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25 Jahre Ns-Dokumentation
Die Nazis und die Villa Merländer - ein Gespräch über politische Bildung

25 Jahre Ns-Dokumentation: Die Nazis und die Villa Merländer - ein Gespräch über politische Bildung
Leiterin Ingrid Schupetta vor den Namen aus Krefeld deportierter Juden. FOTO: T. L.
Krefeld. Nach einem Vierteljahrhundert haben sich die Arbeit und die Aufgaben der NS-Dokumentationsstelle gewandelt. Politische Bildungsarbeit wird zunehmend wichtiger. Aber Diktaturerfahrungen sind heute aktuell wie je.

Am 24. November 1991 wurde die NS-Dokumentationsstelle eröffnet. Leiterin Ingrid Schupetta und Mitarbeiter Burkhard Ostrowski sind seit Anfang an dabei.

Vor 25 Jahren ist aus dem Bedürfnis nach Erinnerung ein Institut geworden. Wie hat alles begonnen?

Schupetta Es war eine alte Idee, die aus der Denkmaldebatte zur Erinnerung an die Kriegsopfer kam. Als in den 1970er Jahren Juden auf Besuch in ihre alte Heimat zurückkamen, stellte sich die Frage, warum wir nicht auch an die zerstörte Synagoge erinnerten. Aurel Billstein war damals sehr aktiv und brachte zusätzlich das Schicksal der anderen Verfolgten, zum Beispiel aus politischen Gründen, ein. Man war sich einig, dass ein Kunstwerk nicht aussagekräftig genug gewesen wäre, um für alle verfolgten Gruppen zu stehen. So entstand der Wunsch, neben den Denkmälern auf den Friedhöfen auch einen zentralen Ort als Erinnerungsstätte, Dokumentations- und Anlaufstelle einzurichten. In dem ereignisreichen Jahr 1989 hatte die Stadt die Villa Merländer gemietet - für Flüchtlinge aus der DDR. Im Auftrag des Kaiser-Wilhelm-Museums hat man dann nach Wandbildern von Heinrich Campendonk, für die es Hinweise gab, gesucht. Man hat sie gefunden, und dazu viele Ansätze für die Merländer-Geschichte. Da war klar, dass das Haus der ideale Ort für eine Erinnerungsstätte ist. Alles ging schnell, 1991 war die Eröffnung.

Frau Dr. Schupetta, Sie haben das Haus von Anfang an als Leiterin begleitet. Innerhalb dieser Zeit hat die Erinnerung eine andere Qualität bekommen, weil die Zeitzeugen verlorengehen. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Schupetta Anfangs lag die Forschungsarbeit noch zum großen Teil vor uns. Es gab wenige Quellen. So haben wir mit vielen Zeitzeugen geredet, viele Netzwerke geknüpft und Kontakte gepflegt. Oft waren wir die Ersten, die ein Thema für Krefeld erforscht haben. Aber es war schnell klar, dass wir auch ein offenes Haus für die Nachkommen sein wollten. Bei den Merländers und einigen anderen ist es uns gelungen, den Kontakt in der nächsten Generation aufrecht zu halten. Das ist nicht immer einfach. Die Vergangenheit ist an den Familien nicht spurlos vorbei gegangen. Die Verfolgung ist noch nicht zu Ende, das ist spürbar. Es ist nicht locker. Aber diese Kontakte zu halten, ist unsere Aufgabe. Es kommen auch viele, bei denen über die Zeit des Nationalsozialismus zu Hause nichts erzählt wurde, die das nicht benannte Trauma aufarbeiten wollen. Wir gehen auf die jüdischen Friedhöfe. Dort können dank der Datenbank des Salomon-Ludwig-Steinheim-Institutes alle eingetragenen Gräber identifiziert werden. Und es kommen einige Anfragen zu Stolpersteinen. Das dahinter stehende Projekt hat dankenswerterweise ein Vorstandsmitglied des Villa Merländer e.V. übernommen. Die Dokumentationsstelle ist wichtig für die Außenwirkung der Stadt Krefeld.

Es ist also eine wissenschaftliche und eine emotionale Arbeit. Wie halten Sie die Belastungen aus, wenn Sie ständig mit schrecklichen Schicksalen und Grausamkeiten konfrontiert werden?

Schupetta Wir empfinden es als großes Geschenk, auf Überlebende zu treffen und mit ihnen reden zu dürfen. Wir haben großartige Persönlichkeiten kennengelernt, unglaubliche Geschichten erfahren. Das ist auch ermutigend. Und in einem normalen Forscherleben wäre das nie der Fall gewesen. Natürlich nimmt man die Belastungen mit nach Hause. Aber man muss sich immer klar machen: Es gibt auch andere Dinge, die wichtig sind. Diese Haltung muss man sich aneignen.

