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Krefeld
Ein Foto-Botschafter für Verständigung

Krefeld: Ein Foto-Botschafter für Verständigung
FOTO: Hubert Hecker
Krefeld. Hubert Hecker hat Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, fotografiert - so wie sich selbst geben. Die Fotos sollen helfen, Vorurteile abzubauen, und zur Begegnung anregen. Denn die Ausstellung, die heute im Im-Brahm-Haus startet, ist der Beginn eines langfristigen Projekts. Von Petra Diederichs

Ein roter Stuhl kann eine Menge bewirken. Er kann Hemmungen nehmen, Selbstbewusstsein stützen, Halt geben. Dem Krefelder Fotografen Hubert Hecker war früh klar, dass sein einziges Requisit entscheidend ist für sein Projekt. Unter dem Titel "Für jeden ist ein Platz frei" hat er Menschen fotografiert, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Der Stuhl mitten vor einer weißen Atelierleinwand ist uniforme Kulisse für sehr unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Schicksalen und Geschichten.

"Ich war sehr glücklich, als ich den roten Samtstuhl im Theaterfundus entdeckt hatte: Er verkörpert Würde, hebt diejenigen, die darauf sitzen hoch - im Gegensatz zu einem einfachen Holzstuhl", sagt er. Er hat den barock anmutenden Sessel im Flüchtlingsheim an der Westparkstraße aufgestellt und die Bewohner eingeladen, sich fotografieren zu lassen - so wie sie selbst wollen. "Zuerst kamen die Menschen zögerlich, dann wurden es immer mehr", sagt der 56-Jährige. Die Verständigung war kein Problem: "Ein paar Worte genügten, um das Eis zu brechen, dann ging es wie von selbst." Er erzählt von dem jungen Mann, der sich vor der Kamera sichtlich wohlfühlte. "Er könnte direkt von einem Casting kommen", sagt Hecker. Nach dem Shooting bat er den Fotografen, auch seinen Bruder abzulichten, den er pflegt. "Der ist halbseitig gelähmt. Wir haben ihn mit vier Mann die Treppe hochgetragen, wo ich mein kleines Atelier aufgebaut hatte. Aber es hat sich gelohnt. Wir waren alle glücklich", sagt Hecker. Er erzählt von dem Ehepaar, das sich hartnäckig weigerte, seine Winterjacken auszuziehen. "Erst später habe ich erfahren: Das waren ihre besten Sachen. Was sie darunter trugen war nicht präsentierfähig."

FOTO: Hubert Hecker

Es gibt diese Geschichten, aber in der Ausstellung, die heute um 17 Uhr in der ehemaligen Im-Brahm-Brotfabrik eröffnet wird, begegnen sie dem Besucher nicht. Es gibt keine Hinweise auf die Namen und Herkunftsländer der Fotografierten. "Ich möchte den Blick auf den Menschen lenken", sagt Hecker. Mit den 40 Fotografien - 1,50 mal 1,50 und 1 mal 1 Meter groß - will er Verständnis wecken. Das ist der Anfang des Verstehens. Der weiße Hintergrund der Bilder blendet Schicksal und Vergangenheit aus. Es zählt der Moment der Aufnahme. Der Stuhl macht sie alle gleich - und doch gibt es Unterschiede: Eine Frau blickt höchst skeptisch in Richtung Objektiv, sitzt fast fluchtbereit auf der Kante des Sessels. Es gibt Familienväter, die ihre Kinder auf den Stuhl gesetzt haben und sich schützend dahinter stellen, und solche, die den Sitzplatz ganz selbstverständlich einnehmen, während die Familie sich darumherum postiert. Es gibt die Zögerlichen und die Entspannten, solche, die das Projekt als Aus-Zeit aus dem tristen Asylbewerber-Alltag genießen, andere, die den Gang zum Fotografen mit der ganzen Familie als großes Ereignis in ihrer eigenen Chronik zu feiern scheinen. Es sind Menschen aus Syrien, aus Rumänien, aus Russland. Sie alle sind erst seit kurzer Zeit in Krefeld. "Aber sie sehen aus, als seien sie schon lange unser Nachbar", sagt Hecker.

Um dieses Verständnis geht es ihm mit der Ausstellung. Denn sie ist der Beginn des Verstehens. Die Fotoserie ist erst der Anfang. Als Hecker vor mehr als einem Jahr die Schreckensbilder von Lampedusa sah, wusste er, er muss etwas tun. "Wir wollen eine Begegnungsstätte aufbauen, die täglich geöffnet ist, mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern. Dort sollen die Menschen das Wohnzimmer finden, das sie nicht haben. Dorthin sollen sie auch Besuch einladen können. Aber das kostet viel Geld." Das sammelt Hecker mit dem gemeinnützigen Verein, der sich in Gründung befindet. Von Canon Europa hat er bereits Unterstützung zugesagt bekommen. "Es ist ein langer Weg, aber ich bin zuversichtlich."

FOTO: Hubert Hecker

Ausstellung von heute bis 25. Juni, mo-fr., 17-20; sa./so. 16 bis 19 Uhr, in der ehemaligen Brotfabrik Im Brahm, Ritterstraße 183. Für Schulklassen nach Vereinbarung, Telefon 0159 04390504. Ein Spendentopf steht bereit. Ein Bildband ist in Planung.

Quelle: RP
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