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Krefeld
Die Gardeuniform der Zukunft: Fünf Visionen von Künstlern und Designern

Krefeld. Grün-Weiß und Goldbesatz: Das ist die traditionelle Uniform der Prinzengarde. Ist das noch zeitgemäß? Wir haben Künstler und Designer gebeten, ihre Wunschvorstellung eines Gardisten der Zukunft aufs Papier zu bringen. Karnevalsbegeisterte Krefelder geben dazu Ihre Einschätzung ab - die Entwürfe lagen ihnen anonymisiert vor. Von Petra Diederichs

Gesetzt den Fall, es gebe Dienstkleidung für Karnevalisten und über die Kleiderordnung würde ganz oben entschieden, dann könnte Napoleon künftig viele kleine Klone auf den Krefelder Straßen haben. Zumindest, wenn Frank Meyer dann als Oberbürgermeister die Entscheidungshoheit über den Krefelder Schick in der fünften Jahreszeit hätte. "Es mag an meiner eigenen Liebe zu Frankreich liegen: Mir gefällt spontan der Entwurf einer niederrheinischen Napoleon-Uniform am besten - inklusive Zweispitz und einer Konarde in den Farben der Trikolore", erklärt er.

Wir haben Krefelder Künstler und Designer gebeten, einen Blick in die textile Zukunft der Garden zu wagen und eine Uniform für die Seidenstädter Gardisten 2222 zu entwerfen. Mit Fantasie und Freude haben sich der Maler Frank Jakob Esser, die Bühnenbildnerin und bildende Künstlerin Gabriele Trinczek, der Zeichner Martin Lersch sowie die Modeexperten und Maßschneider Sandra Wenk und Wolfgang Schinke der für sie ungewöhnlichen Aufgabe gestellt.

Das war Phase 1 des Forschungsprojekts zum Krefelder Karneval. Ob die Visionen dann auch für Karneval-Feiernde vorstellbar sein könnten, haben wir in Phase II erforscht. Für die Analyse haben wir Experten unabhängig voneinander befragt: Außer Oberbürgermeister Frank Meyer, der in diesen Wochen viele karnevalistische Termine im Dienstplaner hat, shaben wir beim "Mr. Karneval in Krefeld" Johannes Kockers gefragt, der an vielen Bühnen und Bütten im Einsatz ist, und Volker Diefes. Der Entertainer ist als Dr. hum. und Spaßvogel bei "Kabarett trifft Karneval" bekannt.

Meyer hat als Stadtvater nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit Krefelds im Blick, wenn er Entscheidungen fällt: "Da Napoleon im Jahre 1804 in Krefeld zu Gast war, ist sogar ein historischer Bezug zu unserer Stadt gegeben." Auch Kockers empfindet Sympathien für den "kleinen grinsenden Gardisten". Aber: "Bitte nur für die Schützenfeste". Esser, Erfinder des frankophilen Infanteristen, ist für seine Abenteuerfiguren bekannt.

Der Gardist hat noch einen Kollegen aus dem Esserschen Atelier im Stadtwald: einen kleinen Astro-Krefelder, mit dem die Gardisten neue Galaxien erkunden und den Weltraum-Fastelo-evend einführen könnten. Er ist allerdings nicht der Einzige, dem man Schubkraft zutraut. Sandra Wenk hat ihrem Zukunfts-Karnevalisten einen Aufziehschlüssel in den Rücken gezeichnet. Das wäre etwas für Volker Diefes, der während der Session von Auftritt zu Auftritt eilt: "Dann könnte ich noch aufgedrehter durch den Karneval laufen", sagt er. Und er sieht einen weiteren Vorteil in diesem Entwurf: "So eine Wespentaille wollte ich immer schon mal haben." Kollege Kockers sieht es ähnlich: "Mein persönlicher Favorit! Schrill, bunt, flott, sexy und trotzdem mit den klassischen Accessoires wie Masken."

Klassisch ist in Krefeld auch Meister Ponzelar. Die Traditionsfigur der Seidenweber hat Martin Lersch mit Leser- statt Laser-Schwertern in den Stadtfarben ausgestattet - aus Papier. Eine friedfertige Alternative zu Darth Vader. Für Interpretationen lässt Lersch auch in seiner Kunst gerne Raum. "Karneval als Verballhornung des Militärs - gut!", findet Kockers. Und der OB meint ebenfalls, dieser Ponzelar passt zur Stadt und zur Zeit: "Unsere Welt braucht definitiv mehr Leser und weniger Schwerter."

Was die Welt außerdem braucht, ist wesentlich mehr Stoff. Das deutet Gabriele Trinczek in der rot-schwarzen Uniform an. Als Bühnenbildnerin (am Krefelder Theater sind in dieser Spielzeit bisher "Kabale und Liebe", "Orestie" und "Draußen vor der Tür" zu sehen) denkt sie in Räumen - wie ihr großer Kollege Oskar Schlemmer (1888-1943). Er war beeinflusst vom Kubismus und der französischen Avantgarde. 1920 berief ihn Walter Gropius als Werkstattleiter ans Bauhaus. Er arbeitete unter anderem fürs Theater. Sein raumgreifendes Streifenkostüm für das "Triadische Ballett" ist legendär. David Bowie hat sich davon für ein Bühnenoutfit inspirieren lassen (an das sich Kockers sofort erinnert fühlte) - und Gabriele Trinczek hat als Hommage an Schlemmer einen Stoffrausch entworfen, der bei jeder Bewegung und mit jedem Luftzug eine neue Dimension erhält. "Originell", urteilt der OB, aber er hat Praxiszweifel: "Feiern und Bützen dürfte in dieser Uniform nur schwer möglich sein." Aber ganz aktuell wäre, wer es in diesem Jahr trägt: "2016 jährt sich der erste Entwurf der raumplastischen Kostüme fürs Triadische Ballett und dessen Teilaufführung zum 100. Mal", sagt Gabriele Trinczek. Man darf aber auch noch zehn Jahre warten: 2026 hat die Neuauflage des Balletts mit Orgelmusik von Hindemith 100-Jähriges.

Wer im Karneval schwarz sieht, der tut's künftig mit Stil und feinem Leder. Davon ist zumindest Couturier Wolfgang Schinke überzeugt. Für die große Husarenausstellung auf Burg Linn hatte er sich intensiv mit den historischen Uniformen befasst und dazu eine Kollektion entwickelt, die den Schick der Kaiserzeit in die Damenmode übersetzt. Für Gardisten sieht er die Zeit nun reif für schwarzes Leder. An Kragen und Manschetten und als Ringsum-Paspel veredelt es hochwertigen Stoff mit Lotusblüteneffekt oder Neopren. "Das ist nicht nur praktisch, sondern stellt einen reizvollen Kontrast zum Leder dar", erklärt Schinke.

Zu viel Schick im Karneval, das muss nicht sein, findet Johannes Kockers. Für Rainer Küsters, Präsident des Comitees Crefelder Carneval und der Krefelder Prinzengarde könnte der Entwurf ein neues Farbenuniversum eröffnen. Traditionell entlässt er die Prinzengarde von der Bühne mit einem herzlichen: "Ich kann das Grün-Weiß nicht mehr sehen."

Quelle: RP
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