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Krefeld
Eine Frage der Freiheit

Krefeld: Eine Frage der Freiheit
Rechtsanwalt Wolfram Hemkens arbeitet in seiner Kanzlei an der Dionysiusstraße, die ausschließlich auf Strafrecht spezialisiert ist. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. Wolfram Hemkens hatte sie fast alle: Betrüger, Diebe, Mörder und Vergewaltiger. Aber darf man jemanden verteidigen, der gegen alle Regeln der Gesellschaft verstoßen hat? Man muss sogar, sagt der 47-Jährige. Porträt eines Strafanwalts. Von Alexander Triesch

Es gibt diesen einen wichtigen Satz für Wolfram Hemkens. Neben dem Eid, den jeder Anwalt leisten muss, die Substanz seiner Arbeit. Er lautet: "Ich verteidige keine Taten, sondern Menschen." Manchmal, so erzählt der 47-Jährige, gebe es schon mal eine hitzige Diskussion im privaten Umfeld. Dann fragt jemand: Wie kann man so einen Menschen bloß verteidigen? Gemeint ist ein mutmaßlicher Mörder oder Vergewaltiger, jemand, dem offenbar sämtliche Moral abhanden gekommen ist. Hemkens wird dann seinen Satz wiederholen. Und ergänzen: "Jeder in Deutschland hat das Recht auf ein faires Verfahren". Das garantiert der Rechtsstaat. Und dieses Recht will der Anwalt seinen Mandaten einräumen - ohne Ausnahme.

Wolfram Hemkens sitzt in seiner Kanzlei an der Dionysiusstraße, die ausschließlich auf Strafrecht spezialisiert ist. "Nach dem Abitur wollte ich eigentlich erst Archäologe werden", sagt er und grinst. "Dann fand ich aber doch Jura spannender." Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Druck von Herrmann Hesse, dem Schriftsteller, der die frühen Jahre in Basel verbrachte, dort wo auch Hemkens geboren wurde.

Als er fünf war, zog die Familie nach Moers, nach der Schule studierte Hemkens in Münster. Seit 1998 arbeitet er jetzt als Verteidiger, erst in Düsseldorf, dann in Duisburg und seit 2015 in Krefeld. In dieser Zeit hat er hunderte Menschen verteidigt. Diebe und Betrüger, Drogendealer und Kleinkriminelle, aber auch Sexual- und Gewalttäter. "Die schwierigsten Fälle sind die, bei denen das Opfer ein kleines Kind ist", sagt Hemkens, der selbst Vater ist. Auch wenn er an manchen Abenden im Bett liege und ihm der ein oder andere Fall nicht aus dem Kopf geht: Es ist ein schmaler Grat zwischen Distanz und Empathie zu Mandanten und Opfern, den Hemkens wahren muss. "Sonst könnte ich meine Robe sofort an den Nagel hängen." Sitzt ein Mandant in Haft, ist der 47-Jährige oft sein einziger Besucher, man erfülle dabei fast schon seelsorgerische Aufgaben, sagt Hemkens. "Das muss aber stets auf einer professionellen Ebene sein."

Doch wie plant der Anwalt eigentlich seine Strategie? "Mit dem, was man im Fernsehen sieht, hat das nichts zu tun. Vergessen Sie Gerichtsshows und Hollywood-Filme", sagt Hemkens. Brutale Wortgefechte im Gerichtssaal, Anfeindungen gegen die Familie eines Anwalts und private Ermittlungseinheiten, die ein Verteidiger losschickt, all das sei überzogen. Oft gehe es überhaupt nicht darum, ob jemand schuldig ist oder oder nicht, sondern wie schwer er zu bestrafen ist - auch weil viele direkt offen mit ihren Taten umgehen. "Wenn jemand zu mir kommt, bin ich ehrlich und lege alle Optionen auf den Tisch." Es mache keinen Sinn, einem Mandaten falsche Hoffnungen zu machen, ihm zuzureden, ein Freispruch sei möglich, wenn es dafür keine Chance gäbe. Auch Hemkens erwartet Ehrlichkeit, auch wenn es natürlich vorkommt, dass Mandanten ihn anlügen oder ihm bis zum Prozess Details verschweigen. "Einige Kollegen sehen das sicher anders, aber ich möchte von den Mandaten wissen, ob sie die Tat begangen haben. Das hilft bei der Verteidigung."

Hemkens erinnert sich noch an seinen ersten großen Fall, vor mehr als 15 Jahren. "Ein Drogenabhängiger ging mit einem Messer auf einen anderen Menschen los. Es stand ein Mordvorwurf im Raum." Im Prozess ging es lange um das Strafmaß, schließlich konnte Hemkens für seinen Mandanten einen Therapieplatz erkämpfen. In all den Jahren, haben ihn solche Fälle nicht abgestumpft. "Das wäre schädlich. Auch wenn man viel Schlimmes sieht, die Welt sieht man nicht schlechter." Den Rechtsstaat hochhalten, diesem Ziel hat sich Hemkens verschrieben. Auch wenn das bedeutet, dass manchmal Fehlurteile getroffen werden - für und gegen den Angeklagten. "Das kommt natürlich nicht ständig vor, aber es gibt Fälle, in denen jemand als freier Mann den Saal verlässt und ich vermute - manchmal weiß ich es sogar von ihm - dass er die Tat begangen hat. Aber jeder Angeklagte gilt bis zum erbrachten Beweis seiner Schuld als unschuldig." Das sei oft nicht einfach, sagt Hemkens, aber am Ende gehe es eben um Menschen und nicht um Taten. Mit denen mache er sich nie gemein.

Quelle: RP
 
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