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Krefeld
Dompteur der deutschen Sprache

Krefeld: Dompteur der deutschen Sprache
Johannes Floehr zwischen den Blues Brothers im Café Coelen. Der 25-Jährige ist in seinem Leben ebenso hochtourig unterwegs wie die Filmhelden. Aber sein Auftrag ist die Kultur, seine Waffen sind Fantasie und Sprache. FOTO: T. Lammertz
Krefeld. Johannes Floehr ist Texter, Moderator, Poetry Slammer - und alles mit Herzblut in seiner Heimatstadt Krefeld. Von Petra Diederichs

Johannes Floehr kann sich über nullkommajosef freuen. Der Begriff, mit dem die Wiener umgangssprachlich "null" benennen, ist ihm neulich untergekommen. "In einem Wort geschrieben sieht das toll aus - und jeder weiß, was gemeint ist", sagt der 25-Jährige. Und hat gleich noch eine Bierbrauerei aus Ottakring parat, die so ihr Alkoholfreies taufte. Auch "odios" hat Floehr neu in seinen Wortschatz aufgenommen. Das klingt feiner und interessanter als "widerwärtig" und "gehässig". Und vielleicht wird er es schon bald mal auf der Bühne einsetzen.

Wörter sind sein Kapital: Johannes Floehr ist Moderator und Poetry Slammer und noch so vieles mehr - eigentlich ist er ein Sprachjongleur. "Ich kann halt labern", sagt er. Und das ist weder als bescheidene Tiefstapelei noch als Komplimente-Hascherei zu verstehen. Floehr bringt Dinge auf den Punkt. Selbstbewusst. "Man muss etwas zu sagen haben und seine eigenen Texte gut finden, wenn man damit auf die Bühne geht." In vielen deutschen Städten steht er auf Poetry-Bühnen, und vielen Menschen bringt er in Workshops bei, wie Texte performt werden. Im vergangenen Jahr hatte das Auswärtige Amt ihn eingeladen, Schülern in Estland die Kunst der schnellen Texte zu vermitteln. "Es war nicht schwierig, sie für die Lust an Texten zu begeistern. Sprache ist ein Spielzeug wie Nintendo und Carrerabahn", sagt er. Das hat er selbst schon immer so empfunden. "Im Kindergarten habe ich Geschichten erzählt, da konnte ich noch gar nicht schreiben. Ich habe dann Bilder gemalt und der Kindergärtnerin dazu die Texte diktiert."

Floehr glaubt nicht an die These, dass junge Leute keinen Zugang zu Literatur haben. "Man muss nur das Richtige anbieten, etwas, das Spaß macht. In den Schulen wird ,Werther' gelesen oder ,Wilhelm Tell', maximal noch ,Tschick'. Dann klingt Literatur nach Arbeit." Der Spaß am Fabulieren, das auch das eigenständige Denken schult, komme da zu kurz. "Ich kenne von meinen Touren viele deutsche Wohnzimmer und stelle fest: Die Bücher- und CD-Regale werden immer weniger. Das stirbt aus." Dann müsse eben etwas anderes nachkommen. Sprachkultur eben. Und Kultur überhaupt. Als Identitätsstifter. "Die Innenstädte sehen gefühlt alle gleich aus. Aber über die Kultur können wir uns noch unterscheiden."

In Krefeld hat er von den Bühnen aus einen Unterschied festgemacht: "Das Publikum hier ist sehr breit aufgestellt, es gibt alle Altersgruppen; anderswo sind mehr junge Leute bei den Veranstaltungen. Aber Krefeld hat doch Studenten - wo sind die denn? Kennen sie das kulturelle Angebot nicht? Oder machen wir was falsch?"

Floehr ist einer von denen, die was machen. In diesem Jahr wird er erstmals das Internationale Folklorefest auf dem Platz an der Alten Kirche moderieren, eine Tradition, die er von Helmut Wenderoth übernimmt. Floehr ist einer der kreativen Köpfe, die das neue Café "Lentz" mit Kultur füllen wollen, er legt Platten auf, kümmert sich um die Offene Bühne im Schlachthof, publiziert... Der 25-Jährige ist auf Dauerempfang. Auch wenn er entspannt im Café sitzt, scheint er alle Eindrucke einzusammeln und abzuspeichern. Vielleicht lässt sich etwas in einem nächsten Text verwenden.

Neugier ist seine Triebfeder. Was er nicht kennt, das reizt ihn. Wie Quakenbrück. Dort hat er jetzt Urlaub gemacht - den ersten seit Jahren, sagt er. Warum Quakenbrück? "Ich fand den Namen so witzig, also bin ich hingefahren." Floehr wurde überrascht: Das niedersächsische Städtchen im Landkreis Osnabrück, das so idyllisch an der Hase liegt, war weniger verschlafen, als er vermutet hatte. Die historische Altstadt mit rund 100 Fachwerkhäusern ist ein beliebtes Touristenziel. Wieder einmal wurde sein Entdeckergeist belohnt. "Es lohnt sich, Dinge auszuprobieren", sagt er und wünscht sich, dass in Krefeld noch viel mehr junge Menschen Initiative zeigen. "Ich mag die Stadt, die ja auch bis auf die Innenstadt sehr schön ist. Es passiert einiges. Und ich möchte mich, wenn ich anderswo bin, nicht immer dafür rechtfertigen müssen, dass ich in Krefeld lebe. Deshalb müssen wir Krefeld cool machen." Für einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat er den Weg mitgeebnet: 2018 wird die NRW-Poetry-Slam-Meisterschaft in Krefeld ausgetragen.

Viele Pläne für einen 25-Jährigen. Und er hat auch eine ganz persönliche Herausforderung. Auch die hat mit Sprache zu tun: "Ich versuche, möglichst ohne Anglizismen auszukommen." Zumindest auf der Bühne. Aber irgendwie ist Johannes Floehr das ja immer.

Quelle: RP
 
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