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Krefeld
Die sich aus fremder Hülle befreien

Krefeld: Die sich aus fremder Hülle befreien
Szenen aus "Built for it" - eine Produktion der Kompanie BackBone, mit der die Tanztage "Move! - 16. Krefelder Tage für modernen Tanz" in der Fabrik Heeder eröffnet wurden. FOTO: Move / Stadt Krefeld
Krefeld. "Move!" eröffnet mit einem mutigen Stück über Stereotypisierung und Ausgrenzung - eine starke Stimme für Menschlichkeit. Von Isabel Mankas-Fuest

Der Titel des Stücks "Built for it" geht auf eine Unterhaltung zurück, die die niederländische Choreographin Alida Dors mit einem Amerikaner führte. "Er erzählte mir von der schwierigen Zeit, durch die er hindurch musste, als er aus dem Ghetto kam und zu dem Mann wurde, der er heute ist. Seine Worte sind mir für immer in den Ohren geblieben: "Mir macht dieser Kampf nichts aus, ich bin dafür gemacht." Inspiriert von dieser Geschichte, zeigt die viel gelobte Choreographin am Eröffnungsabend von "Move!", wie hart dieser Kampf sein kann. Es pocht, knarrt und poltert laut aus den Boxen der ausverkauften Fabrik Heeder. Die Tanzfläche ist gerahmt von sieben Megafonen, die von der Decke hängen, sie sind Sprachrohr und Lichtquelle zugleich. Sieben Tänzer, gekleidet in naturfarbene, mit reichlich Polsterung ausgestattete Ganzkörperkostüme, betreten den Raum. Eine Tänzerin tritt aus der Gruppe heraus, sie stellt sich dicht vor ein Megafon seitlich am Bühnenrand. In energischen Gesten spricht sie in das Fon. Was sie sagt, versteht der Zuschauer nicht, doch für die anderen sechs Tänzer scheint dafür umso klarer zu sein, was die Frau von ihnen fordert. Es folgen schnelle, abgehackte, bodentiefe Bewegungen, meist gehen die Tänzer linienförmige Schrittfolgen ab, vorwärts, rückwärts, rechts, links. Die Gruppe tanzt kraftvoll und virtuos, was angesichts ihrer unförmigen Kostüme schwerfallen mag.

Sie schwingen locker ihre Hüften, schenken dem Publikum ein verführerisches, doch aufgesetztes Lachen. Der Bass hämmert, der Rhythmus ist so schnell, dass es fast unmöglich scheint, bei diesem Tempo nicht aus der Reihe zu fallen. Und genau darum geht es der niederländischen Choreografin mit Wurzeln in Suriname, Südamerika. Ihr großes Thema ist Diversität und Ausgrenzung aufgrund von kultureller Zugehörigkeit, Hautfarbe und dem starren Festhalten an Geschlechterrollen.

FOTO: Move / Stadt Krefeld

Dem Denken in Stereotypen weiß Alida Dors vieles entgegenzusetzen. Wiederholt lässt sie die sieben Tänzer in Endlosschleifen tanzen, fallen und wieder aufstehen gegen Vorurteile und Stigmatisierung. Sowohl in der Gruppe als auch allein kämpfen die Tänzer für mehr Selbstbestimmtheit. Dass sie dabei primär auf das Bewegungsvokabular des Hip Hop setzen, macht "Built for it" so richtig glaubhaft. Kommt es doch im Hip Hop darauf an "real", also authentisch zu sein, sowohl auf der Bühne, als auch im echten Leben.

Hip Hop dient Alida Dors vor allem als Ausgangspunkt. Gemeinsam mit den Tänzern entwickelt sie kraftvolle Elemente aus dem Hip Hop wie Break Dance und Battle-Strukturen weiter und mischt diese mit denen des Tanztheaters. Im Verlaufe der rund 70-minütigen Performance wird der Tanz auf jeder Geschwindigkeitsstufe abgespielt - vor allem die schnellen Parts mit den vielen Wiederholungen und den händeklatschenden Rhythmusschlägen am Boden, lassen die Tänzer an ihre Grenzen stoßen. Das Publikum atmet hörbar auf, als sechs der sieben Tänzer zum Ende des Stücks schließlich ausbrechen und sich aus dem voluminösen Ganzkörper-Anzug schälen. Der Anblick auf die nun zum größten Teil freien Tänzeroberkörper, auf ihre individuellen Merkmale, ihre Haut, Haare und Gesichtszüge hat etwas zutiefst Befreiendes.

FOTO: Move / Stadt Krefeld

Die Kompanie hält die Spannung bis zum Schluss, und "obwohl HipHop eine sehr junge Tanzform ist, hat es alles in sich, um Geschichten mit einem langen Spannungsbogen zu erzählen", so Alida Dors über den Ursprung ihrer Tanzgeschichte. Ein starker Auftritt, den das Publikum mit großem Applaus feiert.

Quelle: RP
 
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