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Krefeld
Fund in Fischeln: Zur Geschichte der Synagoge

Krefeld: Fund in Fischeln: Zur Geschichte der Synagoge
Michael Gilad, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, mit dem Ziertürmchen, das der letzte Überrest der alten Krefelder Synagoge sein soll. Das Stück steht in einem Garten in Fischeln und wurde - wie berichtet - der jüdischen Gemeinde vermacht. Es könnte sich um die Spitze eines der Ziertürme auf der Synagoge von 1930 handeln. Wie auf dem Bild rechts oben erkennbar, wurden diese Spitzen von einem Davidstern gekrönt. Michael Gilad, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, mit dem Ziertürmchen, das der letzte Überrest der alten Krefelder Synagoge sein soll. Das Stück steht in einem Garten in Fischeln und wurde - wie berichtet - der jüdischen Gemeinde vermacht. Es könnte sich um die Spitze eines der Ziertürme auf der Synagoge von 1930 handeln. Wie auf dem Bild rechts oben erkennbar, wurden diese Spitzen von einem Davidstern gekrönt. FOTO: T.L.
Krefeld. Die Baugeschichte der ersten Krefelder Synagoge ist verwickelt, bewegend -und liefert neue Hinweise zur Einordnung des Fundes in Fischeln, der ein Überbleibsel der zerstörten Synagoge sein soll. Von Jens Voss

Nach unserem Bericht über den Fund in Fischeln, der ein Überbleibsel der 1938 niedergebrannten Synagoge sein soll, hat der langjährige Autor der Zeitschrift "die heimat", Heribert Houben, auf die verwickelte Baugeschichte der Synagoge hingewiesen. Erneut, muss man sagen. Denn Houben hat 2008 in einem Beitrag für die "heimat" die Entwicklung der Synagoge skizziert und mit Abbildungen plastisch vor Augen geführt. Demnach ist auch denkbar, dass das Fischelner Fundstück nicht ein Rest der 1938 niedergebrannten Synagoge ist, sondern ein Überbleibsel von Umbauarbeiten davor.

Mündlich überliefert und gegenüber Michael Gilad, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, erzählt ist die Geschichte, dass Krefelder Juden nach der Zerstörung der Synagoge einen Schneider gebeten haben, ein Erinnerungsstück des Baus aufzubewahren. Sollte es sich wirklich um ein Stück der Synagoge handeln, so eröffnet die Baugeschichte auch andere Deutungen.

Links die Synagoge von 1853: klassizistisch streng. In der Mitte die Synagoge, wie sie sich nach Um- und teilweisem Neubau 1903 präsentierte: voller Zierrat an der Fassade. Rechts die ab 1928 erneut umgestaltete Synagoge, wie sie sich seit 1930 bis zu ihrer Zerstörung in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zeigte: Äußerer Schmuck an der Fassade und auf den Dächern ist entfernt - nur wenige Ziertürmchen, gekrönt von Davidsternen, sind übriggeblieben. FOTO: Links Stadtarchiv; Mitte und rechts Sammlung Hansen / "die heimat"

Der erste Synagogenbau Krefelds stand demnach an der heutigen Mennoniten-Kirch-Straße und wurde 1764 eingeweiht. Ein knappes Jahrhundert später wurde der Plan für einen Neubau gefasst - diesmal an der Ecke Peters-/ Marktstraße. Dieser Bau wurde 1853 seiner Bestimmung übergeben. Es war ein schöner, vergleichsweise schlicht und streng gestalteter, klassizistischer Bau mit hochaufragender Kuppel. Überliefert ist ein Stich, der den Komplex nicht mitten in der Stadt, sondern in freier Natur zeigt.

