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Krefeld
Ein Faust für das 21. Jahrhundert

Krefeld: Ein Faust für das 21. Jahrhundert
Soll er das Gift schlucken? Faust (Bruno Winzen) traut sich nicht - und liefert sich Mephisto aus. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Mit einer hochkonzentrierten Fassung der Goethe-Tragödien "Faust 1 und 2" startete die Spielzeit im Theater Krefeld. Matthias Gehrt zeigt Faust als Figur der Moderne, Mephisto ist die dunkle Seite seiner Seele. Von Petra Diederichs

Wieder ein Held weniger. Faust ist tot. Steinreich, aber einsam und moralisch zutiefst verkommen, ist er von der Bühne verschwunden. Ob er in der Hölle schmort, bleibt offen. In die Verdammnis hat ihn Schauspieldirektor Matthias Gehrt schon längst geschickt: Er hat Goethes zwei Faust-Tragödien, die 1808 und 1832 entstanden sind, zu einer Einheit gemacht, die Goethe als Global-Player zeigt, der sich alles bulimisch einverleibt und doch keinen Genuss daran hat. Er braucht keinen Teufel mehr, der ihn verführt. Er trägt die finstersten Abgründe in sich. Und so sehen Faust (Bruno Winzen als Wutgelehrter immer mit Hochspannung auf dem Egotrip) und Mephisto (Daniel Minetti, der als Schattenmann und Strippenzieher sogar Szenenapplaus bekommt) aus wie Zwillinge – jeweils "ein Teil des Teils, der einst ein Ganzes war". Ein kongeniales Gespann.

Der Pakt ist nicht Teufels Werk: Im Studierzimmer scheint Faust die Sache noch im Griff zu haben, er bändigt den Geist des Bösen mit einem Stuhl. Doch die Hexenküche ist die Zentrale des Verderbens. In einer Schlüsselszene ziehen die Hexen Faust den Goetheschen Gehrock aus und stecken ihn in einen Maßanzug, mit dem Jugendcocktail stellen sie ihn aufs Laufband, der Marathon der Beschleunigung startet. Faust schwitzt, im Hintergrund droht auf der Videowand der Großstadtdschungel. Faust ist im 21. Jahrhundert angekommen.

Gehrt zieht seine Lesart konsequent durch. Von 12 111 Versen der Goetheschen Originale hat er 2430 übriggelassen – und das reicht für einen Parforceritt durch alle Spielarten des Weltverfalls, den Goethe während der beginnenden Industrialisierung vorausahnte: Inflation, Krieg, sogar Genmanipulation. Gabriele Trinczek bringt mit einer kibernetischen Bühne noch mehr Tempo. Ständig ist etwas in Bewegung. Wir ahnen: Den Moment, den Faust festhalten wollen würde, muss er verpassen. Videos von Ali Samadi Ahadi ("Salami Aleikum") illustrieren die Orte und die innere Welt Fausts. Es sind Bilder voller Haftkraft, die lange nachwirken. Der Osterspaziergang, der nur Waden und Schuhe der Gesellschaft zeigt, weil eine Wand Faust von den Bürgern abgrenzt, das Gitter von Gretchens Kerker und Helen Wendts facettenreiche Darstellung von Gretchens Verzweiflung und Wahnsinn sind die großen Momente des ersten Teils.

Noch kraftvoller und oft surreal ist die Bildsprache im zweiten Teil, rasant geht es per Autopilot in den Untergang: Im bankrotten Staat hockt ein Parlament unter dem Banner "Gemeinsam aus der Krise", der ratlose Kaiser sieht aus und spricht wie Angela Merkel. Während die Krise sich zuspitzt, herrscht Partystimmung. Und das Publikum singt mit. Die Walpurgisnacht als Panoptikum der Invaliden, wo der Homunculus schwebend auf seine Menschwerdung wartet, ist unheimlich. In den Nebeln bahnt sich der poetischste Moment der Inszenierung an: Faust trifft Helena wieder. Doch das verschleierte Wesen entgleitet ihm, entschwindet dank der Unterbühnentechnik – er hält nur das leere Gewand in der Hand. Ein Vorbote auf sein eigenes Verschwinden.

Für die Darsteller, die 70 Figuren auf die Bühne bringen, ist es ein Kraftakt. Und Winzen und Minetti sind stimmlich am Ende fast an der Grenze. Vier Stunden im Hochdruckverfahren strengen an – manchmal auch die Zuschauer. Aber sie haben mehr als eine Digest-Fassung der Faust-Tragödie erlebt. Auch wenn das Heldenbild von Faust gestorben ist.

Quelle: RP
 
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