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Krefeld
Ein Lebenskreis mit Reise ins Jenseits

Krefeld: Ein Lebenskreis mit Reise ins Jenseits
Elisa Rossignoli tanzt in der Neubesetzung des Uraufführungsprojekts von Robert North die Titelfigur. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Robert North macht die Biografie einer Frau zum Gegenstand seiner Choreografie "Eine Frau ohne Namen". Die zeichenhafte Musik des britischen Komponisten Howard Blake veredelt dabei auch Klischees von Transzendenz. Von Dirk Richerdt

Um das ewig junge Spiel der Liebe zu zeigen, bedarf es keiner Worte. Also stimmt Sopranistin Julia Danz, neu im Opernstudio, auf der Seitenbühne nur eine intervallreiche Kaskade von Vokalisen an. Filigran und zugleich energisch. Dazu intoniert im Orchestergraben die Streichergruppe der Niederrheinischen Sinfoniker einen klingenden Vorschein des Lebens. Anfangs sieben, dann sechs Paare, die Männer mit freiem Oberkörper, tanzen den vorgeburtlichen Prolog des Balletts "Eine Frau ohne Namen" in harmonischer Anmut, gespickt mit humorigen erotischen Anspielungen. Aus dem "Geburtskanal", gebildet aus zwölf Körpern, schreitet ein kleines Mädchen nach vor: ein Zeitsprung, der Geburt und Vorschulalter in einen Moment bannt. Schon weicht das Kind einem größeren - und dann steht sie da, die junge, namenlose Frau. Elisa Rossignoli tanzt in der Neubesetzung des Uraufführungsprojekts von Robert North die Titelfigur.

Dem temporeichen Zeitraffer der lebhaften, spannenden Tanzbilder setzt Kapellmeister Alexander Steinitz im Orchester die nicht minder bewegungsfreudige, aber auch in sich ruhende zeichenhafte Musik Howard Blakes entgegen. Das Arrangement aus Kammermusik und einem Oratorium des besonders als Filmkomponist erfolgreichen 77-jährigen Engländers ("The Snowman") nutzt North als expressiven Klangraum. Für aussagekräftige szenische Episoden, in denen eine Lebensreise abgebildet wird, die schon vor der Geburt einsetzt und mit dem Tod nicht endet.

Die Frau im himbeerroten Kleid tanzt einen quirligen Pas de deux mit ihrer Freundin (in blau: Teresa Levrini), sie streitet mit ihren biederen Eltern (Cecile Medour, Luca Ponti), begegnet ihrem ersten Freund (Raphael Peter) in einem zärtlichen Duett der Körper, wozu Konzertmeister Philipp Wenger anrührend Teile aus Blakes Violinkonzert spielt. Bunte Kostüme prägen die rasanten Gruppenszenen mit Freunden, dann tritt in Alessandro Borghesani ein weiterer Mann in das Leben der Titelfigur. Heirat, Geburt zweier Kinder, Entfremdung und Wut über Treubruch - der Ehemann geht fremd mit ihrer besten Freundin - sind weitere Stationen auf Udo Hesses mit Symbolen für den Kreis des Lebens bestückten Bühne. Es kommt zur Scheidung, die Namenlose heiratet ihre Jugendliebe. Diese Beziehung bleibt stabil.

Bis zu einer Lebenskrise, die ein großer, schräg aufgehängter Metallring versinnbildlicht, der vom Schnürboden herabfährt und die Seele der Frau ins Gefängnis einer Psychose sperrt. Die tiefe Verzweiflung der Isolierten tanzt Rossignoli vehement, ihre stärkste Sololeistung an diesem Abend. Es folgt ein Neustart, die Frau wird zur gefeierten Schriftstellerin.

Nach der Pause geht es zielstrebig dem Finale entgegen. Schwächeanfall, Zusammenbruch, Tod: Während ihre Lieben schockiert erstarren, erhebt sich die nun grauhaarige Frau in roter Strickjacke und nimmt unerkannt Abschied: North zeigt so die Ablösung der Seele vom Körper. Der Theaterchor stimmt erhöht auf der Hinterbühne Stücke aus dem Oratorium "Benedictus" von Blake an. Mal feierlich getragen, mal perkussiv akzentuierend - im Stil der Carmina Burana - lässt Chordirektorin Maria Benyumova den Chor faszinierend einen Initiationsritus im Kreis von Engelwesen klangsinnlich übermalen: Die Frau tanzt ein Duett mit einem Engel (Victoria Hay), der ihr energisch zeigt, "dass man nicht schwach sein, sondern dem Tod mit klarem Kopf begegnen sollte", wie der Choreograf dazu anmerkt.

Ein transzendenter Ausklang mit Trostbotschaft, musikalisch in einem Viola-Solo von Holger Hockemeyer prachtvoll verlautbart. Diese Botschaft kam direkt an, wie der begeisterte Schlussapplaus belegte. Robert North konnte diesen nicht entgegennehmen, er befindet sich nach einer Erkrankung in der Reha.

Quelle: RP
 
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