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Krefeld
"Die Last der ungeschönten Erinnerung"

Krefeld: "Die Last der ungeschönten Erinnerung"
Die Autorin Claudia Flümann (r.) bei der Buchvorstellung in der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer im Gespräch mit der Leiterin der Gedenkstätte, Ingrid Schupetta. FOTO: Strücken
Krefeld. Die Historikerin Claudia Flümann hat ein fabelhaftes Buch über ein brisantes Kapitel der Krefelder Historie vorgelegt: die Verdrängung jüdischer Unternehmer während der Nazizeit und die Geschichte ihrer Entschädigung nach 1945. Von Jens Voss

Es war ein Zufall, der die Krefelderin Claudia Flümann auf das Thema brachte, und dieser Zufall führte auch tief in ihre Familiengeschichte: Sie hat im Hause ihrer Eltern ein Aktenpaket gefunden, aus dem hervorging, dass ihr Großvater während der Nazizeit zu seltsam günstigen Bedingungen drei jüdische Firmen gekauft hat. Die Juden, so hat es in der Familie immer knapp geheißen, seien halt ausgewandert. Flümann ging der Spur der Akten nach und stieß auf das Thema, zu dem sie jetzt ein fachlich und schriftstellerisch fabelhaftes Buch vorgelegt hat: die sogenannte "Arisierung" jüdischer Unternehmen.

Es sei auch in ihrer Familie schmerzlich gewesen, sich daran zu erinnern, berichtete sie jetzt bei der Vorstellung des Buches. Es gebe, sagte Flümann, indem sie ein Zitat von Freya Klier aufgriff, so etwas wie die Last der ungeschönten Erinnerungen, die wie Steine am Boden liegen. "Wir hatten diesen Stein in der Familie. Es hilft ja nichts, das alles liegenzulassen."

Mit ihrer Hilfe wurde das Buch publiziert (v.l.): Christoph Moß (stellvertretender Leiter des Stadtarchivs), Carla Kaiser (Bürgergemeinschaft Bismarckviertel), Ingrid Schupetta (Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer), die Autorin Claudia Flümann, Barbara Behr (Vorsitzende des Fördervereins Villa Merländer) sowie Ralf Winters (Verein Geschichtswerkstatt Krefeld). Auch der Verein für Heimatkunde sowie Einzelpersonen und der Landschaftverband Rheinland haben die Veröffentlichung mitfinanziert. FOTO: Lothar Strücken

Flümann, promovierte Historikerin, war gepackt und fing an über "Arisierung" von Unternehmen in Krefeld zu forschen. Über Jahre durchforstete sie vor allem Akten im Landesarchiv. Das Besondere an dem Projekt: Flümann ging nicht nur der Frage nach, wie jüdische Unternehmer bis 1945 aus dem Wirtschaftsleben verdrängt wurden; sie fragte auch, wie die vielen Kämpfe um Wiedergutmachung danach liefen. Die Ergebnisse hat Flümann in dem Buch ". . . doch nicht bei uns in Krefeld! - Arisierung, Enteignung, Wiedergutmachung in der Samt- und Seidenstadt 1933 bis 1963" zusammengefasst. Das Buch wurde jetzt in der Villa Merländer vorgestellt; zusammen mit vielen Sponsoren, denn die Veröffentlichung wurde nur dank bürgerschaftlichen Engagements und zahlreicher Einzelspenden möglich.

