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Krefeld
Eine sehr spezielle kleine Kirche feiert

Krefeld: Eine sehr spezielle kleine Kirche feiert
Die Rückseite der Kirche: Die Freie Christengemeinschaft Krefeld hat etwa 150 Mitglieder; in Deutschland gibt es rund 10.000 Mitglieder, weltweit 30.000. FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. Die Freie Christengemeinschaft feiert in Krefeld ihr 70-jähriges Bestehen. Porträt einer Gemeinschaft, die die Antroposophie Rudolf Steiners und Elemente christlicher Religion verbindet - die großen Kirchen lehnen sie ab. Von Jens Voss

Das geistliche Oberhaupt heißt Erzoberlenker, die Messe "Menschenweihehandlung", und geistiger Ur-Vater ist Rudolf Steiner, der auch die Waldorfpädagogik begründete: Am Wochenende feiert in Krefeld eine kleine, sehr spezielle Kirche ihr nun 70-jähriges Bestehen in Krefeld - die Freie Christengemeinschaft. An ihr scheiden sich die Geister: Akademisch gebildete Theologen und Philosophen treibt sie mit ihrer begrifflichen Unschärfe zur Verzweiflung; Anhänger aber sind beseelt von eben dieser Sprache und verehren Rudolf Steiner in Geschichtsmodellen, die Steiner ans Ende einer ehrwürdigen Reihe setzen: Buddha - Jesus - Kant - Goethe - Steiner.

In einem Punkt ist diese Gemeinschaft sympathisch: Die Freiheit im Namen ist bei ihr nicht nur ein Wort. Nach Einschätzung des Sektenreferates der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) hat die Gemeinschaft nichts Sektenartiges an sich, nichts von den typischen Psycho-Terror-Methoden. "Das sind ehrenwerte Menschen", sagte eine EKiR-Sprecherin. Wer sich zu der Gemeinschaft zählt, ist dort aus freien Stücken.

Auch der Krefelder Pfarrer der Christengemeinschaft, Rudolf Sudbrack (65), sagt ohne zu zögern: "Ich habe Lehrfreiheit." Rudolf Steiner wird verehrt als Inspirator, aber nicht als Dogmatiker. Auch der Erzoberlenker, das Weltoberhaupt der Gemeinschaft, ist nicht wie der Papst letzte Lehrinstanz, sondern ein "Bewusstseinsorgan", wie Sudbrack erläutert: ein geistig-geistlicher Anreger, mehr nicht.

Schon Sudbracks Eltern waren Mitglieder der Christengemeinschaft; er hat am Priesterseminar der Gemeinschaft in Stuttgart studiert und arbeitet seitdem als Pfarrer. Die Gemeinde bezahlt ihn, wie sie übrigens auch für seine Rente bezahlen wird - die Gemeinschaft vermeidet die Nähe zum Staat, wo sie nur kann. Auch das gehört zu ihrem Freiheitsdenken; und hier wird einer der vielen Punkte fassbar, warum die Nazis diese Gemeinschaft (wie auch die Waldorfschulen) verboten haben.

Die Lehre der Christengemeinschaft präsentiert sich als Mischung aus Steiners Anthroposophie, buddhistischen, philosophischen sowie christlichen Elementen und Begriffen. Die übrigen christlichen Kirchen lehnen diese Lehre ab; die Taufe wird nicht anerkannt; auch ist die Christengemeinschaft kein Mitglied des Arbeitskreises christlicher Kirchen (ACK) in Krefeld. Die Bekenntnisse liegen einfach zu weit auseinander.

Auffälligster Unterschied: Die Christengemeinschaft glaubt an die Reinkarnation der Seele; Individualität ist demnach die Entwicklungsstufe einer Seele auf ihrer Reise durch die Zeit. Christus wird als göttliche Wesenheit verehrt, wobei die Frage, ob und wie er Person ist (in der christlichen Dogmatik ein Herzstück des Bekenntnisses), vage bleibt. Manches liest sich wie ein - im Christentum abgelehnter - scharfer Leib-Seele-Dualismus: Zwar werden auch im christlichen Bekenntnis Leib und Seele unterschieden, aber es ist der Mensch als Ganzes, der stirbt und in der Auferstehung zu Gott gerufen wird.

Auf der Internetseite der Krefelder Gemeinde heißt es etwa: "Der Mensch ist seinem Wesen und seiner Bestimmung nach Bürger zweier Welten: einer übersinnlich-geistigen und der irdisch-natürlichen. Während des Lebens auf Erden kann er seinen himmlischen Ursprung vergessen und dadurch zum Glied nur der vergänglichen Welt werden." Das klingt für Dogmenhistoriker verdächtig nach Gnosis - einer frühchristlichen Geheimlehre, die den irdischen Leib Christi nur als Schein und ihn als Inkarnation göttlicher Wesenheit deutete. Die Gnosis wurde von der frühen Kirche als Irrlehre bekämpft; Jesus war eben "wahrer Mensch", der nicht in einem Scheinleib zum Schein gelitten hat. Das Trennende in dieser Lehre zum klassischen Christentum ist bis heute wirksam. Zugleich wird deutlich, warum die Christengemeinschaft wie überhaupt die Esoterik Steiners (wobei er seine Anthroposophie als "Geisteswissenschaft" verstanden wissen will) bis heute existiert ist: Lehre und Begriffe sind wie ein Hafen mit 1000 Stegen, an denen jeder Suchende mit seinem Lebensschifflein andocken kann. Da es keine große begriffliche Trennschärfe gibt, kann sich jeder mit seinen Gedanken irgendwie wiederfinden.

Aufschlussreich ist, dass der "Gottes"-Dienst zur "Menschenweihehandlung" wird. Pfarrer Sudbrack zelebriert sie fast täglich. Das Ganze ähnelt einer Messe - mit Liedern, Gebeten und Pfarrer im Messgewand. Liturgie und Texte gehen auf Rudolf Steiner zurück. Vertraute Elemente wie Sündenbekenntnis, Vater Unser, Abendmahl und Fürbitte finden sich wieder, aber in der Sprache Rudolf Steiners - das klingt beim Abendmahl so: "Empfange, göttlicher Weltengrund, webend in Raumesweiten und in Zeitenfernen dieses Opfer, durch mich, Dein unwürdiges Geschöpf, Dir gebracht. lch bringe es, weil zu Dir auch geflossen sind meine Abirrungen von Dir, meine Verleugnungen Deines Wesens, meine Schwächen."

Für die Freie Christengemeinschaft ist die Art, wie Steiner Christliches in seine Sprachwelt eingebaut hat, ein Weg für "Menschen, die in einer zeitgemäßen Form Christen werden wollen" - so heißt es auf der Internetseite "Christengemeinschaft international". Wer diese kleine, sehr spezielle Kirche kennelernen will, hat dazu an diesem Wochenende in Krefeld Gelegenheit.

Quelle: RP
 
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