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Krefeld
Gefeiertes Tango-Duo in der Fabrik Heeder

Krefeld. Der Höhepunkt des Bandoneon-Festivals, der Auftritt von Gabriel Merlino, war am Wochenende in Krefeld zu erleben. Von Mojo Mendiola

Mit einer Seleccion de Piazzolla begann Merlino den Abend und bot damit bereits einen keineswegs erschöpfenden, aber variationsreichen Querschnitt seines Könnens. Virtuos in der Fingerfertigkeit, hochdifferenziert in Tonbildung und Dynamik und ergreifend im künstlerischen Ausdruck ließ er sein Bandoneon schwermutig seufzen oder leichtfüßig tanzen, und niemand hatte sich der Magie seines Spiels entziehen können.

Dann betrat Vanina Tagini die Bühne, eine Sängerin, die wie Merlino in der Broadway-Show "Tango Pasion" mitwirkte. Sie gab ihren Einstand mit "Che Bandoneon", und mitreisend war nicht nur ihr Gesang, sondern auch ihre Gestik, mit der sie ihre Zeilen dieses Zwiegesprächs unterstrich und dabei sogar einmal vor dem Instrument auf Merlinos Knie in die Hocke ging, um es quasi Auge in Auge anzusingen. Auch im Weiteren erwies sie sich als bemerkenswerte Künstlerin. Sie pflegte eine Zuspitzung ihrer Diktion, die den gerne extremen Bewegungen des Tango-Tanzens entsprach, was beim Singen aber allzuleicht ins Lächerliche abgleiten kann.

Nicht so bei Vanina Tagini. Sie konnte sich solche Gratwanderung leisten und war geradezu umwerfend in Titeln wie "Dandy", in dem eine etwas schlampige Mutter unisono mit ihrer Tochter dem Sohn vorwirft, zwar elegant gekleidet, als Zuhälter aber ein Versager zu sein. Schließlich wurde der Tango in Kaschemmen und Bordellen geboren. Großartig auch das Lied vom nach 30 Jahren heimkehrenden Sohn, den die Eltern nur an der Klangfarbe seiner Stimme wiedererkannten sowie die Milonga Candobe von Gold und Silber, in der Tagini die Silbenfolge in geradezu perkussiver Geschwindigkeit zu singen hatte und dies glänzend meisterte. Köstlich auch das Mienenspiel der beiden zwischen leidenschaftlichem Anschmachten - meist ihrerseits - und ironischer Distanz - meist seinerseits.

Einen kräftigen Ausreißer gab es allerdings - nämlich "Summertime". Vor acht Jahren hatte Merlino das Stück allein gespielt, ohne Gesang. Und mit geradezu heiliger Innigkeit hatte er dieses leider oft misshandelte Song-Juwel um die wahrscheinlich schönste Instrumental-Version seiner Geschichte bereichert. Nun begleitete er die Sängerin - und die versagte. Anders als Gershwin, der das Feeling der schwarzen Amerikaner treffsicher einfing, fehlte ihr jede Antenne für diese Kultur. Sie wusste ihre Stilmittel weder zu wählen, noch zu dosieren, sie tat dem Song Gewalt an, ohne es zu bemerken. Zum Glück blieb dieses Schicksal dem "St. James Infirmary" erspart, das spielte Merlino allein. Und an einem einzigen solchen Stück vermag er sein Genie zu beweisen - ein Paganini auf dem Bandoneon, oder vielleicht zieht man zum Vergleich besser Jimmy Smith heran, den Giganten an der Hammond B3. Dass Bandoneon in voller Länge ausziehend und ausgesprochen vokal phrasierend, legte Merlino so viel Emotion in diesen Blues, dass ein Gesang schwerlich etwas hätte hinzufügen können. Schließlich aber brillierte auch Tagini wieder wie zuvor und schloss mit zwei glänzend interpretierten Piazzolla-Titeln. Das Publikum feierte beide begeistert.

Quelle: RP
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