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Leben in der Turnhalle
Eine Lehrerin erzählt von ihren Flüchtlingsschülern

Leben in der Turnhalle: Eine Lehrerin erzählt von ihren Flüchtlingsschülern
Beispiel Koerver-Halle: Die Sporthalle des Ricarda-Huch-Gymnasiums wurde zur Flüchtlingsunterkunft. Es ist nicht erlaubt, Fotos vom Leben im Innern der Halle zu machen. n FOTO: Strücke
Krefeld. Flüchtlinge müssen oft Monate in einer Halle leben. Wie ist es, ohne Privatsphäre auf engem Raum zu leben? Eine Lehrerin, die für die VHS Flüchtlingskinder unterrichtet, berichtet, wie sie die Schüler erlebt. Ihren Namen möchte sie nicht nennen.

Es ist Mitte November, die Anschläge in Paris sind wenige Stunden alt. Wir sitzen in unserem Klassenraum und ich merke, dass hier etwas nicht stimmt. Meine Sprachkurs-Teilnehmer sind stiller als sonst, starren mich mit großen Augen an. Sie haben Angst. Angst, dass sie nun für die Taten leiden müssen, die andere ausgeführt haben. Ich frage, was los sei. "Hassen Sie uns jetzt?", fragt mich einer meiner Schüler. Nein, ich hasse sie nicht. Und das, obwohl ich vier meiner Bekannten im Bataclan verloren habe. Aber ich weiß, dass das nichts mit meinen Schülern zu tun hat.

Meine Schüler sind hier in Krefeld nun in Sicherheit und sollten eigentlich keine Angst mehr haben müssen. Die Angst, die sie zur Flucht bewogen und begleitet hat, sie ist noch immer da. Denn immer, wenn etwas passiert, ein Vorfall durch die Medien geht, haben sie Angst. Angst, dass sich die Wahrnehmung der Krefelder verändern könnte. Angst davor, gehasst zu werden. Angst davor, nicht willkommen zu sein. Oder zur Last zu fallen.

Hintergrund: Flüchtlinge in Turnhallen

Auch manche Krefelder haben Angst. Angst vor den Fremden, Angst vor der fremden Kultur. Verständlicherweise. Auch ich war vor meinem ersten Tag an der Schule aufgeregt. Würde ich akzeptiert werden? Was werden vor allem Männer sagen, wenn ihnen eine Frau sagt, wo es langgeht?

Vier Tage in der Woche unterrichte ich die unterschiedlichsten Personengruppen: Schüler am Gymnasium, die neben dem normalen Unterricht Deutsch lernen. Erwachsene, die auf eine Zukunft in Deutschland hoffen. Und Frauen, die kaum lesen und schreiben können, das Defizit aber mit großen Gesten und viel Herz ausgleichen. Meine Schüler kommen aus Europa, Afrika, Asien und Europa. Viele sind auf der Flucht, nur wenige freiwillig hier.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Seit ungefähr vier Monaten prägen die Flüchtlinge meinen Alltag. Meine Sorgen und Ängste waren unbegründet. Bislang habe ich wenig Unschönes erlebt. Im Gegenteil: Ich wünschte, dass meine Landsleute so höflich und zuvorkommend mit mir umgehen würden. Ich fühle mich sicher und geborgen im Kreise meiner Schüler.

Die Volkshochschule ist eine Heimat für einige von ihnen geworden. Dort lernen sie unsere Sprache. Und engagieren sich immer wieder ehrenamtlich, wenn es für sie etwas zu tun gibt. Vor allen Dingen helfen sie beim Übersetzen. Stundenlang. Belohnungen lehnen sie strikt ab. Es ist ihnen eine Ehre, uns zu helfen. "Es ist selbstverständlich, schließlich helft auch ihr uns." Wir geben ihnen mehr als nur Sprachunterricht. Wir geben ihrem Alltag Struktur: vier Tage die Woche, vier Stunden lang.

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Für einen halben Tag entkommen sie ihrem Leben in der Turnhalle oder dem Wohnheim. Den Grübeleien über ihre ungewisse Zukunft. Dem Lärm, der Überfüllung, dem Schlafmangel. Sie zeigen mir Videos aus der Josef-Koerver-Halle. Einer ihrer Landsleute hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Er konnte einfach nicht mehr. Ein Kamera-Schwenk durch die Halle erklärt die Situation. Ein Bett steht neben dem nächsten. Es gibt keine Trennwände, keine Privatsphäre. Der Boden vibriert bei jedem Schritt. Die Schüler erzählen, dass es immer laut ist, selbst wenn das Licht zur Nachtruhe gelöscht wird. Sie zögern beim Erzählen, sie wollen sich nicht beschweren. Schließlich ist all das besser, als zu sterben.