Dieser Bau wurde zum Beginn des 20. Jahrhunderts umgestaltet und 1903 erneut eingeweiht: Der alte Bau wurde weitgehend abgebrochen und erhielt nun, dem Zeitgeschmack entsprechend, eine Fülle von Zierspitzen, die orientalisch anmuten sollten. Was im Ursprungs-entwurf streng klassizistisch angelegt war, bekam einen verspielten Charakter. Über den Haupteingang wurde ein buntes, rundes Glasfenster gesetzt, eine Glasrosette im neo-gotischen Stil. Die kleine Spitze aus dem Fischelner Garten, die jetzt der jüdischen Gemeinde übergeben wurde, könnte ein Überrest der Zierspitzen auf den Dächern sein.

FOTO: Sammlung Hansen / Heimat

Zu den anrührenden Details der Baugeschichte gehört die Art, wie in den Zeitungen 1903 über den Neubau berichte wurde. Houben zitiert in seinem Beitrag einen Bericht der "Niederrheinischen Volkszeitung" - ein wertvolles Dokument, weil die Synagoge von 1903 ausführlich beschrieben wird. Der Text schließt mit den Worten: Die neu errichtete Synagoge sei "eins der schönsten Gebäude Krefelds und eine Sehenswürdigkeit unserer Stadt geworden. Wir wünschen der Synagogen-Gemeinde und dem Bauleiter des Umbaus von Herzen Glück dazu." Kaum zu glauben, dass 30 Jahre später eine Zeit schlimmster Verbrechen an Juden begann.

Die 1903 noch gefeierte Synagoge wurde bereits Mitte der 20er Jahre wieder als umbauwürdig empfunden. Ab 1926 ging die Gemeinde eine weitere Sanierung an, die den Charakter des Baus wiederum veränderte - man darf sagen: Die Zeit wurde zurückgedreht und nahezu aller Zierrat wieder entfernt. Der von der Gemeinde beauftragte Architekt Max Sippel schlug die Entfernung der kompletten Verkleidung zugunsten einer expressionistisch kargen Backsteinfassade vor. Auch der Innenraum sollte schlichter werden. Die Entwürfe hierzu stammten von dem Künstler Johan Thorn Prikker. Bei der Fassade folgte man Sippel nur bedingt; vor allem der Innenraum wurde sehr modern und bekam unter anderem neue Fenster nach Entwürfen von Thorn Prikker (so etwa berichtet im Merländer-Brief 2003, dem Mitteilungsorgan des Fördervereins der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer).

1930 waren die Umbauarbeiten beendet. Houben verglich die neue Gestalt mit einem "wehrhaften romanischen Kloster" - der Satz zeigt, wie stark die Eingriffe in die verspielte Außenseite der Synagoge von 1903 gewesen sind.

Hier nun stellt sich die Frage, ob jener Fund aus dem Fischelner Garten wirklich aus jener dramatischen Zeit nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 stammt. Es könnte auch sein, dass die Zierspitze aus jener Zeit des Umbaus ab 1926 stammt, als der Außenschmuck bis auf wenige Türmchen beseitigt wurde. Dafür spricht, dass die Synagoge in der Gestalt von 1903 als hübscher Bau empfunden wurde - Houben spricht von einer "hochgemuten und lebensfrohen Außenhaut". Insofern wäre es sehr plausibel, wenn jemand sich von der Baustelle eines der Türmchen als Zierrat für den Garten geholt hat.

Im Nachgang zur Zerstörung der Synagoge 1938 wäre dieser Akt des Bewahrens auf den Hass des Nazi-Regimes gestoßen. Ein Krefelder Handwerker, der Juden und jüdischer Kultur gegenüber Wertschätzung und den Willen zur Bewahrung gezeigt hätte, hätte sich der Gefahr der Verfolgung ausgesetzt. Wie auch immer: Die Zierspitze, die Michael Gilad bergen und untersuchen möchte, wäre das letzte bekannte Überbleibsel der ersten Synagoge.

Als der Bau von 1853 eingeweiht wurde, gab es übrigens einen Festzug, an dem neben Gemeindegliedern auch Vertreter der christlichen Kirchen teilgenommen haben. Der Festzug muss ein friedliches Bild abgegeben haben. Unfassbar, was 80 Jahre später begann.

Quelle: RP
 
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