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Krefeld
Die fatale Mathe-Hürde

Krefeld: Die fatale Mathe-Hürde
Mathe-Experten: Lehrer Hans-Joachim Moß, Studentin Linda Wennekers, Prof. Georg Vossen und HN-Präsident Prof. Hennig von Grünberg (v.l.). FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Das Mathe-Wissen angehender Studenten reicht sehr oft nicht fürs Studium. Die Hochschule steuert deswegen seit zweieinhalb Jahren mit Aufbaukursen gegen. Ein Erfolgs-Modell. Von Bärbel Kleinelsen

Schüler, nach ihrem Lieblingsfach befragt, antworteten jetzt in einer Umfrage mit "Sport und Mathe". Nicht alle, aber überraschend viele. Mathelehrer Hans-Joachim Moß schmunzelt und meint: "Hätte man nach dem schlimmsten Schulfach gefragt, wäre bestimmt auch Mathe genannt worden." Aus seiner Erfahrung als Lehrer eines naturwissenschaftlichen Faches an einem Gymnasium weiß er um die Hassliebe der Schüler zur Mathematik. Seit drei Jahren kann er seine Studien auch auf angehende Studenten ausweiten. Denn seit dieser Zeit ist er einer der Lehrbeauftragten der Hochschule Niederrhein und erklärt in Aufbaukursen die Grundlagen der Mathematik.

Das, was viele Studenten richtiggehend schockt, ist gleich mehrmals auf der Homepage der Hochschule zu lesen. "Es sind keine technischen Hilfsmittel erlaubt." Sprich, die Taschenrechner bleiben zu Hause. "Das sind viele aber aus der Schule überhaupt nicht gewöhnt. Dort wird spätestens in der Mittelstufe mit Taschenrechnern gerechnet", erklärt der Pädagoge. Ein möglicher Grund dafür, warum das Matheverständnis bei vielen zu wünschen übrig lässt, wenn sie sich an der Hochschule für Fächer einschreiben wollen, die mathematische Kenntnisse voraussetzen. Und das sind überraschend viele. "Wir bieten inzwischen 16 Ausgleichkurse an, da bis auf zwei Fachbereiche in allen anderen Mathe-Grundlagen vorhanden sein müssen", sagt Prof. Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule.

Besonders dankbar für die angebotenen Kurse seien Studenten im Bereich Gesundheitswesen, weiß Lehrer Moß. "Diese Studenten sind besonders engagiert und aufmerksam. Man merkt, dass sie das angebotene Wissen zu schätzen wissen. In der Schule war ich gewohnt, um die Aufmerksamkeit der Schüler kämpfen zu müssen." Präsident von Grünberg plädiert dafür, in der Schule mehr Wert auf Grundlagenwissen zu legen und dafür auch in Kauf zu nehme, dass andere Fächer zu kurz kommen. Mut zur Lücke könnte man es auch nennen. "Wenn es nach mir gehen würde, könnte in der Schule auf ein Fach wie Geografie ganz verzichtet werden, wenn die dadurch freiwerdenden Stunden für Wiederholungen in den Basis-Fächern Mathe und Deutsch genutzt würden. In beiden Bereichen stellen wir deutliche Defizite fest", sagt er und meint weiter: "Eigentlich müssten wir auch noch Schreibwerkstätten anbieten, um die Fähigkeiten in Deutsch zu optimieren." Doch nicht nur fehlende schulische Kenntnisse sind aus Sicht der Experten ein Problem. Auch die beständig steigenden Studentenzahlen sehen die Wissensvermittler kritisch. Haben zuvor 42 Prozent der Jugendlichen mit dem erforderlichen Schulabschluss ein Studium begonnen, sind es inzwischen 59 Prozent.

Es sei politisch gewollt, dass Studium zu einem Normfall werde, erklärt von Grünberg. Doch dadurch gerate man inzwischen weit ins schulische Mittelfeld, was wiederum zur Folge habe, dass aussortiert werden müsse, zum Beispiel durch Prüfungen vor Studienbeginn. Dank der Aufbaukurse konnten im Testbereich Mathe deutliche Verbesserungen erzielt werden, im Schnitt um 25 Prozentpunkte. Die Zahlen zeigen Prof. Georg Vossen, Koordinator der Kurse, dass die zweieinhalb Jahre, in denen die Hochschule bereits diese spezielle Form der Nachhilfe anbietet, sehr erfolgreich waren. "Die Studenten machen am Anfang einen Test und am Ende wieder einen Test. So lassen sich die Verbesserungen gut dokumentieren. Bei der Auswertung habe ich auch festgestellt, dass in der Gruppe der Schüler mit Hochschulzugangsberechtigung die Gymnasiasten eine ganze Ecke besser abschneiden als die Schüler mit Fachabi. Die Aufbaukurse richten sich an die Schüler, die deutliche Schwächen im Test zeigen."

Einen Unterschied zwischen den Geschlechtern stellte Vossen nicht fest. Das bestätigt Linda Wennekers. Die 26-jährige Studentin im ersten Mastersemester ist Tutorin eines Aufbaukurses. "Generell gibt es in den naturwissenschaftlichen Fächern weniger Studentinnen. Ich konnte bisher aber nicht feststellen, dass diese Frauen schlechter in Mathe sind als ihre männlichen Kommilitonen."

Während die 16 Lehrbeauftragten in den Kursen das Wissen vermitteln, üben die rund acht Tutoren mit ihren Schützlingen die Aufgaben, geben Hilfestellungen und beantworten Fragen. Ein Gebiet, das immer wieder zu einem Problem wird, ist die Bruchrechnung. Da sind sich die Mathe-Experten einig. Als Klippe bezeichnen sie diese Hürde, an der viele Jugendlichen scheitern. "Heute werden sehr viele Mathe-Gebiete in der Schule zwar angerissen, aber nicht vertieft. Wenn die Schüler nicht zu Hause pauken oder Nachhilfe bekommen, ist der Stoff schnell vergessen. Wiederholungen sind gerade in der Mathematik äußerst wichtig", betont von Grünberg. Lehrer Moß hält dagegen, dass Pauken nicht mehr gefragt sei. "Bevorzugt wird in Gruppen gelernt und Frontalunterricht vermieden. Allerdings ist Mathematik kein Fach, bei dem über eine Antwort diskutiert werden kann. Es gibt richtig und falsch. Da ist kein Spielraum für Spekulationen." Die Auswirkungen des freien Unterrichts kennt auch Professor Vossen. "Studenten fällt es immer schwerer, eineinhalb Stunden still zu sitzen und zuzuhören. Das kennen sie aus der Schule nicht."

"Sehr gut" findet Präsident von Grünberg die Schul-Mathebücher, die leider in der Praxis keine so große Rolle spielten. "Die sind richtig genial und bieten guten Lesestoff."

Als Chef ist er froh, dass "seine" Hochschule von Reformen wie sie die Schule immer wieder beuteln weitgehend verschont bleibt. "Solange das so bleibt, machen wir doch gerne Aufbaukurse - zumal wenn sie so erfolgreich sind."

Quelle: RP
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