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Krefeld
Dramatischer Rückgang bei Hummeln

Krefeld: Dramatischer Rückgang bei Hummeln
In unserer Region ausgestorben: Bombus distinguendus; die Deichhummel. Das große Exemplar in der Mitte ist eine Königin. Diese Art braucht offene Kulturlandschaften und liebt besonders Kleesorten. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. In der Region um Krefeld sind 70 Prozent der Hummel-Arten verschwunden. Fachleute vom Entomologischen Verein fordern mehr Forschung. Weltweit geht der Bestand an Blütenbestäubern zurück. Von Jens Voss

In Krefeld sind in den vergangenen Jahrzehnten von 28 dokumentierten Hummel-Arten 19 ausgestorben; bei den verbleibenden neun Arten geht die Zahl der Individuen beständig zurück. Das ist unterm Strich das Ergebnis von Insektenzählungen, die Fachleute des Krefelder Entomologischen Vereins betreiben.

Die Hummeln haben damit Anteil an einem dramatischen Rückgang der Insektenbestände, auf den die Entomologen seit langer Zeit hinweisen - und vor dem sie warnen: "Jede Art hat ihre Funktion im Naturhaushalt; wenn man eine Art verliert, verliert man deren besondere Fähigkeiten", sagt Andreas Müller, Vorsitzender des Entomologischen Vereins Krefeld, "wir wissen nicht, was mit unseren Ökosystemen und unseren Naturschutzgebieten in der Zukunft passiert, wenn man immer mehr Funktionen herausnimmt."

Das Foto zeigt einen der Kästen aus der Sammlung des Entomologischen Vereins. FOTO: Thomas Lammertz

Die Krefelder Entomologen betreiben seit 30 Jahren systematisch Insektenzählungen, auch mit neueren Methoden wie den sogenannten Malaise-Fallen, unter anderem im Orbroicher Bruch und im Latumer Bruch. Die so gefangenen Insekten werden dokumentiert und gezählt. "Das Ergebnis ist ein sehr beunruhigender Rückgang an Arten und auch an Masse", resümiert Heinz Schwan, Ehrenvorsitzender des Entomologischen Vereins, "die Hummeln haben Anteil an dieser Entwicklung, die man auch anhand der Entomologischen Sammlungen gut nachvollziehen kann".

Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben die in Krefeld tätigen Entomologen Hans Höppner (1873 - 1946), Wilhelm Aerts (1885-1964), Albert Ulbricht (1865-1927) und Ernst Puhlmann (1864-1959) in der Region um Krefeld 28 Hummelarten dokumentiert, berichtet Schwan, "davon sind heute nur noch neun bis zehn Arten übrig geblieben".

Bewahren beim Krefelder Entomologischen Verein ein kostbares Erbe (v.l.): Vorstandsmitglied Martin Sorg, der Ehrenvorsitzende Heinz Schwan und der amtierende Vorsitzende Andreas Müller. FOTO: Lammertz

Seit etwa zwei Jahrzehnten hat der Verlust an Blütenbestäubern bei den Insekten so dramatische Ausmaße genommen, dass Biologen und Zoologen weltweit Alarm schlagen. Im Jahr 2001 haben US-Biologen darauf hingewiesen, dass die Zahl der Honigbienenvölker in den USA und Kanada seit 1990 um 25 Prozent zurückgegangen sind, die Zahl der nordamerikanischen Hummelarten sogar um 55 Prozent. In Nordrhein-Westfalen sind nach der aktuellen Roten Liste 43 Hummel-Arten ausgestorben. Biologen reden mit Blick auf den Verlust an Bestäubern wie Hummeln bereits von einer Bestäubungskrise. "Die wenigen gezüchteten Arten der Blütenbestäuber wie die Honigbiene oder die Dunkle Erdhummel sind kein auch nur annähernd funktionierender Ersatz für die ausgerottete Vielfalt. Damit kann man bestenfalls die Tomaten in Treibhäusern bestäuben und auf einer Plantage den Ertrag steigern", sagt Martin Sorg, promovierter Zoologe und im Vorstand des Entomologichen Vereins. "Wir sind Teil eines großen, weltweiten Experiments, das wir nicht überblicken. Es ist wie bei einem Industriebetrieb, in dem immer mehr Funktionen wegfallen: Hier in Buchhalter, da ein Techniker, dort ein Fahrer. Irgendwann funktioniert das Ganze nicht mehr."

Der Vergleich hinkt, betont Sorg, weil man in einem Betrieb neue Mitarbeiter einstellen kann - "eine Art, die verschwindet, wirft Probleme einer ganz anderen Dimension auf. Sie verschwindet mit ihrer besonderen, über lange Zeiträume erfolgten Anpassung an unseren Lebensraum. Man kann viele hochgradig spezialisierte Arten nicht so einfach ersetzen. Wenige übriggebliebene Generalisten können manche Aufgaben im Naturhaushalt nicht gleichwertig übernehmen", sagt er.

Das große Problem seien sogenannte Kaskadeneffekte, denn die ausgestorbenen oder im Rückgang befindlichen Arten seien selbst Nahrung für andere Insekten, Vögel oder Fledermäuse gewesen. Auch Pflanzen, die aufgrund des Rückganges von Blütenbestäubern verschwinden, seien ihrerseits Existenzgrundlage für viele andere Insektenarten. "Nichts bleibt hier ohne meist auch noch unerwartete Folgen über zahlreiche Positionen in den Nahrungsketten", sagt Sorg.

Entomologen-Vorsitzender Müller berichtet von Meldungen aus China, wo es bereits Plantagen geben soll, auf denen der Mensch die Aufgabe der Insekten - speziell von Hummeln und Bienen - übernehmen muss: Dort werden, so heißt es, die Pflanzen mit Pinseln von Menschenhand bestäubt.

Quelle: RP
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