Der Titel geht auf einen Ausspruch des jüdischen Händlers Adolf Kamp zurück. Als er von Verfolgung und Bedrückung jüdischer Bürger hörte, konnte er es nicht fassen. Grund: die lange Toleranztradition in der Stadt. In Krefeld lag der Anteil der Juden an der Bürgerschaft 1933 bei ein bis eineinhalb Prozent - sie waren gut integriert; der Anteil jüdischer Unternehmer in der Seiden- und Krawattenbranche war überdurchschnittlich; das Zusammenleben lief im Großen und Ganzen kollegial und friedlich. Doch auch in Krefeld setzte bald nach '33 eine "Dynamik der Verfolgung" ein: Boykottaufrufe, nicht bei Juden zu kaufen; Bedrängung von Kunden, die in jüdische Geschäfte gingen; Veröffentlichung von Listen mit Personen, die "bei Juden" kauften; es wurden Scheiben eingeschlagen, Geschäfte verwüstet, Unternehmer misshandelt. In Anzeigen wurden Ehemänner aufgefordert, sich die Einkaufsquittungen ihrer Frauen zeigen zu lassen, um sicherzugehen, dass sie nicht bei Juden kauften. Auch staatliche Abgaben, eingetrieben von den Finanzbehörden, schwächten die Basis jüdischer Geschäfte - es war, so formulierte Flümann, "Beraubung auf dem Verwaltungswege". Durch all das wurden mehr und mehr jüdische Unternehmer in den Ruin getrieben oder zum Verkauf gezwungen. Das fing bei Ständen in der Krefelder Markthalle an, in der etwa die jüdische Obst- und Gemüsehändlerin Johanna Peschken einen exzellenten Standplatz hatte, den irgendwann ihre Konkurrentin Anna Hansmeyer - eine NS-Aktivistin - übernahm. Das endete bei großen Händlern wie der Firma Merländer, Strauß & Co, bei der schließlich ein leitender Angestellter seiner Firma ein Übernahmeangebot machte.

Nach Flümanns Erkenntnissen war bei weitem nicht immer blanker Hass für solche Manöver nötig; viele Leute nutzten einfach die Gunst der Stunde, um sich Vorteile zu verschaffen. Es gab Ausnahmen: So verkaufte Walter Lion, Geschäftsführer des alteingesessenen Damenkonfektionsgeschäftes "Witwe J. Lion", 1935 sein Geschäft an den Textilunternehmer Josef Greve. Greve zahlte einen fairen Preis, was - so betont Flümann - ein Risiko war, weil dies die geltenden Bestimmungen unterlief. Dieser Kauf stellte einen "in Krefeld seltenen Einzelfall intakter Kaufmannsmoral" dar, resümiert Flümann. Die Familien Greve und Lion sind im übrigen bis heute freundschaftlich verbunden.

Ganz anders erging es dem Schuhhändler Rudolf Hirsch: Er war als Kommunist verschrien und wurde von den Nazis massiv bedrängt, sein Geschäft an der Ecke Rheinstraße/ Hochstraße verwüstet. Hirsch floh Hals über Kopf außer Landes; seine Mutter verkaufte das Geschäft im Mai 1933 weit unter Wert an den Arnsberger Schuhhändler Gustav Grüterich.

Flümann machte - dazu gibt es nur wenige vergleichbare Studien - nicht 1945 halt; sie durchforstete auch die verfügbaren "Rückerstattungsakten". Das Bild, das sie zeichnet, ist erschütternd. Die Juden mussten um Schadenersatz oft jahrelang in Prozessen kämpfen; die neuen Eigentümer wehrten sich oft erbittert und fanden vielfältige Unterstützung der Behörden. Zu den Absurditäten dieser Geschichte gehört der Umstand, dass oft genug dieselben Beamten, die vor 1945 jüdische Unternehmen mit ökonomisch verheerenden Zwangsabgaben belegten, nach 1945 nun diese Vorgänge zu bearbeiteten hatten und oft genug im Sinne der neuen Eigner agierten. Die Juden wiederum stießen auf neue Feindseligkeit und neuen Hass: Der Umstand, dass sie Besitzansprüche geltend machten, wurde als Beleg für angeblich jüdische Gier gedeutet; die alten Stereotypen waren weiter lebendig. So bedeutet die Rückkehr nach Krefeld für viele Opfer eine erneute Traumatisierung: Die Täter stilisierten sich, zumal wenn ihr Besitz im Krieg Schaden genommen hatte, zum Opfer.

Bestechend an Flümanns Buch ist, dass all das fachlich solide und sehr gut lesbar erzählt ist. Entstanden ist ein bewegendes, ein packendes, ein sehr verdienstvolles Buch.

Quelle: RP
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