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Krefeld
Fachliche Hilfe bei starkem Übergewicht

Krefeld: Fachliche Hilfe bei starkem Übergewicht
Die Mediziner bei der RP-Telefonaktion (v.l.): Dr. Truong Quang Vu Phan, Prof. Dr. Thomas Frieling, Dr. Michaela Johnen und Dr. Christoph Wullstein. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Gewichtsreduzierung unter fachlicher Anleitung und Kostenübernahme durch die Krankenkasse: Das Zentrum für Adipositas und Metabolische Therapie (ZAM) am Helios-Klinikum lädt morgen zu einer Arzt-Patienten Fortbildungsveranstaltung ein. Auf Einladung der RP konnten Betroffene während einer Telefonaktion erste Fragen an die Experten stellen. Von Annette Frieling

Eine 78-jährige Frau möchte abnehmen, schafft es aber nicht, weil sie Cortison nehmen muss. Eine 25- Jährige ist verzweifelt. Sie wiegt 150 Kilo und kann mit ihren Kindern nicht mehr auf den Spielplatz gehen. Zumeist Frauen nutzten bei der RP-Telefonaktion die Gelegenheit, sich schon im Vorfeld der morgigen Veranstaltung an die Fachärzte zu wenden. "Hier geht es nicht um 20 Kilo Übergewicht," erläutert Professor Dr. Thomas Frieling, Direktor der medizinischen Klinik II am Helios-Klinikum. Zum Teil über 300 Kilo wiegen die Patienten, die Dr. Michaela Johnen in ihrer Praxis am Lutherplatz betreut. Sie weiß: "Am normalen Leben können diese Menschen nicht mehr teilnehmen. Selbst ihre Wohnungen können sie nicht eigenständig verlassen." Manchmal ist die Hilfe eines Lastenkrans notwendig. Abgesehen von sozialer Isolation und psychischer Belastung drohen Diabetes, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie Arthrose.

Ärzte und Krankenkassen beobachten einen Anstieg der Patientenzahlen; betroffen sind Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen. Laut Frieling ist bei ihnen die "Faustformel des Normalgewichtes von Körpergröße minus 100" weit überschritten. Seit zwei Jahren arbeiten in Krefeld deshalb Experten unterschiedlicher Kliniken und Praxen fächerübergreifend an der Betreuung von zur Zeit 130 Adipositas-Patienten. Auf dem Weg zur Gewichtsreduzierung werden die Patienten individuell begleitet. Feste Bestandteile der Betreuung sind die Untersuchung in der inneren Medizin, die Ernährungsberatung, die Physiotherapie und eine psychiatrisch-psychotherapeutische Betreuung; außerdem besteht die Möglichkeit zur chirurgischen Therapie und plastisch rekonstruktiven Maßnahmen. Im Falle von operativen Eingriffen bekommen die Patienten Unterstützung auf dem Weg der Beantragung der Kostenübernahmen durch die Krankenkassen.

Nach Auffassung aller Beteiligten liegt die besondere Qualität des Krefelder Adipositas-Zentrums in der interdisziplinären Zusammenarbeit. "Wichtig ist das Drumherum", sagt Privat-Dozent Dr. Christoph Wullstein, Leiter der Klinik für Chirurgie, und Experte für die zumeist in der "Schlüssellochtechnik" durchgeführten Operationen. "Es gibt Zentren, die lediglich operieren. Doch bei Menschen, die stark und schnell abnehmen, können sich immer wieder Probleme ergeben, zum Beispiel beim Stoffwechsel, durch Mangelernährung oder Vitaminmangel." Wichtig sei daher ein "konzeptioneller Ansatz", das heiße für seinen Bereich "vor der OP - OP - nach der OP".

Nicht zu unterschätzen sei die psychische Unterstützung. "Die Motivation ist das Wichtigste," sagt Wullstein. "Die übergewichtigen Patienten treffen im ZAM auf Menschen mit gleichen Problemen. Nach einer Zeit sind sie fast eine Familie. Sie fühlen sich wohler und sind ganz andere Menschen." Zu Wullstein kommen die Patienten, bei denen konservative Methoden wie Ernährungsumstellung und Bewegungstherapie nur unzureichend anschlagen. Gilt eigentlich eine Gewichtsabnahme von zehn bis 15 Prozent im Jahr als Erfolg, so reicht das bei den stark Hochgewichtigen nicht aus. "Wenn ein Patient mit 180 Kilo zehn Kilo abnimmt, der merkt das kaum. Der ist schnell frustriert." Mit verschiedenen Operationsverfahren wie Schlauchmagen oder Magenbypass kann geholfen werden. "Der Patient isst dadurch weniger und kann in einem Jahr durchaus 50 Kilo verlieren. Aber in der Regel bleibt man leicht übergewichtig."

Doch bringt die Gewichtsreduktion nicht nur Erleichterung. Nicht allein der Körper braucht Zeit, um sich umzustellen, sondern auch der Kopf. Michaela Johnen macht immer wieder die Erfahrung, dass sich "die Patienten an ihr neues Körpergefühl gewöhnen müssen, viele sind sich erst völlig fremd". Diese Erfahrung macht auch Dr. Truong Quang Vu Phan, Leiter der Klinik für Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. "Nach erfolgreicher Gewichtsabnahme stehen viele Adipositas-Patienten vor einem neuen Problem. Sie sind wie ein Ballon in sich zusammengefallen. Überschüssige schlaff herunterhängende Hautlappen und chronische Entzündungen in den Hautfalten können die Lebensqualität stark einschränken." Doch mit Hilfe der plastischen Chirurgie kann die "harmonische Körpersilhouette" wieder hergestellt werden. Auch Phan betont: Grundvoraussetzung für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist die Teilnahme der Patienten an festgelegten Therapieschritten.

Adipositas-Tag, Samstag 24. Oktober, 10 Uhr, Helios-Klinikum, Haus A1, Erdgeschoss Raum 605b, Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Quelle: RP
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