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Serie Warum Krefeld?
Eine genial einfache Idee

Serie Warum Krefeld?: Eine genial einfache Idee
So wird das neue Gebäude von GOB aussehen. Das Doppel-Oval, das die Architekten Hillekamp & Weber aus Mönchengladbach entworfen haben, ist eine genial einfache Antwort auf die Anforderungen des Gebäudes. FOTO: Hillekamp & Weber
Krefeld. Ein Software-Unter- nehmen braucht einen neuen Firmensitz. Hausaufgabe für den Architekten: Baue ein Haus für 480 Men- schen zur optimalen Kommunikation. Das Ergebnis ist ver- blüffend. Der GOB-Neubau im Europark Fichtenhain wird spektakulär. Von Jens Voss

Es ist ein Wort wie ein Aktendeckel: Zweckbau. Moderne Gewerbebauten neigen zur Uniformität - Groß-Eingänge, Glasfronten, Feng-Shui-Pflanzensemble, edle Farbgebung. Alles nicht schlecht, aber absehbar. Manchmal aber ist man verblüfft über eine Architektur, die Funktionalität so ungewöhnlich umsetzt, dass etwas gänzlich Unerwartetes entsteht. Ein Beispiel dafür findet sich bald im Krefelder Gewerbegebiet Europark Fichtenhain: Der Software-Dienstleister GOB baut einen neuen Firmensitz - es entsteht ein Gebäudekomplex, wie man ihn so noch nicht gesehen hat. "Unser Kernthema ist Kommunikation", sagt Firmenchef Heinz Bellen, "für unser Geschäft ist die Kommunikation unserer Mitarbeiter elementar wichtig. Das soll der Bau widerspiegeln."

Klar, Kommunikation, denkt man; der "Stern"-Gründer Henri Nannen hat mal gesagt, Journalismus sei vor allem Quatschen auf dem Flur. Dennoch bestehen Redaktionen nicht nur aus Fluren. Wie also baut man ein Haus, in dem Kommunikation nicht nur ein Wort ist, sondern stilbildend?

So wird das Atrium aussehen, in dem sich die beiden Ovale begegnen.

GOB entwickelt Software-Lösungen für Handel, produzierendes Gewerbe und sogenannte NPO, also Non Profit Organisationen. Das sagt sich so. Dahinter stehen logistische Mikro-Puzzeleien und Meisterwerke systemischer Steuerung. Jedes moderne Lager ist heute ein Moloch, ein Labyrinth, ein Organismus mit 1000 Rädchen, Schublädchen und Laufbändchen - alles bewegt sich rasch, und wehe, etwas hakt, ruckelt oder biegt falsch ab. Moderne Lager müssen in der Lage sein, Tausende Teile bei raschem Durchlauf zu lenken. Kein Mensch weiß dabei, wo ein Teil ist - "das System weiß, wo es ist", sagt Tim Bellen.

Er ist der Sohn von Firmengründer Heinz und im Begriff, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Das neue Gebäude ist auch ein Wegweiser in die Zukunft: GOB hat in den vergangenen acht Jahren die Zahl der Mitarbeiter von 170 auf 270 aufgestockt; das Unternehmen wächst. "Wenn wir weiterhin wachsen, kann das neue Gebäude in der Spitze 480 Mitarbeitern einen Arbeitsplatz bieten", sagt Tim Bellen.

Ein Besprechungsraum: Er ist transparent nach außen und ins Innere des Gebäudes.

So also lautete die Hausaufgabe für die Architekten: Baue ein Haus für 480 Menschen, die dann richtig gut in ihrem Geschäft sind, wenn sie kommunizieren, im Team Lösungen entwickeln. Baut man also am Besten einen Riesenflur? Im Prinzip ja, lautet die Antwort, aber einen Flur, der mit einer genial einfachen Idee quasi entflurt wurde. Denn so nützlich ein Flur für produktives Quatschen ist: Wer will schon im Flur arbeiten? Er ist eben auch Inbegriff für zugige Unbehaustheit.

