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Krefeld
Eine Begegnung mit Tagrid Yousef

Krefeld: Eine Begegnung mit Tagrid Yousef
Tagrid Yousef auf dem Balkon des Behnischhauses, in dem das Kommunale Integrationszentrum (KI) residiert. Sie ist Jahrgang 1967 und Trägerin des Deutschen Lehrerpreises. Seit August 2014 leitet sie das KI in Krefeld. FOTO: T.L.
Krefeld. Sie hat palästinensische Wurzeln, musste sich ihren Weg zum Abitur gegen die Familientradition erkämpfen, hat über Hirnforschung promoviert, war Deutschlands beste Lehrerin - und leitet seit 2014 das Kommunale Integrationszentrum. Von Jens Voss

Man traut sich kaum, das Wort zu sagen, denn man weiß: Der Zuhörer schlummert gleich weg. "Integration" hat das Schicksal aller Begriffe ereilt, die Mobiliar in Sonntagsreden werden: Man hat ihn so oft gehört, dass man ihn nicht mehr hört. Und dann sitzt man einer Integrationsbeauftragten gegenüber, die sagt: "Ich persönlich mag diesen Begriff nicht, weshalb ich das Wort zu meinem Unwort erklärt habe." Dabei ist Integration zum Lebensthema von Tagrid Yousef geworden. Sie ist Kind palästinensischer Einwanderer, Jahrgang 1967, und kam 1968 mit ihren Eltern aus Palästina nach Essen. Sie ist ein Musterbeispiel für all das, was sich hinter dem Begriff "Integration" verbirgt. So ist sie zunächst auf eine Hauptschule gegangen, berichtet sie, auch deshalb, weil ihr Vater der Meinung war, das sei genug für ein Mädchen. Doch sie war begabt; ihre Lehrer haben das erkannt und den Wechsel zum Gymnasium empfohlen. Das tat sie dann auch, trotz aller väterlichen Vorbehalte. Mit Fleiß und harter Arbeit holte sie alle Rückstände auf und machte Abitur.

Tagrid Yousef hat früh geheiratet, mit 19 Jahren, und zwar einen Mann aus ihrem palästinensischen Heimatdorf, der wie ihre Familie in Deutschland Fuß gefasst und studiert hat und heute als Lehrer an einem Berufskolleg arbeitet. Man darf vermuten: Es war für sie auch ein Schritt in die Selbstständigkeit, denn ihr Mann hat sie bei ihrem Weg zur Universität, zur Promotion im Fach Biologie und in den Beruf als Lehrerin am Berufskolleg unterstützt. Die Spannungen mit ihrem Vater waren da, haben aber nicht zum Bruch geführt: "Ich glaube, dass mein Vater bei meiner Promotionsfeier auch stolz auf mich war", sagt Yousef. Man spürt: Es war für das Mädchen nicht einfach, ihren Weg gegen die Tradition zu gehen.

Als Lehrerin an einem Berufskolleg in Duisburg ist ihr das Thema Integration dann quasi in den Schoß gefallen: Wann immer Kollegen Rat brauchten im Umgang mit Migranten, fragten sie Tagrid Yousef. So bekam das Thema immer größere Bedeutung in ihrem Leben: An der Schule in Duisburg entwickelte sie ein Konzept zur besseren Einbindung von Schülern mit Zuwanderungsgeschichte; 2012 erhielt sie den Deutschen Lehrerpreis "Unterricht innovativ". Und so bekam sie fast folgerichtig den Zuschlag, als sie sich um den Posten als Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums Krefeld bewarb.

An einer Stelle des Gesprächs ist es ihr Blick, der ahnen lässt, mit welchen Belastungen all das, was sich so glatt und schlüssig anhört, verbunden war. Anstrengend sei das Gefühl, wieder und wieder beweisen und bekennen zu müssen, "integriert" zu sein, sagt Yousef. Das Misstrauen endet offenbar nie. Und man versteht, warum sie, die über Notwendigkeit und Chancen von Integration nicht belehrt werden muss, "Integration" zu ihrem Unwort erklärt hat. "Jeder, der dieses Wort benutzt", formuliert sie in einem Beitrag für die VHS-Ausstellung mit Flüchtlingsporträts, "beschreibt Integration einseitig und verlangt von den Menschen, die zu uns kommen, dass sie sich anpassen, Werte und Bräuche der Mehrheitsgesellschaft annehmen und lernen, sich mit ihnen zu identifizieren." Yousef plädiert im Gegenzug dafür, den Ruf nach Integration nicht zu überfrachten.

Integration umfasst für sie die Anerkennung des Grundgesetztes, vor allem der ersten 20 Paragrafen, und das Erlernen der deutschen Sprache. Integration bedeutet für sie aber nicht die Übernahme aller Werte. Keine Relativierung - in ihrer Grenzziehung ist Yousef sehr konsequent. So brandmarkt sie es als Verstoß gegen die Gleichberechtigung, wenn muslimische Mädchen nicht am Schwimm- oder Sportunterricht oder an Klassenfahrten teilnehmen müssen. "Es ist nicht verständlich, warum das Land oder die Bezirksregierungen ständig Ausnahmegenehmigungen erteilen", sagt sie. Als "Signal in die falsche Richtung" wertet Yousef es auch, wenn muslimische Lehrerinnen in der Schule ein Kopftuch tragen dürfen. Dies sei "keineswegs ein Schritt in die Gleichberechtigung".

Zugleich wirbt sie aber dafür, dass Integration nicht nur Bewegung von den Einwanderern verlangt, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft. Empathie, Offenheit, Toleranz - ohne all das gelingt Integration nicht.

Und so ist der letzte Satz in ihrem Beitrag zur Ausstellung über Flüchtlinge eine Frage, genauer: eine Anfrage: "Werden wir es zulassen, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft werden?"

Quelle: RP
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