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Heiligabend Friedensstifter
Die Trainer vom Projekt "Soziale Erste Hilfe"

Heiligabend Friedensstifter: Die Trainer vom Projekt "Soziale Erste Hilfe"
Ein eingespieltes Team: Während Jirka Bükow als ausgebildeter Trainer im Bereich Gewaltprävention den Schülern die Grundkenntnisse beibringt, begleitet Lehrerin Lale Reinermann das Projekt in der Praxis und steht als Ansprechpartnerin vor Ort zur Verfügung. Lammertz FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. An der Gesamtschule Oppum lernen Schüler, auf andere Kinder zuzugehen, ihnen zu helfen und dabei Ruhe zu bewahren. Von Bärbel Kleinelsen

Gutgemeinte Hilfe kann mächtig in die Hose gehen. Beispielsweise wenn ein Helfer bei einem Streit sofort Partei ergreift, wenn er einen Verletzten anraunzt "Stell dich nicht so an" oder angesichts einer blutenden Wunde ruft: "Oh Gott, wie schrecklich". In allen diesen Fällen wird der Helfer nicht das erreichen, was er eigentlich möchte: Dass sich die kritische Situation beruhigt. Im schlimmsten Fall heizt er die Stimmung sogar noch an, beunruhigt den Verletzten, sorgt für mehr Aufregung als zuvor.

Jirka Bükow ist Therapeut für systemische Gewaltprävention. Seit Jahren bringt er Kindern und Jugendlichen Techniken zur Selbstverteidigung und zur Vermeidung von Konflikten bei. An vielen Schulen hat er bereits sogenannte Streitschlichter ausgebildet. Zurzeit ist er an der neu gegründeten Gesamtschule Oppum zu Gast. Dort gibt es bislang nur Schüler der Jahrgangsstufen fünf und sechs. Entsprechend steckt die Ausbildung der Freiwilligen vom Sozialen Erste Hilfe-Dienst noch in den Kinderschuhen.

"Wir haben Schüler genommen, die zuverlässig sind. Da es ein freiwilliger Dienst ist, findet die Ausbildung nachmittags statt, wenn kein Unterricht ist. Umso wichtiger ist es, dass die Schüler teilnehmen. Wer drei Mal nicht kommt, wird rausgeschmissen", erklärt Bükow die Regeln. Lale Reinermann ist ausgebildete Krankenschwester und hat im Anschluss noch ein Lehramtsstudium absolviert. An der Gesamtschule Oppum betreut die Lehrerin mit der medizinischen Vorbildung das Freiwilligen-Team. "Ich bin für die Schüler immer ansprechbar und begleite sie später auch bei ihrer Arbeit. Sie sind nicht allein, sondern können jederzeit auf meine Unterstützung zählen."

Erste Hilfe ist mehr, als ein Pflaster auf eine Wunde kleben. Wichtig ist auch das Verhalten dem Verletzten gegenüber. Er soll sich bei den Helfern gut aufgehoben fühlen. "Wir helfen dir, egal wer du bist und was du getan hast", umschreibt Jirka Bükow die richtige Haltung in einer solchen Situation. "Für Schüler ist das neutrale Zuhören ein großes Problem. Sie sind es aus dem Internet gewohnt, alles zu bewerten und zu allem ihren Kommentar abzugeben. Als Helfer dürfen sie gerade das nicht. Auch ein Aggressor wird erst einmal verarztet. Und zwar, ohne dass er sich einen dummen Spruch anhören muss." Oft entstehe so schon im Medizinraum eine Bindung zu dem Betroffenen, ein Vertrauensverhältnis, auf das später aufgebaut werden könne.

Das Freiwilligen-Team wird durch spezielle Westen für Mitschüler gut zu erkennen sein. Die Westen verleihen den Helfern eine gewisse Autorität, die aber auch Pflichten mit sich bringt. "Helfer müssen sich immer korrekt verhalten. Sie sind Vorbilder, benutzen also keine Schimpfwörter, machen keine beleidigenden Handzeichen, greifen keinen an. Auch nicht zum Spaß", betont der Trainer. Wer zweimal den berüchtigten Mittelfinger zeigt, ist raus aus dem Projekt. Harte Regeln? "Nein, das ist einfach eine Notwendigkeit. Die innere Haltung muss wachsen, das Bewusstsein für die Verantwortung da sein, sonst funktioniert Hilfe nicht. Denn nur wenn die innere Haltung wächst, verändert sich auch das Auftreten, entsteht eine natürliche Autorität", weiß Bükow.

Den Sechstklässlern bringt er deswegen neben dem Einmaleins der Ersten Hilfe auch das ABC des richtigen Handelns im Ernstfall bei. BANDE lautet die Abkürzung. Das B steht für Begrüßen und Beobachten, das A für Ansprechen und Angebot machen, das N für Notwendige Hilfe und Neutralität, das D für Dokumentation und das E für Erweiterte Hilfe. Denn langfristig sollen sich die Ersthelfer spezialisieren können, als Streitschlichter beispielsweise, und auch Hilfseinrichtungen außerhalb der Schule wie Weißer Ring oder Kinderschutzbund kennenlernen lernen.

Vergrößern wird sich das Team durch jede neu hinzukommende Jahrgangsstufe, deren Freiwillige dann wieder mit dem Erste Hilfe-Dienst anfangen und das ABC kennenlernen werden. Denn wer sich an die BANDE hält, dem bleibt ein Schicksal hoffentlich erspart: die Helferstarre. Bükow: "Das passiert sogar gestandenen Medizinern, die im privaten Umfeld auf einmal einen Notfall erleben und so paralysiert sind, dass sie nicht handeln können. Wer sich aber an den Buchstaben orientiert, dem fällt Hilfe deutlich leichter."

Doch noch müssen die Schüler jede Menge lernen. Und üben, üben, üben. Damit die gute gemeinte Hilfe nicht in die Hose geht.

Quelle: RP
 
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