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Krefeld
Ein Leben auf dem Markt

Krefeld: Ein Leben auf dem Markt
"Es ist schade, dass manche Kinder heute gar nicht mehr wissen, was Brokkoli vom Blumenkohl unterscheidet oder wie Spitzkohl schmeckt": Josef Schneider ist in dritter Generation Marktbeschicker auf dem Westwall. Seinen erster Einsatz am Wochenmarkt hatte er mit fünf Jahren - Kopfrechnen inklusive. FOTO: Lammertz
Krefeld. Märkte sind als Treffpunkt, stimmungsvolle Flaniermeile und Appetitanreger immer noch beliebt. Dennoch gibt es auch Probleme; die Marktleute gehen ihrem Beruf zwischen Lust und Frust nach. Ein Besuch bei Josef Schneider auf Krefelds größtem Markt. Von Beate Wyglenda

Seit 32 Jahren verkauft Josef Schneider sein selbstangebautes Gemüse auf dem Wochenmarkt auf dem Westwall. Vor ihm versorgte schon sein Vater die Krefelder mit frischem Gemüse. Und auch dessen Vater war seit 1924 am Westwall als Marktbeschicker tätig. Schneider weiß also genau, welche Vorzüge, aber auch Probleme der Markt hat, welche Entwicklungen er in all diesen Jahren vollzogen hat.

Jeden Dienstag und Freitag von sieben bis 13 Uhr erwacht der Westwall zum Leben. Wenn Marktbeschicker wie Josef Schneider früh morgens ihre Stände aufbauen, wenn die ersten Kunden schon während des Aufbaus vorbeischauen, um neben frischen Waren auch den ersten Klatsch des Tages mitzunehmen, und spätestens ab neun Uhr reges Treiben in den Gängen herrscht, dann wird deutlich: Der Wochenmarkt ist ein unverzichtbarer Bestandteil der urbanen Kultur in Krefeld.

Für die Marktbeschicker ist der Wochenmarkt der wichtigste Vertriebsstandort ihrer selbsterzeugten und selbstgefertigten Waren. Von Obst und Gemüse, Blumen und Pflanzen über Käse, Milchprodukte, Eier und Backwaren bis hin zu Fisch, Geflügel und Wild ist dienstags und freitags eine Vielzahl an Produkten auf dem Markt zu haben. Auch Kurzwaren, Textilien, Gardinen und Feinkost gehören zum Angebot dazu.

Für die Kunden ist der Wochenmarkt am Westwall nicht nur Quell von Frische und Qualität, sondern auch Zentrum der Kommunikation. Der Schwatz mit dem Nachbarn gehört da genauso dazu wie die Plauderei mit dem Händler seines Vertrauens. Beratung und persönliche Empfehlungen gehören einfach dazu: "Ein Supermarkt kann das nicht leisten", sagt Schneider. Der 51-Jährige berät seine Kunden gerne, wie er betont. Er erklärt beispielsweise, wie man welches Gemüse am besten zubereitet. Insbesondere, weil Schneider auch Nischenprodukte wie Mangold, Zuckermais oder frischen Spinat verkauft, die eben nicht in jedem Discounter-Regal zu bekommen sind. Früher hat er sogar regelmäßig Rezeptideen für seine Kunden mitgebracht. Sein Kürbissuppen-Rezept, so erinnert sich Schneider, sei damals besonders gut angekommen.

Er selbst habe aber kein Lieblingsrezept und -gemüse, sagt der Händler. Er esse alle Sorten gerne. "Außer dicke Bohnen", ergänzt er lachend. Das liege nicht zuletzt daran, so Schneider, dass er bereits von Kindesbeinen an bei der Aussaat, Pflege und Ernte sowie beim Verkauf des Gemüses mitgeholfen hat. "Es ist schade, dass manche Kinder heute gar nicht mehr wissen, was Brokkoli vom Blumenkohl unterscheidet, wie frischer Spinat aussieht oder Spitzkohl schmeckt", sagt Schneider. Seinen erster Einsatz am Wochenmarkt hatte der Willicher mit fünf Jahren. Nur wenig später handelte er schon selbst: "Im Kopfrechnen war ich jedenfalls früh fit."

Seine Freude an der Arbeit hat er bis heute beibehalten - "auch wenn sich das Marktgeschehen in den letzten zehn Jahren drastisch verändert hat". Zu seinen Anfangszeiten, so erinnert sich Schneider, habe es am Westwall gut 300 Marktstände gegeben. Heute stehen nur noch knapp 60 parat. Entsprechend geschrumpft seien die Besucherzahlen. "Früher kam man vor Leuten kaum durch die Gänge", sagt der Marktbeschicker. "Aber weniger Stände bedeuten eben auch weniger Kunden. Je größer das Angebot, desto mehr Leute haben Lust vorbeizukommen", erklärt er.

Er sieht die Stadt in der Verantwortung, die Lücken am Westwall zu schließen. Der Markt müsse besser beworben und Marktbeschickern Anreize geboten werden, sich am Westwall zu platzieren. Stattdessen aber seien die Standkosten im Vergleich zu anderen Städten wie Neuss oder Kaarst besonders hoch. Auch in der Debatte um den "Feierabendmarkt" wünscht sich Schneider von der Politik mehr Einbeziehung der Händler. "Ich musste von den Überlegungen aus der Zeitung erfahren. Nach unserer Meinung hat vorab niemand gefragt", kritisiert er.

Seinen Stand in einer anderen Stadt aufbauen will Schneider dennoch nicht. Er ist aus Familientradition am Westwall, und es gefällt ihm auch dort. Sein Wunsch ist lediglich: "Ich hoffe, dass der Markt eine Zukunft hat und wir nicht in paar Jahren nur mit fünf Ständen dastehen."

Quelle: RP
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