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Opfer der Nationalsozialisten
Erster "Stolperstein" in Krefeld für Homosexuellen

Opfer der Nationalsozialisten: Erster "Stolperstein" in Krefeld für Homosexuellen
Der Stolperstein für Peter August Jöcken, verlegt an der Königstraße. FOTO: Lammertz
Krefeld. Die Nationalsozialisten haben auch Homosexuelle verfolgt und ermordet - erstmals wurde jetzt in Krefeld ein Opfer geehrt. Peter August Jöcken starb im KZ Sachsenhausen. Von Jens Voss

Sechs Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus sind am Freitag in Krefeld verlegt worden - mit einem Stein hat es eine besondere Bewandtnis: Mit ihm wird erstmals in Krefeld an einen Homosexuellen erinnert, der um seiner Homosexualität willen von den Nazis inhaftiert worden war und im Konzentrationslager Sachsenhausen zu Tode kam.

Wie immer waren es bewegende Minuten, in denen der Künstler Gunter Demnig den Stein verlegte, der an Peter August Jöcken erinnern soll: Sein Großneffe Herbert Gotzes aus Tönisvorst war zur Verlegung gekommen und legte eine Rose zum Gedenken an seinen Großonkel nieder: "Ich hab aus der Zeitung von seiner Existenz erfahren", sagt er, "in meiner Familie wurde nie über ihn gesprochen."

Jöckens Schicksal ist von dem Bochumer Jürgen Wenke ans Tageslicht geholt worden. Wenke hat anhand von Unterlagen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen 500 Namen inhaftierter Homosexueller ermitteln können - dass auch ihrer gedacht wird, ist für ihn, der in Bochum bei einer Beratungsstelle für Homosexuelle gearbeitet hat, ein besonderes Anliegen. "Ihr Schicksal ist noch nicht so gut erforscht wie das ermordeter Juden", sagte er gestern.

Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung des Stolpersteines für Peter Jöcken; im Hintergrund rechts mit Rose Jöckens Großneffe Herbert Gotzes. Er hat von der Existenz seines Großenkels aus der Zeitung erfahren. FOTO: Thomas Lammertz

Da Jöcken in Anrath geboren wurde, war auch der Archivar von Willich, Udo Holzenthal, in Krefeld zugegen, begleitet von Herbert Gehlen, der ehrenamtlich die Ausarbeitung der Verwandtschaftsverhältnisse Jöckens übernommen hat.

Peter Jöcken kam aus einer kinderreichen Familie in Anrath. Der Vater war Seidenweber, die Mutter Putzmacherin, er selber hatte Schmied gelernt. Über ihn ist wenig bekannt, außer dass er homosexuell war, was zur Nazizeit, aber auch lange Jahre danach, nach §175 strafbar war. "Paragraf 175 war in der Fassung aus der NS-Zeit bis 1969 gültig", erläutert Wenke, "in der überarbeiteten Fassung bis 1994". Erst dann war die sexuelle Orientierung nicht mehr strafbewehrt in Deutschland.

Die Akte von Peter Jöcken aus dem KZ Sachsenhausen. Das rote Kreuz bezeichnet seinen Tod. Links unten Fingerabdrücke. FOTO: vo

Jöcken wechselte nach 1933 auffällig oft den Wohnsitz, am längsten wohnte er an der Königstraße. Er fuhr oft nach Köln, wo es eine Homosexuellenszene gab. Dort wurde er zweimal verhaftet und 1941 ins KZ Sachsenhausen gebracht. Beim ersten Vergehen galt ein Homosexueller als "AS", als Asozialer, ab dem zweiten Vergehen als "BV", als Berufsverbrecher. Im KZ bekamen Homosexuelle einen sogenannten rosa Winkel auf die Kleidung genäht - zur Kennzeichnung als Homosexueller. Jöcken starb 1942, angeblich an "Herzschwäche". Es gibt kein Bild von ihm; übrig ist lediglich ein Fingerabdruck in seiner Akte aus dem KZ Sachsenhausen. Dort ist vermerkt, dass er wegen "widernatürlicher Unzucht" inhaftiert war. Ein rotes Kreuz ist das Zeichen, dass er in der Haft gestorben ist.

