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Krefeld
Ein Vermächtnis Op Oedingsch

Krefeld. Seinem dritten Mundart Buch hat Hans Wilbers erstmals eine CD mit Hörproben beigelegt - ein Sprachdenkmal. Von Jens Voss

Es ist fast ein Vermächtnis: In seinem neuen Buch hat der Mundart-Publizist Hans Wilbers, unseren Lesern bestens bekannt als Köeb uut Oeding, erstmals eine CD beigelegt, auf der er einige seiner Texte vorliest. Damit schließt sich ein Kreis, und das Sprachdenkmal, das Wilbers dem Dialekt seiner Heimat gesetzt hat, ist vollendet. Wilbers, der in diesem Jahr mit dem Rheinlandtaler geehrt wurde, hat damit Sprachforschern ein umfassendes Mundart-Dokument hinterlassen.

Wilbers selbst denkt aber nicht in der rückwärtsgewanden Kategorie Sprachdenkmal - er ist bemüht, die Liebe zur Mundart auch der nächsten Generation zu vermitteln. Dem neuen Buch ist daher auch ein Lexikon beigefügt, das Oedingsch-Begriffe kindgerecht erklärt.

Seit 1991 veröffentlicht Wilbers Kolumnen in Uerdinger Mundart; allein in der Rheinischen Post sind mehr als 500 solcher Texte unter "Köeb uut Öeding" erschienen; er hat 2000 Redensarten gesammelt und ein Lexikon zusammengetragen, das mittlerweile 3000 Wörter umfasst.

Dabei ist Hans Wilbers kein gebürtiger Uerdinger. Er wurde am 26. Januar 1933 in Bockum geboren und zog mit seiner Familie nach Uerdingen, als er zehn Jahre alt war. Sein Vater war Ur-Uerdinger, seine Mutter kam aus Hessen. Trotz der väterlichen Prägung hat Hans Wilbers Oedingsch erst wirklich gelernt, als er in Uerdingen lebte; auf der Straße und auf dem Schulhof war Platt Verkehrssprache - und Pflicht, denn die Kinder sprachen Mundart, und wer sie nicht beherrschte, galt als Außenseiter und bekam das zu spüren: "Ich musste es ganz schnell lernen", berichtet Wilbers schmunzelnd, "sonst hätte ich jeden Tag die Hucke vollgekriegt."

So sog Wilbers Oedingsch als Sprecher auf, und er wuchs in einer Zeit auf, in der Platt noch eine lebendige, sprich selbstverständlich gesprochene Sprache war. Freilich erlebte er auch das Schwinden der Uerdinger Mundart. "Es gibt kaum noch alte Uerdinger, die Oedingsch sprechen. Sie hören das kaum noch auf den Straßen und Plätzen Uerdingens", sagt er.

Als Wilbers anfing, Mundarttexte zu veröffentlichen, stieß er auf einen Kritiker, den er sehr ernst nahm: Frisörmeister "Jüppke" Löwenfossen. "Ein Ur-Ur-Uerdinger", berichtet Wilbers. Der frische Mundartautor reagierte damals - Neudeutsch würde man sagen - konstruktiv. Wilbers bat Löwenfossen, seine Kolumnen gegenzulesen und zu korrigieren, bis sie vor den gestrengen Ohren des Uerdingers Bestand hatten. Nach einem halben Jahr gemeinsamer Sprachkritik kam für Wilbers quasi der Ritterschlag. "Jong, jetz brugsde dat net mehr", sagte Löwenfossen zu ihm; Wilbers hatte wohl die letzten Feinheiten von Oedingsch gelernt und verinnerlicht.

Der Streit um die Frage, was richtig und falsch ist an der Art, Mundart zu sprechen, hängt eben damit zusammen, dass Mundart gesprochene und keine geschriebene Sprache ist. Erst die Verschriftlichung wirft die Frage auf, was korrekt gesprochen und dokumentiert ist. Insofern ist es verständlich, dass sich Mundartfreunde zuweilen darüber in die Haare kriegen, was nun "richtig" geschrieben und gesprochen ist. Zudem gilt: Richtig und falsch sind relativ; relativ zur Sprachpraxis nämlich. Denn das, was Hans Wilbers als Zehnjähriger auf dem Schulhof gesprochen hat, kann ja durchaus drei Schulen weiter etwas anders praktiziert worden sein - so wird in Uerdingen vom Ratsveedcher Platt berichtet, das überwiegend im Uerdinger Westen rund um den Lindenplatz gesprochen wird.

So ist das, wenn Sprache lebt.

Quelle: RP
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