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Krefeld
Ein Freund der Menschheit

Krefeld. Die Kartoffel kam über die Inkas und die Spanier im 16. Jahrhundert nach Europa - dort brauchte man etwas, um sie zu verstehen. Zunächst war sie eine Zierpflanze, dann aß man die Frucht roh. Heute ernährt sie die Menschheit. Von Jens Voss

Die Geschichte der Kartoffel ist reich an Anekdoten. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Pflanze wegen ihrer schönen Blüten als Zierpflanze geschätzt und in botanischen Gärten gehalten. Zwischenzeitlich hatte sie den Ruf, eine Giftpflanze zu sein - weil man sich Bauchweh holte, wenn man Kartoffeln roh aß. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es systematischen Anbau, heute ist die Kartoffel ein weltweit geschätztes Nahrungsmittel, ein stiller Freund der Menschheit.

Um diese schöne und segensreiche Pflanze dreht sich das Leben von Familie Overings, die auf einem Bauernhof am Lefkesweg südwestlich von Hüls lebt und arbeitet. Die Overings bauen Kartoffeln an, und es ist eine Wissenschaft für sich. Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, fällte Heinz Overings 1985, als er den elterlichen Hof übernahm. Damals hielten die Overings noch Tiere - Schweine, Hühner, Gänse. Doch die Tiermast war wirtschaftlich nicht mehr zu halten. "Wir haben für jedes Schwein 15 Mark draufgezahlt", sagt Heinz Overings. Er hat die Neuausrichtung vorgenommen: keine Tiere mehr, sondern Kartoffeln. Genauso wichtig war die andere Weichenstellung: Overings hat seine Kartoffeln regional vermarktet und beliefert seitdem Kunden wie Edeka. Heute betreibt sein Sohn Andreas den Hof, Vater Heinz und Mutter Elisabeth arbeiten mit. Ein klassischer Familienbetrieb in dritter Generation.

Das sagt sich so: Kunden beliefern. Dahinter stehen teils staunenswerte Technik und logistische Perfektion. Die beliebte Frühkartoffel Annabelle zum Beispiel wird tagscharf nach Abruf der Kunden geliefert, vorher gewaschen, sortiert und nach Größe präzise abgepackt; alles muss wie am Schnürchen laufen, wenn die Kartoffeln punktgenau in den Geschäften sein sollen.

Und erst die Technik. Geerntet werden Kartoffeln mit dem "Kartoffelroder", sagt Vater Heinz irgendwann wie nebenbei, und vor dem geistigen Auge des unwissenden Zuhörers entsteht ein grobes, starkes Etwas, dass irgendwie den Boden aufbricht, um ihm die Kartoffeln zu entreißen. Eine Maschine vom Typ Ork, denkt man.

Falsch. Der Kartoffelroder ist ein leuchtend rotes Hightech-Gerät, riesig groß, aber geschaffen für Filigranarbeit. Der Roder wird von einem Traktor gezogen und in jeder Sekunde kameraüberwacht. Denn der Fahrer muss Zentimeterarbeit leisten und darauf achten, dass die Schaufel, die die Kartoffeln aus dem Boden holt, nicht zu tief und nicht zu flach in den Boden beißt - weil die Maschine sonst entweder zu viel Erde hochholt oder die Kartoffel halbiert. Überhaupt sind Kartoffeln viel empfindlicher, als man so ahnt, wenn man vor ihnen in der Küche steht und die Unverwüstlichkeit des Ackers noch ahnt, in dem sie einst steckten.

Und so muss auch der mächtige Roder sanft mit den Früchten der Erde umgehen. Der Fahrer vorn auf dem Traktor überwacht den Weg der Kartoffel durch die Erntemaschine mit einer Reihe von Kameras und steuert behutsam nach, wenn die Knollen Schaden nehmen. Feinarbeit muss der Landwirt auch leisten, wenn er im Frühjahr seine Saatkartoffeln setzt. Um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, ist die ganze Erfahrung des Landmannes gefordert; hier muss er Mutter Natur sehr genau in die Karten schauen. Der Boden sollte schon etwas angewärmt und durchgetrocknet sein; ist er noch zu feucht, bekommt das den Saatkartoffeln nicht und der Boden wird durch die Maschinen zu sehr verdichtet. "Man kann lieber eine Woche warten als zwei Tage zu früh das Feld bestellen", erläutert Juniorchef Andreas Overings. Das Ziel: "Die Pflanze soll vom Pflanzzeitpunkt bis zur Ernte durchwachsen; dieser Prozess soll möglichst nicht stocken."

