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Krefeld
Die Letzte ihrer Zunft

Krefeld: Die Letzte ihrer Zunft
Ulrike Müllners lebt heute in den Niederlanden und unterrichtet in Amsterdam die aussterbende Technik der Goldstickerei. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. An fünf Sonntagen kehrt Ulrike Müllners, die frühere Restauratorin des Textilmuseums, an ihre alte Wirkungsstätte zurück und lässt die Goldstickerei wieder aufleben. Es ist ein Handwerk, das auszusterben droht. Von Christine van Delden

Die ehemalige Restauratorin des Textilmuseums, Ulrike Müllners, wird im Rahmen der laufenden Ausstellung "Seide - Textile Pracht aus 2000 Jahren" im Deutschen Textilmuseum in Linn an einigen Sonntagen das alte Handwerk der Goldstickerei vorführen (Termine im Infokasten). Isa Fleischmann-Heck, die stellvertretende Leiterin des Krefelder Textilmuseums, erlebte Ulrike Müllners während einer Ausstellung zu spätmittelalterlichen Stickereien in Utrecht, wo sie das Handwerk der Goldstickerei demonstrierte, und wusste sofort: "Wir wollten sie unbedingt in unsere Seide-Ausstellung integrieren". Für Müllners ist die Begegnung mit den Exponaten in Krefeld ein Wiedersehen mit "einigen alten Bekannten", wie sie erzählt.

Ulrike Müllners, die heute in den Niederlanden lebt und unterrichtet, beschreibt ihren Werdegang in dem aussterbenden Handwerk: Sie wurde vor mehr als dreißig Jahren in Aachen in einer Paramenten-Werkstatt, also in einem Atelier für kirchliche Gewänder, auf den Beruf der Goldstickerin aufmerksam. Nach einer dreijährigen Ausbildung legte sie ihre Gesellenprüfung ab und kam nach Krefeld zum Textilmuseum. Dort erwarb sie eine Zusatzqualifikation als Restauratorin.

So hübsch kann das fertige Kunstwerk aussehen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Heute gibt es diesen Beruf der Goldstickerei nicht mehr. 2011 wurde er in die Ausbildung der Textilgestaltung integriert und ist darin aufgegangen. "In der gleichen Zeit, in der ich ausschließlich das Stickhandwerk gelernt habe, also in drei Jahren, wird heute Weben, Schneidern, Stricken, Sticken und mehr unterrichtet - die Technik der Goldstickerei wird aussterben", vermutet Ulrike Müllners. Sie unterrichtet heute Studenten und interessierte Laien in Amsterdam. Außerdem hat sie sich auf Reproduktionen spezialisiert.

Die Verwendung von Gold bei der Herstellung textiler Produkte geht weit in die Geschichte zurück. Ob als Stoffapplikation in Form von kleinen geprägten Plättchen, als schmale Lahne (platt gewalzter Draht aus Gold) oder gewundene Kantillen (feinst gewickelte Spiralen aus vergoldetem Silberdraht) verarbeitet oder als gesponnene Fäden, findet man goldverzierte Textilien in aller Welt.

Während ihrer Stick-Demonstration im Textilmuseum arbeitet Ulrike Müllners an einem Bildnis der Heiligen Agathe. Diese Abbildung wird später aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Unter anderem wird sie in der sogenannten Lasurstickerei (Or Nué - schattiertes Gold) hergestellt. Bei dieser Stickform wird der Goldfaden mit einem Seidenfaden auf dem Trägermaterial angebracht. Der Unterschied in dem Abstand zwischen den Seidenfäden sorgt dafür, dass der Goldfaden mehr oder weniger bedeckt wird. Dies führt dazu, dass ein Licht- und Schatten-Spiel zwischen Farbe und Gold entsteht. Es wird also quasi mit dem Faden "gemalt". Weil der Goldfaden extrem empfindlich ist, wird er vor der Verarbeitung auf eine sogenannte Bretsche, eine Art Holzspule oder -rolle, aufgewickelt, damit er nicht mit den bloßen Fingern berührt werden muss.

Wer bei der Ausstellung Lust bekommt, einmal selbst die Goldstickerei auszuprobieren, kann sich zu einem der angebotenen Workshops anmelden. "Einige Vorkenntnisse im Sticken sollten die Teilnehmer allerdings mitbringen", empfiehlt Ulrike Müllners.

Der Goldfaden ist extrem empfindlich; deswegen wird er vor der Verarbeitung auf eine sogenannte Bretsche, eine Art Holzspule oder -rolle, aufgewickelt, damit er nicht mit den bloßen Fingern berührt werden muss. FOTO: Thomas Lammertz
Quelle: RP
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