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Krefeld
Familienhilfe feiert 70-jähriges Bestehen

Krefeld. Sie gilt als erstes deutsches Sozialwerk der Nachkriegszeit: Die Krefelder Familienhilfe sammelte Hilfsgüter, richtete Volksküchen und Nähstuben ein. Auch ihr bis heute bestehender Altenclub ist der erste seiner Art in Deutschland. Von Jochen Lenzen

Das erste Sozialwerk der Nachkriegszeit in Deutschland kann jetzt auf sein 70-jähriges Bestehen zurückblicken. Am 1. April 1945, also rund drei Wochen vor Kriegsende, gründete der von wenige Wochen zuvor einmarschierten Amerikanern eingesetzte Oberbürgermeister Dr. Johannes Stepkes, die "Krefelder Familienhilfe". Deren Leitung übernahm der langjährige Ex-Oberbürgermeister Dr. Johannes Johansen, den die Krefelder wegen der Gleichheit von Vor- und Zuname den "Dubbelde Schäng" nannten. Nach dessen Tod übernahm der Textilfabrikant Hans Jammers 1946 diese Aufgabe.

Im Januar und Februar 1945 war Krefeld nochmals bombardiert worden, so dass fast die Hälfte der Wohn- und Betriebsgebäude zerstört waren. Tausende mussten in Kellern, Baracken, ja sogar in Gartenlauben und leeren Waggons hausen, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Familienhilfe, Günter Baier, aus der Historie. Verschärft wurde die Situation durch einen Zustrom an Flüchtlingen und zurückkehrende Soldaten.

In kurzer Zeit war es Stepkes gelungen, 1400 Ehrenamtliche für die Familienhilfe zu gewinnen, die als einige Institution von der Militärregierung die Erlaubnis bekam, in Krefeld Geld und Hilfsgüter zu sammeln. Schon die erste Haussammlung am 1. Mai 1945 erbrachte 63 000 Reichsmark. Es wurden Kleider, Möbel, Wäsche, Matratzen und andere Utensilien in Bunkern gesammelt und verteilt. "Es wurden Volksküchen und Nähstuben im ganzen Stadtgebiet eingerichtet, in denen Uniformen zu Kleidung und Bettwäsche zu Windeln umgearbeitet wurden", erzählt Ute Gerhard-Falk, Geschäftsführerin der Familienhilfe.

In den beiden extrem kalten Nachkriegswintern spendeten die verbliebenen Industriebetriebe Heizmaterial und Bleche, die zu Töpfen umgearbeitet wurden. "Die Ehrenamtler der Familienhilfe sammelten bei den spendenbereiten Krefeldern selbst nach der Währungsreform 1948 enorme 20 000 Mark des neuen Geldes, so dass das Sozialwerk Kinder und Senioren zu Ausflügen oder ins Theater einladen konnte", erzählt Günter Baier. Doch erst 1949 konnte der damalige Bunker an der Friedrichstraße, das "Warenhaus der Unterwelt" geschlossen werden.

Sechs Jahre später gründete die Krefelder Familienhilfe mit dem "Haus am Berg" das erste Ferienheim in Deutschland, das sie halbes Jahrhundert lang betrieb. Danach wurde es erweitert und aufwändig umgebaut, damit es der Vereins Lebenshilfe als Wohnheim für Menschen mit der Diagnose "Autismus" dienen konnte.

Einen weiteren Superlativ kann sich die Krefelder Familienhilfe auf die Fahne schreiben: 1959 gründete sie einen Altenclub - wiederum die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Nach einigen Jahren in der Seidengalerie am Ostwall untergebracht, bezog der Club 2008 seine jetzigen Räume gegenüber am Ostwall 85. In dem Seniorentreff werden täglich von 14 bis 17 Uhr Kurse und andere Beschäftigungen geboten - alles mit zweieinhalb Vollzeitstellen und mehr als zwei Dutzend Ehrenamtlern.

Quelle: RP
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