Die schlimmsten Feinde der Kartoffel sind ein Pilz und der Drahtwurm, wie die Larve des Schnellkäfers heißt. Mit ihr haben auch Gärtner in ihren Beeten zu kämpfen. "Der Drahtwurm", sagt Heinz Overings lächelnd, "ist ein ganz Böser." Zwar bohrt der Wurm nur feine Löcher in die Kartoffel, doch ist die Frucht dann für den Verkauf verdorben; Kunden wünschen nun mal makellose Knollen. Die Overings setzen gegen den Wurm kein Gift, sondern Kalkstickstoff ein; "so beseitigen Sie 60 bis 70 Prozent des Befalls", sagt Heinz Overings. Dennoch ist der Wurm gefürchtet. Und er hat offenbar Geschmack. "Sie können mehrere Kartoffelsorten im Acker haben, und es kann sein, dass der Wurm genau eine befällt und die daneben nicht. Besonders selten geht er an mehlige Kartoffeln", berichtet Heinz Overings. Auch Würmer können Gourmets sein.

Der andere Feind der Kartoffel ist schwülwarmes Wetter. "Davon", sagt Andreas Overings, "hatten wir genug in diesem Jahr". Dieses Wetter befördert die Kraut- und Knollenfäule, ausgelöst durch den "Phytophthora"-Pilz. Er ist bei Landwirten genauso beliebt wie der Drahtwurm. "Ist die Pflanze befallen und es regnet, wandert der Pilz in den Boden und überträgt sich auf die Knolle", sagt Andreas Overings. So groß die Erntemaschinen, so klein die Feinde der Kartoffeln - mächtig sind beide auf ihre Weise.

Zu den staunenswerten Maschinen im Kartoffelanbau gehört eine GPS-gesteuerte Spritzmaschine. Auch sie wird von einem Trecker gezogen und von dort aus gesteuert - per Joystick, wie Andreas Overings erläutert. Die Arme mit den Spritzdüsen haben eine Spannweite von 33 Metern - der Clou ist: Über die GPS-Steuerung weiß die Maschine in jeder Sekunde, welchen Quadratzentimeter Boden sie schon mit ihren Armen überstrichen hat. Kommt es zu Doppelungen, schalten sich die Düsen in diesem Bereich automatisch ab. Mehrfachbesprühung findet nicht mehr statt. "Früher", sagt Andreas Overings, "musste man das beim Weg übers Feld abschätzen". Der Einsatz von Pflanzenschutz- oder Düngemitteln ist so hocheffizient und auf ein Minimum beschränkt.

Die Overings bauen Sorten wie Cilena, Bintje und Annabelle an. Geerntet wird im September und Oktober. Die Ernte wird in einer mächtigen Halle gelagert und dort nach Bedarf sortiert und ausgeliefert. In den Sortiermaschinen werden die Knollen mit Bürsten gereinigt, nach Größe getrennt und in Netze von 1,5 bis fünf Kilogramm abgepackt. Frühkartoffeln - als feine Knolle etwa zu Spargel beliebt - werden zusätzlich gewaschen. Auch wenn die Maschinen wiederum groß und wuchtig aussehen - alles muss sanft vonstattengehen. "Kartoffeln", sagt Andreas Overings irgendwann, "müssen behandelt werden wie rohe Eier, sonst bekommen sie Flecken."

In einer Hinsicht folgt die Landwirtschaft noch guter alter Väter Sitte: Ein Feld, das Kartoffeln getragen hat, muss vier Jahre lang andere Pflanzen wie Weizen, Rüben oder Mais beherbergen, bevor wieder Kartoffeln in den Boden dürfen. Die klassische Fruchtfolge. Manche Dinge ändern sich nie.

Quelle: RP
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