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Krefeld
Die Müllsäcke einer Toten

Krefeld: Die Müllsäcke einer Toten
50 abgenutzte Aktentaschen haben Mathilde Jaeger und Carola Lischke mit einem Stahlseil zum Kreis verbunden. Sie lassen nachdenken, wem die Taschen gehörten. FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. Zehn Künstlerinnen haben sich mit gut gehüteten und nicht verratenen Dingen beschäftigt - auf unterschiedliche Art. Ihre Arbeiten sind ab heute im Südbahnhof zu sehen. Es geht um persönliche Souvenirs und dunkle Abgründe. Von Isabel Mankas-Fuest

Sie werden wohlgehütet, und ihre Lebenszeit kann manches Mal sogar die ihres Hüters überdauern. Ganz gleich, ob groß, ob klein, ob süß oder dunkel - ein Geheimnis zu haben, ist wie ein kostbarer Schatz, dessen Existenz unter keinen Umständen verraten werden darf, etwas, das aus unterschiedlichsten Gründen nicht geteilt werden möchte. Doch wie viele Geheimnisse braucht ein Mensch in seinem Leben? Und was macht sie, wie der Soziologe Georg Simmel einmal schrieb, zu einer der größten Errungenschaften der Menschheit?

Diesen Fragen geht die Ausstellung "Geheimnisse" im Südbahnhof nach, die ab heute, 15 Uhr, zu sehen ist. Zehn Künstlerinnen des Frauen-Kunst-Forums Südwestfalen e.V. beschäftigen sich in Malerei, Fotografie und begehbarer Installation mit dem Phänomen des Verborgenen.

Geheime Liebesbriefe und ganz persönliche Souvenirs wie auf dem Tischchen links, Müllkartons, die als "Letzte Spuren von Frau R" übriggeblieben sind, eine Fotografie, die nicht preisgibt, warum der junge Mann einen roten gestickten Kussmund bekam, und Spiegel, die Gesichter und Bilder verzerren (v.l.n.r.), sind im Südbahnhof zu sehen. FOTO: Thomas Lammertz

"Manche Menschen glauben, sie könnten in den Augen anderer Leute ablesen, was sich im Inneren abspielt, doch in jedem Kopf sind irgendwo Geheimnisse", sagt Renate Wischinski. Ihre Porträtbilder tragen den Titel "Das andere Gesicht". Die knapp ein Meter mal ein Meter großen Acrylarbeiten zeigen unterschiedliche Frauengesichter, dick aufgetragene Farbe macht manche Stellen der Gesichter unkenntlich. Mal hat ein Farbklecks das Auge verdeckt, ein anderes Mal verläuft die Acrylfarbe in Streifen über eine Gesichtshälfte. Es sind Fragmente, Ausschnitte, die der Betrachter zu sehen bekommt.

Auf Marlies Backhaus' Fotografien "Letzte Spuren von Frau R" sind Aufnahmen von Müllsäcken ihrer verstorbenen Nachbarin zu sehen. Backhaus geht der Frage nach, welchen Wert persönliche Erinnerungsstücke nach dem Tod für die Hinterbliebenen haben. Sind sie nur noch Müll?

FOTO: Lammertz Thomas

Ein süßes Geheimnis präsentiert Anja Lorenz in ihrer zweiteiligen Arbeit "...du bist so schön 1 & 2". Der Betrachter blickt auf zwei großformatige Akte, es sind sinnliche Rundungen der schwangeren Anja Lorenz. Auf Plexiglas und Folie gemalt, offenbart sie in der Mitte ihres Körpers ihr wohl intimstes Geheimnis: das Heranwachsen ihrer heute erwachsenen Kinder.

Dem Geheimnis des Lebens geht auch Claudia Quick nach. Eine Installation, bestehend aus drei Holzkisten, die nur durch Sehschlitze und Gucklöcher zu betrachten sind, spielen mit gesellschaftlichen Tabus, Scham und der Ausein-andersetzung mit dem eigenen Ich. In der ersten Kiste sieht der Betrachter sein eigenes Konterfei direkt neben der Spiegelung eines Totenkopfes. Auch in der zweiten Kiste bekommt der Betrachter den Spiegel vorgehalten und blickt in ein völlig verzerrtes Spiegelbild. Wie sehe ich mich selbst? Wie werde ich von meiner Umwelt wahrgenommen? Um solche Fragen geht es Quick.

Ein schöner Blickfang ist die Gemeinschaftsarbeit der beiden Krefelderinnen Mathilde Jaeger und Carola Lischke. Ein Kreis aus 50 abgenutzten Aktentaschen, die wiederum durch ein Stahlseil miteinander verbunden sind, lässt den Betrachter rätseln: Wem gehörten die Aktentaschen? Was mag der Besitzer darin transportiert haben? Für "Industriestraße 9.15h" besuchten die beiden Künstlerinnen einige umliegende Flohmärkte, "die Zeit der Aktentasche ist vorbei", berichtet Carola Lischke von ihrer Suche. Was heute der schicke Rollkoffer ist, war einst die schmale braune Ledertasche: Vom Statussymbol ist sie zum reinen Transportmittel geworden. Eine dieser Aktentaschen diente einem Freund, berichten die Künstlerinnen, der sie auf dem Jakobsweg als Notentasche genutzt habe. Durch Geheimnisse, so wird in der Ausstellung deutlich, setzen Individuen und Familien, Institutionen wie die Kirche und der Staat, bewusst Grenzen und bestimmen somit selbst darüber, was preisgegeben wird und was nicht.

Die Ausstellung "Geheimnisse" ist vom 1. bis 18. Februar im Südbahnhof, Saumstraße 9, zu sehen. Am 8. Februar, 19 Uhr, findet ein Kamingespräch zum Thema "Soziale Geheimnisse" statt. Am 18. Februar, 12 Uhr, sprechen Claudia Flümann und Ingrid Schupetta über "Schweres Erbe - NS-Familiengeschichte".

Quelle: RP
 
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