Es wurden gestern auch noch weitere Stolpersteine verlegt - hier die Geschichten dazu:

Damals hieß die Straße noch Malmedystraße. Hier lebten Max und Lisette Heinemann mit ihren Söhnen: 1933 war Erich sechs Jahre alt, Herbert drei. Der Vater versuchte, seine Familie als Vertreter für Kurzwaren über Wasser zu halten. Während des Novemberpogroms wurde die Wohnung verwüstet. Die Eltern wollten die beiden Söhne in Sicherheit bringen und schickten sie auf Kindertransporte nach England. Die Eltern wurden 1942 ins Lager Theresienstadt deportiert. Sie überlebten und konnten 1946 zu ihren Kindern nach England reisen. Gemeinsam wanderte die Familie in die USA aus.

Vater Siegmund hatte in Lobberich bis 1932 eine Manufakturwarenhandlung, die er schließen musste. Mutter Maria kümmerte sich um die Kinder Edith, Kurt und Helmut. Edith hätte nach dem Abitur 1933 auf dem Städtischen Lyzeum für Mädchen (heute Ricarda-Huch-Gymnasium) gerne Theologie in Berlin studiert, was ihr aber nicht möglich war. Sie wanderte 1938 nach Argentinien aus. Kurt ging 1939 nach England. Der Jüngste blieb bei den Eltern in Krefeld. Die drei wurden 1942 nach Izbica - in Richtung der Vernichtungslager Belzec und Sobibor - deportiert. Todestag und -ort sind unbekannt.

Vater Hermann hatte die erste Wach- und Schließgesellschaft in Krefeld gegründet und arbeitete mit den Behörden zusammen. Trotzdem gehörte seine Firma zu den ersten, die nach 1933 schließen mussten. Sohn Kurt brach die Schule am Städtischen Realgymnasium ab und erwarb in Berlin Grundkenntnisse als Fotograf. Anfang 1938 floh er nach Kolumbien. Vater und Mutter Klara blieben in Krefeld. Sie bekamen 1942 die Aufforderung, sich auf ihre Deportation nach Theresienstadt vorzubereiten und nahmen eine Überdosis Schlafmittel. Kurt Ems kehrte 1953 zurück nach Deutschland zurück. Seinen Lebensabend verbrachte er in Willich.

Es war das Wohn-und Geschäftshaus der Metzgerfamilie Kaufmann/Baruch. Die Kaufmanns hatten ihren Sohn und Erben Siegfried im Ersten Weltkrieg verloren, so war es günstig, dass die einzige Tochter Frieda einen Metzgerssohn aus Köln heiraten konnte. Eduard und Frieda Baruch bekamen 1920 ihren einzigen Sohn, den sie Siegfried nannten. Anfang der 1930er Jahre musste die Metzgerei schließen. Eduard Baruch fand Anstellung als Hilfsarbeiter, da er als Jude nicht Metzger sein durfte. Nach dem Novemberpogrom 1938 wollte die Familie den Sohn in Sicherheit bringen. Die Flucht gelang im August 1939. Kurz darauf starb die Mutter. Siegfried Baruch meldete sich in England zum Militär und nannte sich nun Sidney Brook. Wegen seiner schwachen Gesundheit wurde er aber nicht im Kampf eingesetzt. Eduard und Frieda Baruch wurden im Dezember 1941 nach Riga deportiert. Eduards Schicksal ist nicht bekannt. Frieda starb vermutlich im KZ Stutthof bei Danzig.

Karl und Martha Meyer zogen 1927 ein. Es war ein großzügiger Backsteinbau mit Garten. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Ruth und Ilse, die das Lyzeum besuchten. Ruth musste die Schule 1938 als Jüdin verlassen. Während des Novemberpogroms wurde das Haus der Meyers verwüstet. Ruth floh nach England. Von dort aus schaffte sie es, ihre Eltern und ihre Schwester zu retten. Die Familie war 1939, kurz vor Beginn des Krieges, in Sicherheit. Bis vor wenigen Jahren reiste Ruth regelmäßig zu Klassentreffen von Kalifornien nach Krefeld.

Quelle: RP
 
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