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Ralph-Harry Klaer
"Die Leute haben Erwartungen an uns"

Ralph-Harry Klaer: "Die Leute haben Erwartungen an uns"
Der neue SPD-Vorsitzende Ralph-Harry Klaer (57) hat eine Lehre zum Chemiefacharbeiter gemacht und ist über den Zweiten Bildungsweg Ingenieur geworden. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Frau Gisela ist SPD-Ratsfrau und wird Erste Bürgermeisterin von Krefeld. Das Foto entstand in der SPD-Zentrale am Südwall. FOTO: vo
Krefeld. Der neue SPD-Parteivorsitzende über das Singen von Arbeiterliedern, zur Frage, ob die Politik gerade ihn und seine Frau auffrisst, über seine Ziele, über die Hartz-Reformen und den Einruck, in der SPD herrsche Friede Freude Eierkuchen.

Faszinierend an der SPD ist, dass sie noch Rituale aus vergangenen Zeit pflegt - wie Arbeiterlieder singen. Ich habe Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass Sie ein Arbeiterlied singen. Sie sind eher ein Vertreter des modernen Mittelstands.

Klaer Einerseits ist es schon ein Anachronismus, aber was man nicht unterschätzen darf: Diese Rituale verbinden die Generationen. Ich stamme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus und habe das sehr konkret erfahren. Und in diesen Liedern werden Werte formuliert und transportiert, die heute noch in der SPD lebendig sind. Ich höre gern die Internationale, auch wenn ich den Inhalt teils nicht so gut finde, weil ich an Gott glaube.

Ihre Frau ist Ratsmitglied und wird Erste Bürgermeisterin; Sie sind Parteivorsitzender - frisst die Politik Sie gerade auf?

Klaer (lacht) Wir haben uns politikfreie Zonen verordnet; Abende, an denen wir sagen: Heute reden wir nicht über die SPD. Das klappt nicht immer, aber es klappt. Und über Familie und unsere drei Kinder gibt es natürlich Themen, die die Politik immer wieder zurückdrängen.

Von Ihrer Vita her - Sie sind Chemie-Ingenieur - würde man Sie eher auf dem rechten, dem wirtschaftsfreundlichen Flügel der SPD vermuten. Stimmt's?

Klaer Vom Gefühl her bin ich relativ weit links, aber ich bin kompromissfähig. Es hat die SPD immer ausgezeichnet, das Machbare im Blick zu haben. Ich bin kein gläubiger Marktwirtschaftler, ich bin überzeugt, dass Marktwirtschaft Korrekturen braucht. Was ich auf der linken Seite nicht mag, ist der Hang zur Dogmatik. Und ich mag auch keine standardisierten Denkverbote.

Die Krise der SPD hat mit den Hartz-Reformen von Kanzler Schröder begonnen. Haben Sie da auch mit Ihrer Partei gefremdelt?

Klaer Zumindest wird man nachdenklich. Ich glaube, dass es richtig war, die Sozialgesetzgebung zu straffen. Aber die Intention war es ja auch zu fördern, Leute in Arbeit zu bringen. Dieser Aspekt kam bei den Reformen zu kurz. Das ist der zentrale Webfehler gewesen, der die SPD in eine Vertrauenskrise gestürzt hat.

Es ist viel die Rede von der Krise der Parteien. Spüren Sie das an der Basis? Laufen Ihnen die Leute weg, folgen keine Jungen mehr nach?

Klaer Das stellt sich anders dar. Wir haben 900 Mitglieder, und dazu gehört ein starker Stamm von Jusos im Alter von 16 bis 22 Jahren. Die sind so stark, dass sie sogar Fachgruppen bilden. Wir haben ein Problem in der Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen. In dieser Altersgruppe verhindern berufliche Mobilität und Anspannung die Bindung an eine Partei. Wenn ein Krefelder Juso die Stadt zum Studieren verlässt, hängt er mental oft noch an Krefeld und fasst an dem neuen Wohnort politisch nicht richtig Fuß, verliert aber auch den Kontakt zur Partei im Heimatort.

Das sind eher lebenspraktische Gründe, die noch keine inhaltliche Krise darstellen.

Klaer Jedenfalls ist es für das Leben einer Partei ein Hammer. Bei der SPD kommt dazu, dass sie mal klassische Arbeiterpartei war und heute in einer Gesellschaft agiert, in der es den klassischen Arbeiterstand kaum noch gibt. Ein Facharbeiter von heute ist nicht mehr der Arbeiter von vor 100 Jahren.

Sie haben kein Ratsmandat. Macht das die Aufgabe, Scharnier zwischen Partei und Fraktion zu sein, schwieriger?

Klaer Ich glaube nicht. Ich bin als Parteivorsitzender Mitglied des Geschäftsführenden Fraktionsvorstandes. Ich bin zwar nicht stimmberechtigt, aber eingebunden in Diskussionen und Entscheidungsprozesse. Und meine Glaubwürdigkeit innerhalb der Partei steigt eher dadurch, dass ich gerade kein Mandat habe.

Man hat den Eindruck, dass im Moment noch alles ganz leicht ist und Friede Freude Eierkuchen aller mit allen herrscht. Fürchten Sie eine Art böses Erwachen?

Klaer Nein, denn das, was Sie Friede Freude Eierkuchen nennen, ist schon heute kein Geschenk, sondern das Ergebnis harter Arbeit, intensiver Kommunikation und Glaubwürdigkeit untereinander.

Ihre Nominierung kam für Außenstehende überraschend, weil sie sich vorher nie sichtbar nach vorn gedrängt haben. Wie kam es, dass Sie nun Parteivorsitzender sind?

Klaer Vielleicht hat es mit der Plakat-Aktion begonnen, die ich für den Wahlkampf organisiert habe. Ich habe nicht nur organisiert, sondern oft auch schlicht mit angepackt, wenn Not am Mann war. Dadurch habe ich engen Kontakt zu vielen Ortsvereinen bekommen und bin dann irgendwann angesprochen worden: Willst du das nicht machen? Ich hab offen gesagt, dass ich im Beruf stehe und nur begrenzt Zeit habe. Dennoch kam irgendwann der Vorschlag aus dem Kreis um Frank Meyer.

Ist man als Vorsitzender eher Moderator und Dienstleiter eines Apparates oder eher Vordenker?

Klaer Man ist beides, aber in der Hauptsache Vordenker. Ein Vorsitzender verantwortet die Partei. Leitfragen sind: Hat die Partei eine gesellschaftliche Verankerung, wie wird sie wahrgenommen, lebt sie ihre Werte, setzt sie sie auch um?

Was haben Sie sich für die Partei vorgenommen?

Klaer Wir stehen vor einem Perspektivwechsel und müssen eine neue Aufgabe wahrnehmen: Wir haben Gestaltungskraft, und die Leute haben Erwartungen an uns. Und wir müssen die Kraft haben, über die nächsten fünf Jahre hinaus weitere Perspektiven zu entwickeln.

Gibt es etwas, vor dem Sie richtig Bammel haben?

Klaer (überlegt etwas) Nein, eigentlich nicht. Ich hab Lampenfieber, aber das ist etwas anderes. Ich habe nichts zu verlieren, ich bin nicht darauf angewiesen, Vorsitzender zu sein. Nein, keinen Bammel. Wenn jemand käme und sagt: Den sägen wir ab, dann wäre das nicht schön, aber keine existenzielle Nachricht für mich. Meine Frau und ich sagen uns: Wir können uns nicht blamieren; wenn jemand einen Fehler macht, dann wissen wir: Er hat es in guter Absicht gemacht.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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