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Eklat Krefeld
Fichte-Schule - Debatte um Abbruch der Mottowoche

Eklat Krefeld: Fichte-Schule - Debatte um Abbruch der Mottowoche
Die Schulklingel des Fichte-Gymnasiums - auch wenn sie ferienbedingt schweigt, wird über die Entscheidung der Schulleitung in der vergangenen Woche, die Mottowoche abzubrechen, leidenschaftlich debattiert. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Nach dem Abbruch der Mottowoche am Krefelder Fichte-Gymnasium sprechen die Schüler von einer Überreaktion. Sie sind frustriert, dass alle Gespräche mit der Schulleitung zur Glättung der Wogen nichts gefruchtet hätten. Schulleiter Kries sagt: Das Verhalten einiger weniger führte zum Abbruch. Von Jens Voss

Der Fall Fichte, wo die Schulleitung nach einer Reihe von Vorfällen den Abbruch der Mottowoche verfügt hat, zeigt unterm Strich auch dies: An den Schulen sind die Grenzziehungen zwischen dem, was noch geht und was auf keinen Fall, schwierig, weil alle Beteiligten unterschiedliche Wahrnehmungen haben und weil es wohl auch immer nur wenige sind, die Grenzen so weit überschreiten, dass eine Schulleitung über Sanktionen nachdenkt. Denn das ist am Fichte unstrittig: Nur wenige haben Regeln verletzt, und dafür ist der ganze Jahrgang in Mithaftung genommen worden.

Nach dem ersten Bericht am Montag hat sich ein Sprecher der Schule bei uns gemeldet - die Schülerschaft fühlt sich missverstanden und beharrt darauf, dass die Schulleitung überreagiert hat; aufs Ganze ist die Botschaft: Mit etwas gutem Willen, etwas Nachsicht und etwas mehr Humor wäre der Abbruch nicht nötig gewesen. In einem anrührenden Satz wird auch deutlich, warum den Schülern diese Mottowoche so wichtig ist: "Sowas wie ein Abi-Gag mag unbedeutend vorkommen, aber für uns Schüler ist das der Abschluss des bisher einzigen wirklichen Lebensabschnitts."

Die Mottowoche in Krefeld 2016 FOTO: Linda Schumilas

Schulleiter Andreas Kries erklärt auf Anfrage, dass "tatsächlich das Verhalten einiger weniger Schülerinnen und Schüler dazu geführt hat, dass die letzten Stunden der Mottowoche nicht mehr im geplanten Umfang umgesetzt werden konnten". Er berichtet, dass dies mit "Vertretern der Lernenden" besprochen worden sei und die Schüler "große Einsicht" gezeigt hätten; niemand habe gesagt, dass die Reaktion der Schule überzogen gewesen sei, das entspreche nicht dem Tenor der Äußerungen. "Vielmehr waren die Enttäuschung und der Ärger über diejenigen, die sich nicht an die sogar schriftlich gefassten Abmachungen halten wollten, die vorherrschenden Gefühle."

Hier gehen die Meinungen auseinander. Die Schüler berichten, sie hätten die Schulleitung als wenig kompromissbereit erlebt - Versuche, auch mit Unterstützung von Lehrern einen Kompromiss zu finden, seien "meist sofort abgebrochen" worden. Zum Ende hin, nach einer Aktion im Lehrerzimmer, seien dann jegliche Gesprächsversuche abgeblockt worden.

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Die Schüler räumen ohne Beschönigung ein, dass es zu Beleidigungen gekommen ist. Zwar sei der Begriff "Hurensohn" nicht gefallen - ein Schüler hatte davon berichtet, auch von Lehrerseite ist das bestätigt worden -, doch ist gleich am Anfang der Motto-Woche eine Lehrerin als "Fotze" beschimpft worden. Das Wort wird auch von den Schülern als schwere Entgleisung bewertet; der entsprechende Schüler hat sich bei der Lehrerin schriftlich entschuldigt, die Frau soll diese angenommen haben. Insofern sind die Schüler davon ausgegangen, dass diese Sache bereinigt war.

