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Krefeld
Eine-Welt-Laden will Kaffee fürs Rathaus liefern

Krefeld: Eine-Welt-Laden will Kaffee fürs Rathaus liefern
Fair gehandelte Produkte gibt es bei Gerlinde Wientgen (r.) und Ingrid Eckel im Eine-Welt-Laden am Westwall 62. FOTO: TL
Krefeld. Rund 20 Ehrenamtler sorgen für regelmäßige Öffnungszeiten. Die 81-jährige Vorsitzende Gerlinde Wientgen hat Nachwuchssorgen. Von Joachim Niessen

Die Themen sind aktuell: Sprachkurse für Ausländer, Abschaffung von Plastiktüten, Hilfe für Menschen in Not und das nicht nur in Deutschland. Gerlinde Wientgen kämpft für Gerechtigkeit und Chancengleichheit. "Natürlich bin ich heute noch an fast all diesen Fronten aktiv", sagt die engagierte Frau - und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: "Das war ich aber auch schon vor 40 Jahren."

Bereits damals hieß es für die heute 81-Jährige "Jute statt Plastik", Sprachkurse gab's für Flüchtlinge aus Afghanistan, aber auch so manche Krefelder Demonstrationen gegen Kriegseinsätze wurde vorbereitet. Als zentrale Schaltstelle entpuppte sich der Eine-Welt-Laden, der 1976 noch Dritte-Welt-Laden hieß und an der Neuen Linner Straße seine Heimat hatte. Dessen Fäden liefen bei Gerlinde Wientgen zusammen, die seit dieser Zeit Vorsitzende des Vereins "Arbeitskreis Dritte Welt" ist, der hinter dem Laden steht.

Oberbürgermeister Frank Meyer war zum 40-jährigen Bestehen zu Gast im Eine-Welt-Laden: Gerlinde Wientgen bot bei dieser Gelegenheit dem Verwaltungschef an, auch das Rathaus mit fair gehandeltem Kaffee zu versorgen. FOTO: EWL

Bis heute hat sich einiges geändert. Der Laden ist in ein Geschäftslokal am Westwall 62 umgezogen, vorne ein liebevoll eingerichteter kleiner Verkaufsraum, hinten ein Mini-Lager. Das ist alles. "Etwas spartanisch, das ist geblieben", sagt die studierte Pädagogin. Geblieben ist auch die konsequente Ausrichtung des Eine-Welt-Ladens. Es gibt nur fair gehandelte Produkte. Die allerdings in großer und hochwertiger Anzahl. Neben Trommeln, Shirts, Hosen und Säften sind rund zwei Dutzend Kaffeesorten im Angebot, parallel eine reichhaltige Auswahl Tees aus Indien und Sri Lanka. Auch die Freunde süßer Leckereien kommen auf ihre Kosten. Schokolade liegt im Regal, hergestellt wird die allerdings in Deutschland, jedoch aus angeliefertem fair gehandeltem südamerikanischen Kakao und Zucker, nur die Biomilch steuern heimische Kühe bei. "Wir wollen mit unseren Maßnahmen helfen, die Lebenssituation der ärmeren Bevölkerung in der sogenannten Dritten Welt zu verbessern. Ziel ist es, einerseits zum Nachdenken anzuregen und andererseits eine größere Gerechtigkeit zu bewirken", sagt Wientgen. Und dann sind sie da, ihre Gedanken, die seit 40 Jahren nichts an Aktualität verloren haben: "Wir wehren uns gegen die Ausbeutung und Zerstörung der Natur unserer Erde zugunsten weniger und zum Schaden der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen auf dieser Welt", sagt die Vorsitzende, bei der das kämpferische Flackern in den 81-jährigen Augen ungebrochen ist. "Wir müssen unser Verhalten im reichen Norden zugunsten der Entwicklungsländer nachhaltig verändern."

Obwohl diese Ziele geblieben sind, hat sich im Eine-Welt-Laden eines grundlegend gewandelt: "Vor 40 Jahren saßen in dem kleinen Ladenlokal fast ausschließlich junge Leute. Es wurde über den Krefelder Appell diskutiert und so manche Aktion vorbereitet. Trotzdem war und ist für alle der Laden mit seinen fair gehandelten Produkten die Herzkammer", erinnert sich die Vorsitzende. Inzwischen sind die Aktiven von damals Älter geworden. "Sie sind im Job und haben weniger Zeit, vor Ort zu helfen." Das beschäftigt die 81-Jährige. Sie weiß, dass derzeit etwa 20 Ehrenamtler für den Verein im Einsatz sind. Sie sorgen dafür, dass das Geschäft an sechs Tagen in der Woche geöffnet ist, Waren bestellt, gelagert und ausgezeichnet werden sowie an mehr als 20 Wochenenden im Jahr sich der Eine-Welt-Laden mit seinen Produkten auch außerhalb der eigenen Wände präsentiert. Gerlinde Wientgen weiß aber auch: Das Durchschnittsalter ihrer aktiven Helfer liegt bei 68 Jahren. "Dabei haben wir eine 32-Jährige und eine 40-Jährige in der Truppe", gesteht die Vorsitzende. "Wir brauchen Nachwuchs."

Derzeit spielt vor allem die moderne Technik den ergrauten Helfern in die Hände. Das Internet ermöglicht, Projekte in aller Welt zu begleiten, ohne unmittelbar vor Ort zu sein. "Mit unserem Erlös werden zum Beispiel in Indien Mutter-Kind-Projekte gefördert oder mehr als 300 Meter tiefe Brunnen gebohrt. Erst in diesen Tiefen ist dort salzfreies Wasser vorhanden", sagt die 73-jährige Ingrid Eckel, die "gute Seele" des Ladens.

Ein ganz neues Projekt hat Gerlinde Wientgen seit einiger Zeit im Blick. Die Vorsitzende versucht, einen neuen "Großkunden" für ihren Kaffee zu begeistern: "Am vergangenen Wochenende war Oberbürgermeister Frank Meyer zu unserem 40. Geburtstag im Laden. Wir sprachen unter anderem darüber, dass im Rathaus ja auch fair gehandelter Kaffee oder Tee ausgeschenkt werden könnte." Der kleine Laden am Westwall hat kein Problem, das große Rathaus am Von-der-Leyen-Platz damit zu beliefern. Und: Es ist garantiert, dass dort zumindest dann grundsätzlich fair zugeht, wenn einer an der Tasse nippt.

Quelle: RP
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