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Redaktionsgespräch Michael Grosse
Die Situation ist beglückend und produktiv

Redaktionsgespräch Michael Grosse: Die Situation ist beglückend und produktiv
Der 54-jährige Michael Grosse ist künstlerischer und wirtschaftlicher Leiter des Theaters. FOTO: Andreas Endermann
Krefeld. Der Generalintendant des Theaters spricht über Fußball, Bautzen, sein Ensemble, Theater mit Zukunft III und seine persönliche Zukunft.

Herr Grosse, Sie haben die Spielzeit in Mönchengladbach mit einer Revue über Borussia eröffnet. Sie kennen den Fansong "Die Elf vom Niederrhein", aber können Sie alle Strophen mitsingen? Auswendig.

Michael Grosse Ich denke, ich bin so weit sattelfest bei dem Lied, dass ich mit den Fans durch alle Strophen komme. Im Notfall mach' ich im Stadion nur den Mund auf und zu.

Wollen Sie so Fußballfans vermehrt ins Theater lotsen?

Grosse Das hoffe ich doch sehr! Damit wird, glaube ich, für viele eine Schwelle abgebaut.

Das Zwei-Städte-Theater macht seine Programme für Mönchengladbach und Krefeld. Kommt die Borussia-Revue auch nach Krefeld?

Grosse Auf jeden Fall wird "Wir sind Borussia" 2017/18 auch in Krefeld gespielt werden, wir haben das Stück zum Beispiel für die Silvestervorstellung 2017 dort angesetzt. Nebenbei, ich kenne viele Borussia-Fans in Krefeld. Mal sehen, wie die Nachfrage sich entwickelt, in Mönchengladbach sieht es auf jeden Fall vielversprechend aus.

Theater soll unterhalten, aber auch Ansprüche stellen. So wurde das Stück "Kein schöner Land" gebracht, darin geht es um Flüchtlingsproblematik.

Grosse Die Autoren Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici haben dafür in Flüchtlingsunterkünften in Krefeld recherchiert und viele Originalzitate gesammelt. Das Stück ist in Krefeld gut gelaufen, war mit mehr als 60 Prozent im großen Haus ordentlich ausgelastet.

Sie haben eine Zeit lang in Bautzen das Deutsch-Sorbische Volkstheater geleitet. Wie beurteilen Sie die jüngste Entwicklung in dieser Stadt, wo Rechtsextremisten sich mit Flüchtlingen Straßenschlachten lieferten?

Grosse Die Bilder, die ich zu sehen bekam, beunruhigen mich sehr. Bautzen ist ein Ort der Hochkultur, eine schöne Stadt, die als das Nürnberg des Ostens gepriesen wird. Dort leben die beiden Volks- und Sprachgruppen, Sorben und Deutsche, einträchtig miteinander, alles ist zweisprachig, es gibt ein sorbisches Gymnasium. Ich bin fassungslos darüber, was dort passiert ist. Theater muss sich, das gehört zu seinem Auftrag, auch mit aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft auseinandersetzen.

Unterscheiden sich, je nach Thematik, auch die Zuschauer, die ins Theater kommen? Geht das Publikum bei der großen Spannweite des Angebots mit?

Grosse Es gibt Unterschiede in der Besucherstruktur, aber die für uns sehr wichtige Kerngruppe der Abonnenten vollzieht die unterschiedlichen Werke des Spielplans mit und bleibt dem Theater in seiner breit aufgestellten Angebotspalette treu. Ich bin überzeugt, dass Abonnenten nicht nur seichte Unterhaltung haben möchten.

Bekommen Sie viel Rückmeldung von Besuchern?

Grosse Es kommen viele Briefe und Mails an. Ich lege Wert darauf, möglichst viele davon persönlich zu beantworten, und zwar zeitnah. Wenn also ein Theaterbesucher samstagabends in der Vorstellung einen dicken Hals bekommen hat und danach seinen Ärger formuliert, bekommt er sonntagmorgens zum Frühstück bereits eine Antwort von mir. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass durch unverzügliche Reaktion in vielen Fällen die drohende Kündigung eines Abonnements verhindert werden konnte.

Ein Ensembletheater schafft Verbindungen auch aufgrund der personellen Kontinuität. Sänger, Schauspieler und Tänzer sorgen für Sympathie, gerade weil die Akteure in unterschiedlichen Rollen erscheinen. Wer ist für Sie das Gesicht des Ensembles?

GRosse Ich mag da keinen einzelnen Künstler hervorheben, das Ensemble ist das Gesicht des Theaters. Mal spielt jemand einen König, mal kehrt er die Manege. Langjährige Mitglieder des Ensembles haben treue Anhänger im Publikum. Da ist Debra Hays, die seit 25 Jahren im Opernensemble singt, oder der Schauspieler Joachim Henschke, der einen Lear ebenso überzeugend auf die Bühne bringt wie bei der Borussia-Revue einen abgetakelten Fußballfan. Auch besondere Leistungen schaffen Bindungen, so wenn Eva Spott in "Rio Reiser" ein Stück auf der Violine spielt und das ganz sauber intoniert.

Sie setzen in der GmbH Theater das Konzept "Theater mit Zukunft" um. Das ist bereits fortgeschrieben worden. Planen Sie schon "Theater mit Zukunft III"?

Grosse Ganz so weit ist es noch nicht, aber im nächsten Jahr werden wir mit den Planungen für eine weitere Anpassung starten. Wegen der alljährlich gravierender als angesetzt ausfallenden Tariferhöhungen mussten wir wiederholt auf ein Fluktuations-Management zurückgreifen. Damit ist die vorübergehende Nichtbesetzung von Stellen verbunden. Das wollen wir mit neuem Konzept künftig ausschließen.

Können Sie sich vorstellen, an diesem Theater alt zu werden?

Grosse Nanu, ganz jung bin ich ja jetzt schon nicht mehr. Immerhin habe ich als Intendant an verschiedenen Theatern 25 Jahre hinter mir, und als Schauspieler bin ich sogar schon 35 Jahre aktiv. Aber es stimmt: Die Situation hier nimmt sich beglückend für mich aus, gefühlt ist das eine sehr produktive Phase.

Unter Ihrer Intendanz ist am Theater das Opernstudio eingerichtet worden. Junge Sänger erhalten erste Bewährungschancen auf der Bühne.

Grosse Operndirektor Andreas Wendholz hatte 2011 die Idee, mit Hilfe von Sponsoren ein Opernstudio einzurichten. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Ist das Erfordernis von Sponsoring nicht eine zwiespältige Sache? Einerseits hilfreich, bedeutet es andererseits, dass die öffentliche Hand versucht sein könnte, sich aus bestimmten Aufgaben zurückzuziehen.

Grosse Dazu besteht die Gefahr am Theater nicht. Dazu nimmt das Sponsoring einen zu geringen Anteil ein. Aber ich freue mich, dass sich die Unterstützung privater Förderer seit 2010 verdoppelt hat. Genauso wichtig wie die Zuwendungen von Sponsoren ist die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Hochschule Niederrhein.

INGE SCHNETTLER, DIRK RICHERDT, RALF JÜNGERMANN UND KARSTEN KELLERMANN STELLTEN DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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