Das Gebäude, dass die Architekten Hillekamp & Weber (Mönchengladbach) entworfen haben, verblüfft sofort durch das Doppel-Oval. Dieser Zugriff auf den Raum ist die Lösung der Hausaufgabe. "Im Obergeschoss können sich 180 Menschen bewegen, ohne eine Tür oder einen Aufzug bewegen zu müssen", sagt Heinz Bellen, "dennoch entsteht nie der Eindruck, in einer großen Halle zu sein. Man sieht beim Gang durch das Gebäude jeweils nur höchstens 20 Menschen." Die einfache, darin geniale Idee dafür war die Krümmung des Raums, die Entflurung des Flurs: Sie stiftet Räume, die ein großes Ganzes bleiben und dennoch Wohlfühlorte sind. Für den Einzelnen bleibt die Anmutung von Intimität, ohne dass es an Offenheit gebricht. Nirgends Abschottung, überall Ansprechbarkeit - aber nach dem Maß des menschlichen Körpers: Er bleibt Herr in überschaubaren Raumausschnitten. Wenn man das einmal verstanden hat, zieht man den Hut vor diesem Konzept.

Das GOB-Führungsteam auf dem Bauplatz (v.r.): Tim Bellen, sein Vater und Firmenchef Heinz Bellen, Christian Lehmann, Mitgeschäftsführer Andreas Wessels. Tim Bellen und Christian Lehman werden ab dem Geschäftsjahr 2018 die Firma führen; Senior-Chef Heinz Bellen zieht sich dann konsequent zurück. FOTO: Lothar Strücken

Das Gebäude, das rund 15 Millionen Euro kostet und Ende 2016 bezugsfertig sein soll, vereint ansonsten auch gängige Elemente: Es gibt die großzügige Atriumhalle, es gibt Glasflächen, es gibt Transparenz zwischen Innen und Außen. Moderne Geschäftsgebäude sind eben keine Burgen mehr, sondern Signale der Offenheit. Auf letztem Stand wird auch das Belüftungssystem sein - permanente Be -und Entlüftung sorgt ständig für frische Luft. Mit der Nutzung von Erdwärme schließlich setzt GOB auf alternative Energiequellen.

Das neue Gebäude ist auch Symbol für den Generationswechsel, der bei GOB ansteht. Heinz Bellen hat das Unternehmen 1990 als Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter übernommen und gemeinsam mit dem späteren Mitgeschäftsführer Andreas Wessels zu dem gemacht, das es heute ist: ein grundsolider Mittelständler auf Wachstumskurs. Bellen ist heute 63 Jahre alt. Anders als der Typ Firmenpatriarch, der nicht loslassen kann, hat er schon vor acht Jahren begonnen, mit seinem Sohn den Generationswechsel einzuleiten. Tim Bellen hat Betriebswirtschaft studiert und bei GOB als normaler Mitarbeiter in diversen Abteilungen gearbeitet. Er sollte das Geschäft gründlich kennenlernen. Die Übergabe der Geschäftsführung auf Tim Bellen und Christian Lehmann ist für den Beginn des Geschäftsjahres 2018 geplant. Einige Jahre noch ist der langjährige Mitgesellschafter und Geschäftsführer Andreas Wessels mit an Bord; danach sind Bellen und Lehmann allein Offiziere auf der Brücke. Heinz Bellen will sich tatsächlich konsequent zurückziehen. "Es wird auch keinen Beirat geben", sagt er lächelnd; auf solche Hilfskonstruktionen, mit denen mancher Patriarch durch die Hintertür doch noch ein bisschen mitregiert, will der Senior verzichten. Wechsel ist Wechsel.

Und warum Krefeld? Natürlich wegen der Verkehrsgunst der Lage, aber auch familiärer Tradition. Bellen stammt aus Forstwald; sein Vater war Landwirt und Betreiber des Bellenhofs - auch Heinz Bellen hat Landwirtschaft gelernt, bevor er entschied, andere Wege zu gehen. Der Bellenhof ist heute noch in Familienbesitz.

Unsere Reihe: Warum Krefeld? Wir stellen Krefelder Unternehmer vor, die in Krefeld investiert haben. Es sind Beispiele für die Stärken des Wirtschaftsstandorts Krefeld.

Quelle: RP
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