Inzwischen kommt die dritte Generation ins Haus. Da gibt es in den Familien nur noch selten Zeitzeugen. Wie sieht Erinnerungsarbeit mit Schülern von heute aus?

Schupetta Es ist einerseits schwieriger, weil in den Familien nichts mehr erzählt wird und wir an nichts anknüpfen können. Andererseits ist es leichter, weil wir nicht gegen Dinge aus Familienerzählungen anerzählen müssen. Wenn wir über die Kinderlandverschickung reden, die auch eine ideologische Erziehungsmaßnahme der HJ war, ist das schwer zu vermitteln, wenn der Opa zu Hause geschwärmt hat, wie kameradschaftlich und toll das war. Aber Krieg ist heute für viele Schüler ein Thema. Kinder aus Familien mit langer deutscher Ansässigkeit sind in der Minderheit. Viele haben Zuwanderungsgeschichte, zurzeit gibt es viele Flüchtlinge. Da muss die Geschichte vom Krieg vorsichtig erzählt werden. Wir entfernen uns weiter von der Zeit des Nationalsozialismus, aber systematische Säuberungen, Nationalismus, Ausschluss von anderen - das gehört zur Erfahrungswelt vieler auch junger Leute. Fast jede Schülerin und jeder Schüler mit türkischen Wurzeln hat Ausgrenzung und Diskriminierung persönlich erfahren. Man muss nur mal ein Mädchen fragen, das mit einem Kopftuch Straßenbahn fährt. Da begegnet den jungen Menschen mitunter purer Hass, der mit ihrer Person eigentlich gar nichts zu tun hat. Heute ist Ausgrenzung ein großes Thema.

Historische Erinnerungsarbeit weicht der gegenwartsbezogenen politischen Bildungsarbeit?

Schupetta Jein. Natürlich steht in der NS-Dokumentationsstelle die Vermittlung der Historie stets an erster Stelle. Aber es gibt die allgemeinen Themen: Was ist eine Diktatur? Wie unterscheidet sie sich von der Demokratie? Mit welchen Mechanismen etabliert sich eine Diktatur? Wie hält sie sich an der Macht? Was sind Menschen- und Bürgerrechte? Ist es notwendig, sie zu verteidigen, und wenn ja, dann wie?

Ostrowski Damit sind wir nah an der politischen Bildung, am Vergleich der Systeme, ohne dass wir das auf die Projektarbeit und die relativ kurzen Besuche der Schüler hier im Haus jeweils draufsatteln. Wir können nur ein Steinchen ins Wasser werfen und auf Wellen hoffen. Vieles muss in den Schulen aufgenommen werden. Durch die Bildungspartnerschaften ist dieser Aspekt der Arbeit besser eingebettet.

Die Arbeit der Dokumentationsstelle genießt heute große Akzeptanz. Doch es gab auch harte Zeiten.

Schupetta Oh ja. Der Tiefpunkt war, als wir 1995 komplett ins Stadtarchiv umziehen mussten. Das war auch ein Ergebnis langer Spardebatten mit der Absicht, einen politischen Akzent zu setzen. Toll waren die Ehrenamtler, die in dieser Zeit dafür gesorgt haben, dass die Villa Merländer geöffnet blieb und die Ausstellung besichtigt werden konnte. Nach Jahren mangelnder Anerkennung, mit wenig Geld und wenig Ausstattung sind wir heute sehr zufrieden - obwohl wir nie an den ursprünglichen Personalschlüssel herangekommen sind; da besteht noch Handlungsbedarf. Aber wir sind inzwischen wieder komplett in der Villa Merländer, haben eine mit vielen guten Ideen ausgestattete solide Ausstellung, man schätzt unsere Arbeit an vielen Schulen und bei interessierten Erwachsenengruppen; unsere Kontakte zur jüdischen Gemeinde sind sehr entspannt. Die NS-Dokumentationsstelle ist im Bismarckviertel gut eingebunden und hat einen aktiven Förderverein, der die Arbeit mit viel ehrenamtlichem Engagement unterstützt. Der Schwerpunktsetzung im Bereich kultureller und politischer Bildung folgte in diesem Jahr ein Andocken der Dokumentationsstelle ans Kulturbüro. Aus der schlechten Zeit half uns unter anderem ein Kuratorium mit honorigen Persönlichkeiten. Mancher Kurator konnte bei konkreten Problemen seinen Einfluss in die Waagschale werfen. Und ab 2017 erhalten wir eine Basisförderung des Landes von 42.000 Euro. Dies ist der Lobbyarbeit des Arbeitskreises der Gedenkstätten und Erinnerungsorte NRW zu verdanken, bei dem ich Gründungsmitglied bin. Vor 25 Jahren wäre an einen Zuschuss in dieser Höhe nicht zu denken gewesen. Mittlerweile sind wir überregional mindestens ebenso geschätzt wie in Krefeld.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE PETRA DIEDERICHS.

Quelle: RP
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