Für Aufregung hat dann auch ein Zettel gesorgt, der sich nach der Schüleraktion im Lehrerzimmer gefunden hat - mit der Aufschrift: "Fickt euch, ihr Arschlöcher"; die Stufe schwört, dass der Zettel nicht aus ihren Reihen kam, zumal er erst zwei Stunden nach der Aktion gefunden worden sei.

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Andere Dinge - so wurde entgegen den schriftlich festgehaltenen Absprachen teils Unterricht geschwänzt, teils doch Alkohol getrunken - waren unterm Strich aus Schülersicht nicht so gravierend, dass man dafür die ganze Stufe hätte abstrafen müssen. Vielmehr gehörten leichtere Regelübertretungen mittlerweile zum Bestand der Mottwochen: "Glauben Lehrer nach 15 Mottowochen immer noch, dass nur Milch und Wasser getrunken wird und dass alle Stunden immer besucht werden?", fragt ein Vertreter der Stufe. Den Geist einer Mottowoche beschreibt er so: "Natürlich hat auch eine Mottowoche Grenzen und Regeln, aber diese sind halt gelockert, es ist schließlich ein Geben und Nehmen." Auch von Lehrerseite ist die Einschätzung zu hören, dass es nicht zu Exzessen gekommen ist; unterm Strich soll es bei gelinden Verstößen geblieben sein.

Die Schüler betonen auch, dass neben den Entgleisungen einzelner - die Rede ist von drei bis fünf Schülern bei insgesamt 45 Abiturienten - es eben auch sympathische und geglückte Aktionen gemeinsam mit den Lehrern gegeben hat. So seien Lehrer zum Grillen eingeladen worden. Diese Aktion sei auch von den Lehrern als sehr gelungen empfunden worden.

Frustriert zeigen sich die Schüler über die Art, wie die Aktion im Lehrerzimmer aus dem Ruder gelaufen ist: Man habe am vergangenen Donnerstag das Lehrerzimmer in einer spontanen Aktion "besetzt", man habe sich "ruhig und gesittet" auf alle Stühle gesetzt und die Kaffeemaschine verstellt. Als die Schüler gebeten wurden, den Raum zu verlassen, habe man das Zimmer auch geräumt - nur ein Schüler habe "etwas heftiger" protestiert, so dass sich ein Lehrer beleidigt gefühlt habe. Wie gesagt: Es gibt zwei Versionen über die Art der Beleidigung. Zum einen heißt es, der Begriff "Hurensohn" sei gefallen, zum anderen ist die Rede davon, dass ein Lehrer lediglich mit "Alter" angesprochen worden sei. Wie auch immer die Äußerung nun lautete: Sie war der Punkt, an dem die Schulleitung den Abbruch der Mottowoche verfügt hat. Die Äußerung war offenbar der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Im Anschluss hat die Abiturientia eine Aktion gestartet, die auch von Lehrerseite als witzig und gelungen gewertet wird: Sie trug die Abi-Woche symbolisch und ironisch zu Grabe (wir berichteten). Schulleiter Kries sagt darüber: "Hervorragend war der abschließende Umgang der zukünftigen Abiturientia mit der Situation am Freitagmorgen: Die jungen Leute erschienen als Trauerzug und trugen ihren Abigag zu Grabe. Das ist ein Ausweis von Kreativität und der Fähigkeit, bei veränderten Rahmenbedingungen flexibel zu reagieren - so habe ich es von unserer Schülerschaft auch erwartet."

Die Aktion, die auf soviel Zustimmung stieß, kam zu spät. Am Fichte-Gymnasium, so berichten die Schüler, wird nun darüber nachgedacht, die Mottowoche generell zu verbieten.

Quelle: RP
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