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Zum Tage
Familienbande

Krefeld. Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit." Karl Kraus, 1874 - 1936, österreichischer Schriftsteller.

Ein Bild hat sich mir in den vergangenen Wochen eingeprägt: Da steht der Sohn von Altbundeskanzler Helmut Kohl zusammen mit seinen Kindern vor dessen Haustür und wartet (letztendlich vergeblich) darauf, eingelassen zu werden, um noch einmal Abschied von dem Verstorbenen nehmen zu können. Allein eine solche Szene lässt erahnen, welche Familientragödie sich dahinter verbirgt.

Auseinandersetzungen im familiären Bereich sind weder selten, noch gehen sie ohne Blessuren ab. Eher im Gegenteil: Sie werden häufig viel unerbittlicher geführt als im sonstigen sozialen Umfeld. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die eine Familienbeziehung scheitern lassen können: Erbschaftsstreitigkeiten haben mehr als eine Familie entzweit; ich möchte mich abgrenzen von der alles beherrschenden Mutter; ich habe Angst, gegenüber den Geschwistern zu kurz zu kommen; ich fühle mich verletzt durch Äußerungen anderer Familienmitglieder; ich werde mit meinem Bedürfnis nach Zuwendung nicht ernst genommen. Da hat die Mutter die (vielleicht unausgesprochene) Erwartung, dass sich die Kinder um sie kümmern mögen; Kinder wollen sich nicht in alte Schemata pressen lassen (schließlich sind sie selbst erwachsen und wollen auf Augenhöhe wahrgenommen werden).

Familiäre Auseinandersetzungen hat es zu allen Zeiten gegeben. Ich erinnere nur an die in der Bibel überlieferte zwischen dem Brüderpaar Kain und Abel (1. Mose 4). Doch allen Streitigkeiten zum Trotz hat Gott an Kain festgehalten und hat ihn mit einem Schutzzeichen ausgestattet ("Kainsmal").

Beziehungen zwischen Menschen sind immer fragil. Sie sind nicht selbstverständlich und wollen gepflegt sein. Aber wie im "normalen Leben" gilt dies umso mehr innerhalb der Familie. Hier kann ich nichts als gegeben voraussetzen; hier bedarf es (noch größerer) Anstrengungen, die Beziehung zu bewahren. Ich wünsche mir, dabei von Gott begleitet zu sein. Dann kann ich Konflikte in der Familie führen - und dennoch den anderen in seiner Ansicht achten.

MICHAEL PRIETZ, PFARRER DER ALEXIANER GMBH, KRANKENHAUS MARIA-HILF

Quelle: RP
 
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