxiseinsätze statt, in denen die Teilnehmer begleitet und sozialpädagogisch betreut werden. Danach, so hoffen die die Beteiligten, haben entweder alle wieder eine Anstellung oder zumindest die Perspektive und den Willen und das Ziel, um selbstbewusst und mit einem Plan durchzustarten.

Doch nicht nur der Aufbau und das Theater unterscheiden JobAct von anderen Maßnahmen, die für Arbeitssuchende angeboten werden. Michael Gürtler, 39, ist alleinerziehender Vater, ausgebildeter Koch und nimmt ebenfalls teil, er weiß: "Das ist hier etwas ganz anderes! Man fühlt sich persönlich betreut und das Klima in der Gruppe ist vertrauensvoll, denn es sind alles vernünftige und ordentliche Menschen. Ich habe zuvor fünf oder sechs andere Maßnahmen mitgemacht und da war es immer das Gleiche: Man steht rauchend und unmotiviert herum, die Leute, eher Chaoten, riechen nach Alkohol und haben keinen Elan etwas zu erreichen. Auch die Betreuung litt darunter und es konnte mir nicht annähernd so gut weitergeholfen werden."

Andrea Röber, 41, ergänzt den Eindruck, dass es sich um ein erfolgreiches Format handelt: "Ich bin alleinerziehende Mutter und war zuvor im Gastro-Bereich tätig. Ich weiß nun allerdings, dass ich mit Kindern arbeiten möchte und mir das besser liegt. Ich habe so auf jeden Fall einen Weg gefunden, den ich weiter verfolgen kann." Eben diese intrinsische Motivation ist es, die den Teilnehmer mit auf den Weg gegeben werden soll - und das auf lange Sicht und auch nach Rückschlägen oder in schwierigen Zeiten. "Gemäß dem Motto "Der Weg ist das Ziel" wollen wir auch das Wissen und die Perspektive weitergeben, dass sich alle klar darüber sind, was sie wirklich wollen", so Gabriele Koudsi.

Für die Zukunft wird noch offen bleiben, ob das Format in fortgeführt wird, Claudia Brüker, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt vom Jobcenter Krefeld, ist jedoch zuversichtlich: "Zunächst ist am 16. Oktober die Premierenaufführung, zu der wir auch Arbeitgeber einladen und so zu vermitteln versuchen. Wir glauben, dass das Projekt ideal für die Gruppe der Erziehenden als zuverlässige Personen mit großem Potenzial und einer gewissen Vorbildfunktion ist."

Quelle: RP
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