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Krefeld
Eine Geschichte über Rentnerarmut

Krefeld: Eine Geschichte über Rentnerarmut
"Niemand von unseren Gästen würde von Armut reden, "aber für manche reicht es am Monatsende tatsächlich nur noch für trockenes Brot": Ute Gerhard Falk (l.) und Ulrike Miesen von der Familienhilfe. FOTO: vo
Krefeld. Ein Seniorentreff mit Mittagessen an der Seidenstraße legt die Realität von Altersarmut offen. Es gibt dort Senioren, für die das Essen dort die einzige warme Mahlzeit in der Woche ist. Es geht auch um den Kampf gegen Einsamkeit. Von Jens Voss

Armut sieht man hier nicht, man muss um sie wissen. Die Senioren - es sind vor allem Frauen - sind tadellos gekleidet und sehen gepflegt aus. Dennoch ist das Mittagessen, das sie hier bekommen, für manchen die einzige warme Mahlzeit in der Woche. "Diese Generation sieht immer aus, wie aus dem Ei gepellt", sagt Ute Gerhard-Falk, Geschäftsführerin der Krefelder Familienhilfe, "aber es sind Frauen, die von einer minimalen Witwenrente leben müssen und oft nur 150 bis 200 Euro im Monat für Lebensmittel haben. Sie sind so erzogen worden, dass sie sich nicht beklagen, und zu stolz, die Grundsicherung im Alter zu beantragen."

Wir sind Gast im "Casino", einem Gebäude im Garten einer Wohnungsanlage an der Seidenstraße. Hier ist eine Initiative gewachsen, die Armut und Einsamkeit im Alter in dem Viertel abhelfen möchte. Initiator ist der Unternehmer Gerald Wagener, der auch Hauptsponsor ist. Organisiert wird der Seniorentreff von der Familienhilfe. Seit zwei Jahren sind hier bedürftige Senioren aus dem Viertel einmal in der Woche zum Mittagsessen eingeladen - für manche ist es die einzige warme Mahlzeit in der Woche.

Bedürftig ist so ein Wort - es wäre wohl richtiger, von Armut zu reden. "Niemand von unseren Gästen würde von Armut reden", betont Ulrike Miesen, die als pädagogische Mitarbeiterin für die Familienhilfe die Einrichtung betreut, "aber für manche der Gäste reicht es am Monatsende nur noch für trockenes Brot". Die Gäste sind überwiegend Frauen, die von einer kleinen Witwenrente leben müssen, weil sie in ihrem Erwerbsleben nicht voll berufstätig waren. Kleidung sei hier oft genug Secondhand-Kleidung, berichtet Ute Gerhard-Falk. "Wir hatten einmal eine Frau, die drei Pullover übereinander trug, weil sie keinen Wintermantel hatte." Die Krefelder Familienhilfe besorgte einen Mantel aus ihrem Secondhand-Kleidungsfundus. "Als die Anregung kam, etwas für Senioren im Viertel zu tun, haben wir analysiert, wo wir ansetzen können", berichtet Klaus Biedermann vom Vorstand der Familienhilfe. Man sei zu dem Schluss gekommen, Senioren mit niederschwelligen Angeboten anzusprechen - wie eben eine Einladung zum Mittagessen. "Ein Mittagessen", sagt Biedermeier, "ist eine wunderbare Möglichkeit, Leute aus der Isolation zu holen." Neben Geldknappheit grassiert in dem Viertel nämlich auch Einsamkeit unter den Senioren. "Anfangs saßen hier lediglich ein paar schüchterne Leute und stocherten etwas verlegen im Essen herum", erinnert sich Ulrike Miesen; "mittlerweile kennen sich alle, kümmern sich auch umeinander, und hier ist eine muntere Runde." Das zeigt auch der sich mit Menschen füllende Saal. Man begrüßt sich mit Namen, mit Umarmungen, mit Bemerkungen - es ist ein großes, freundliches Hallo. Die Familienhilfe hat 42 Wohnungen in der Umgebung ausgemacht, in denen Senioren leben. Mittlerweile kommt ein Kreis von 15 bis 20 Personen regelmäßig zum Essen ins Casino, das übrigens vom Besitzer (der nicht genannt werden möchte) unentgeltlich zur Verfügung gestellt wird.

Neben Ulrike Miesen helfen regelmäßig zwei ehrenamtliche Helfer im Casino. Ziel der Familienhilfe und von Gerald Wagener ist, das Angebot auszuweiten - auf zwei Tage in der Woche, vielleicht durch einen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen und einem kleinen Programm. "Für viele ist das Mittagessen hier der Höhepunkt der Woche; unsere Gäste freuen sich die ganze Woche darauf", berichtet Ute Gerhard-Falk.

Für Wagener ist Rentnerarmut, wie er im Casino anzutreffen ist, ein Skandal in Deutschland - für ihn fallen diese Menschen durch das Raster öffentlicher Wahrnehmung. "Senioren sind kein Teil einer selbstgefälligen political correctness", sagt er, "niemand will sie mit Teddys bewerfen und darüber diskutieren, ob ihnen jemand vor 30 Jahren ans Knie gefasst hat. Sie werden auch nicht mit Sozialmitteln geflutet. Es würde mich schon weniger traurig machen, wenn jeder Senior anständig täglich essen könnte. Selbst davon ist unser Sozialsystem weit entfernt."

Wer spenden oder helfen möchte: Familienhilfe Tel. 02151/786800, per Mail: info@krefelder-familienhilfe.de

Quelle: RP
 
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