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Krefeld
Entwöhnte Körper und Angst vor dem Wollen

Krefeld: Entwöhnte Körper und Angst vor dem Wollen
Bildhauerin Eva Kot'átková aus Tschechien setzt sich mit dem menschlichen Körper auseinander. Bei ihren Werken geht es um Fragen nach der Rolle des Individuums. FOTO: Strücken Lothar
Krefeld. Körperteile aus Draht ragen aus den Wänden und kopflose Rümpfe liegen im Raum verteilt. Ein schauriges Theater im nächsten Raum mit schwarzer Kulisse und gesichtslosen Puppen. Wie eine Bühne wird das Museum Haus Esters mit den surrealen und oft verstörenden Szenarien belebt. Morgen wird die Ausstellung der Künstlerinnen Eva Kot'átková und Ketty La Rocca im Haus Esters, sowie die Ausstellung "Von Angst bis Wollen" von Ludger Gerdes im Haus Lange eröffnet. Von Lena Bender

In der Ausstellung von Luder Gerdes sind rund 60 Arbeiten aus den Jahren zwischen 1976 und 2008 zu sehen. Es ist die erste Retrospektive, die die Krefelder Museen dem Künstler widmen. Das Modell "Bau-Bild Krefeld, Gartenfragment" schuf er 1984 in Auseinandersetzung mit der Architektur von Ludwig Mies van der Rohe vor Ort im Haus Lange. "Dadurch entsteht ein Dialog zwischen dem Kunstobjekt und dem Ort der Ausstellung", erklärt Kuratorin Sylvia Martin. Versehen mit Spiegeln ermöglicht das "gebaute Bild" dem Betrachter neue Perspektiven; Räume gehen ineinander über und historische Zitate, wie die Arkadenhalle oder die Säulen in Form von Kerzenständern, lassen ein "Denkmodell" der Postmodernen entstehen.

Ende der 1970er Jahre suchen junge Künstler nach Wegen aus der Minimalkunst der Modernen. Ludger Gerdes bedient sich dafür an verschiedenen Instrumenten, um seinen Werken eine neue Dimension der Erzählfreudigkeit zu verleihen. Zum einen lässt er Symbole und Worte in seine Kunst einfließen. Immer wiederkehrend sind die Leiter oder der Baum, die als Metaphern in neuen Kontexten zusammengefügt werden. Auch kleine Plastikfiguren lassen sich oft finden. Zum anderen dient ihm die Auseinandersetzung mit Architektur aus der Vergangenheit als Werkzeug, indem immer wieder "Zitate" wie die Säule aus der Antike auftauchen.

In der Ausstellung von Luder Gerdes sind rund 60 Arbeiten aus den Jahren zwischen 1976 und 2008 zu sehen. FOTO: Lothar Strücken

Aus all diesen Elementen stellt er Verbindungen zwischen Kunst, Architektur, Natur und der Gesellschaft auf. Daraus entstehen Arbeiten, wie Skulpturen, Installationen, Gemälde, auch Fotoarbeiten und eine Diaprojektion, die im Haus Lange auf zwei Etagen zu betrachten sind. Außerdem erscheint eine Publikation, die über die Ausstellung hinaus Ludger Gerdes Werke vorstellt.

Im Nachbarbau Haus Esters stellen zwei Künstlerinnen ihre Werke unter dem Titel "Entwohnte Körper" aus. Mit Ketty La Rocca und Eva Kot'átková treten zwei Generationen aus unterschiedlichen Regionen in einen Dialog miteinander, in dem es um Entfremdung, Sozialisation und das Individuum inmitten der Gesellschaft geht.

Die Werke der Italienerin Ketty La Rocca ziehen sich über den Zeitraum von Mitte der 1960er Jahre bis 1976, als sie mit gerade einmal 38 Jahren starb. Sie zählte zu den wichtigsten Protagonistinnen der Body Art in Italien und griff dieses Thema in Collagen, Filmen, und Fotos auf. So zum Beispiel auch in einer Reihe von Selbstporträts von 1973, die aus Röntgenaufnahmen ihres Schädels und ihres Oberkörpers bestehen. Überblendet werden die Aufnahmen von Händen und dem immer wiederkehrenden Wort "you".

Auch Bildhauerin Eva Kot'átková aus Tschechien setzt sich mit dem menschlichen Körper auseinander. Bei ihren Werken geht es um Fragen nach der Rolle des Individuums; wie wird der Einzelne durch gesellschaftliche Zwänge geprägt und was passiert bei der Sozialisation. Das Thema Erziehung spielt dabei eine wesentliche Rolle. So werden erzieherische Konventionen in Objekten widergespiegelt, die in Anlehnung an historische Lauflernhilfen entstanden sind. Die Gestelle ähneln Käfigen, die einerseits den Körper stützen, ihn andererseits aber einschränken und einsperren wie ein Korsett. Zusätzlich hat Eva Kot'átková dem Objekt einen eigenen Text geschrieben, der dem Besucher über einen Kopfhörer zugespielt wird. "Das Objekt bekommt damit eine Stimme. Wer mit der Gehhilfe durch die Ausstellung läuft, wird sein gewohntes Wahrnehmungsmuster ablegen und eine neue Perspektive einnehmen", erzählt Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey. Die Gehhilfen können während des Besuches der Ausstellung und im Garten des Haus Esters benutzt werden.

Um die unabhängig voneinander laufenden Ausstellungen in den beiden Häusern zu verbinden, ist eine Lesung geplant, in der Texte von Ludger Gerdes und Ketty La Rocca vorgetragen werden. Beide schrieben während ihrer Arbeiten viel und hinterließen so interessante Blickwinkel auf ihr Schaffen. Die Ausstelllungen werden morgen um 11.30 Uhr mit Grußworten der Bürgermeisterin Karin Meincke und der Direktorin der Kunstmuseen Krefeld Katia Baudin eröffnet und können bis zum 22. Januar besucht werden.

Quelle: RP
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