Dennoch nagt die Wohnsituation an der Substanz. Einige können ohne Antidepressiva den Alltag nicht mehr überstehen. Viele sind einfach nur müde. Vier, sechs, acht Monate, ein Jahr - jede Nacht mit höchstens zwei Stunden Schlaf. Beim ersten Mal war ich noch böse, als einer meiner Schüler im Unterricht beim Spielen eingeschlafen ist. Beim nächsten Mal wusste ich, warum das passiert, und habe ihn schlafen lassen. Den Stoff hat er sich später von einem Mitschüler erklären lassen. Ehrensache.

Vor wenigen Tagen baute sich plötzlich einer meiner besten Schüler vor meinem Pult auf. "Ich habe ein Problem", sagte er. Ich blickte vom Klassenbuch auf, sah in sein ernstes Gesicht, befürchtete das Schlimmste für seine Familie, seine Frau und seine Kinder. Weit gefehlt. Er hatte keine Hausaufgaben dabei. Als ich meine Schüler zu Beginn der Kurse fragte, ob sie Hausaufgaben machen wollten, stimmten sie zu. Je mehr, desto besser. Und nun das. Seine Erklärung war simpel: Er hat im Wohnheim keine Ruhe, um schriftliche Aufgaben zu lösen, Texte zu schreiben oder Vokabeln zu lernen. Er sah seine guten Ergebnisse im Kurs davonschwimmen.

Vor ein paar Wochen waren wir gemeinsam in der Mediothek. Die Flüchtlinge bekamen einen Ausweis und ein Bilderwörterbuch. Ich fragte ihn, ob er nicht eine Stunde eher zum Kurs aufbrechen und dort lernen könne. Seither bekomme ich wieder Hausaufgaben von ihm. Dennoch fragte ich dann mal in die Runde, ob das Wohnheim besser als die Turnhalle sei. Klar, man habe etwas mehr Privatsphäre - aber auch dort sei die Unterbringung nicht unbedingt gut. Es werde gestohlen, von Geld bis hin zu Wäsche und Kleidung. Und es komme immer wieder zu Konflikten zwischen den ethnischen Gruppen. Der eine gönne dem anderen die Butter auf dem Brot nicht. Sich aus Ärger rauszuhalten sei fast unmöglich. Dennoch: Meine Schüler wollen kein Mitleid. Trotz der manchmal widrigen Umstände sind sie froh, in Krefeld zu sein. Sie saugen jede Information auf, freuen sich, wenn sie mehr von unserer Kultur kennenlernen dürfen. Ein gemeinsamer Besuch auf dem Weihnachtsmarkt wird mit Fotos dokumentiert und mit der weit verstreuten Familie via Whatsapp oder Facebook geteilt. Und sie wollen auch mit uns teilen -das Wenige, was sie haben. Ich könnte jeden Abend in einer anderen Familie zu Abend essen - wenn ich denn Zeit hätte, die Einladungen anzunehmen.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Bei einem Einstufungstest machte ich die erste schlechte Erfahrung. Ich fragte einen zukünftigen Schüler, was er von Beruf sei. Er lachte mich aus. Ich fragte ihn, was er werden wolle. Da lachte er noch lauter. "Ich bin in Deutschland. Warum soll ich arbeiten?" Die Flüchtlinge um ihn herum schauten genauso entsetzt wie ich. Wenige Tage später traf ich wieder auf ihn. Schule hielt er für überflüssig. Er wollte seine Zeit sinnvoller nutzen. Er kam nie wieder. Und auf den Krefelder Straßen habe ich ihn auch nie wieder gesehen.

Meine Schüler urteilen nicht zimperlich über ihre Landsleute. "Wenn es in Syrien keine Arschlöcher gäbe, dann hätten wir nicht fliehen müssen", sagt ein Schüler. Und auch, dass sie einfach zu viele seien, die nach Deutschland kommen. Aber die andere Alternative wäre der Tod gewesen. "Du glaubst doch nicht, dass ich 15 Jahre lang an einem Haus baue, 15 Jahre meines Lebens investiere und dann alles stehen und liegen lasse, weil ich denke, dass in Deutschland Milch und Honig fließen?" Er zeigt mir Bilder von seinem Haus, seiner Familie, seinem Leben. Ich erinnere mich an die Bilder aus der Turnhalle. Und ich weiß, dass er recht hat.

Quelle: RP
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