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Krefeld
Gelleper Kastell: Aus Grabstein gebaut

Krefeld: Gelleper Kastell: Aus Grabstein gebaut
Annette Schieck mit dem 2000 Jahre alte Steinblock, den sie untersucht hat. Parallelen zum Krefelder Stein gibt es am Grabmal des Poblicius im Römisch-Germanischen Museum in Köln. FOTO: Stadt Krefeld
Krefeld. Archäologin Annette Schieck hat erstmals belegt, dass ein Steinblock aus dem Kastell-Fundament zuvor ein römisches Pfeilergrabmal geschmückt haben muss. Aber noch sind nicht alle Rätsel um den 2000 Jahre alten Stein gelüftet.

Recycling haben nicht die Ressourcenschützer des 20. Jahrhunderts salonfähig gemacht. Auch im Mittelalter kannten sich Bauherren mit Wiederverwendung von Material aus. Der Beleg für frühes Recycling können Besucher zurzeit im Hof des Museums Burg Linn sehen: ein Steinblock, der Teil des spätantiken Kastells in Gelduba gewesen ist - aber ein Relief belegt: Vor 2000 Jahren stand der auf einem Grab. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums und studierte Archäologin, hat in der Festschrift zum 65. Geburtstag von Christoph Reichmann dargelegt, dass der Stein zu einem Grabmonument gehört haben muss:

Von den römischen Kastellen, die zwischen dem Jahr 71 und dem 5. Jahrhundert nach Christus in Krefeld-Gellep errichtet wurden, finden sich heute an der Oberfläche keine Spuren mehr. Zumindest in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts müssen noch Reste sichtbar gewesen sein. In seinem Buch "Rhenus" (um 1570) schrieb Bernardus Mollerus: "Sieh, in traurigen Ruinen birgt sich das arme Gelduba".

Wie an anderen Orten am Niederrhein so wurde auch die Festungsanlage in Gelduba im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als Steinbruch für neue Gebäude genutzt. Die Römer haben bereits Spolien, also Teile von Reliefs, verwendet, um sie als Fundamentstickung oder für das Mauerwerk wieder zu gebrauchen. Der 2000 Jahre alte römische Felsblock, zu dem Schieck nun gearbeitet hat, war vor 30 Jahren während einer Grabung als Fundament für einen Turm (um 306 bis 308) des spätantiken Kastells gefunden worden. An zwei Seiten trägt er Reliefs, die wesentliche Anhaltspunkte darüber geben, an welcher Stelle der Stein in einem Grabmonument verbaut war und welche Ausmaße dieses Monument hatte. Dabei kommen vier Varianten in Frage: "Selbst in der Ausführung mit einem niedrigen Sockelmaß besaß das Monument mindestens eine Höhe von 7,50 Meter, eher ist jedoch von etwa neun oder sogar elf Meter Höhe auszugehen", sagt Schieck.

Außerdem lasse die Ausführung der Reliefs darauf schließen, dass das römische Pfeilergrabmal im frühen 1. Jahrhundert entstanden ist. An der Vorderseite des Steins, die auch die Vorderseite des Monumentes war, ist die linke Schulterpartie eines Mannes zu erkennen: Erhalten ist er ab der Brust. Vom Gesicht ist ebenfalls nur die linke Wange vorhanden, die glatt rasiert ist, sowie das Ohr und der Haaransatz einer Kurzhaarfrisur. "Bemerkenswert ist die Gestaltung des Ohres, henkelförmig und unorganisch, wirkt es wie nach vorne geklappt. Darin entspricht es Darstellungen auf römischen Grabreliefs der ersten Jahrzehnte des 1. Jahrhunderts nach Christus", sagt Schieck. Der dargestellte Mann ist mit einer Tunika und einer Toga bekleidet, die ihn als römischen Bürger kennzeichnen.

Die Tragweise der Toga wurde vor allem von Personen griechisch geprägter Herkunft mit erworbener römischer Staatsbürgerschaft bevorzugt. "Somit lässt sich annehmen, dass der Grabinhaber mit dem römischen Militär in die Rheinregion gekommen ist, sich nach Ablauf seiner Dienstzeit niedergelassen hat und zu Wohlstand gekommen ist", so Schieck. Er wählte für sein Gedenken ein Bauwerk, bei dem es sich nicht um ein einzigartiges Monument handelt, sondern um einen Typ, der in einer gewissen Variationsbreite mehrfach im Rheinland, insbesondere in Köln und vielleicht auch in Gellep, errichtet wurde.

Parallelen zum Gelleper Block finden sich in Köln: das Grabmal des Poblicius im Römisch-Germanischen Museum in Köln, das fast 15 Meter hoch ist und in der Zeit von 42 bis 50 nach Christus errichtet wurde.

Zudem lassen sich Prinzipien über die Bauweise aus dem Buch "Über die Baukunst" von Marcus Vitruvius Pollio, einem Architekt des ersten Jahrhunderts, ableiten. Der Bau mit dem Gelleper Reliefblock wirkte wegen der Größe imposant und stand vermutlich an einer größeren Ausfallstraße. "Ob sich sein Standort jedoch in oder bei Gelduba befunden hat, oder möglicherweise in Köln, muss derzeit unbeantwortet bleiben", sagt Anette Schieck.

Am Reliefblock im Hof des Archäologischen Museums Burg Linn soll bald eine Tafel mit Variationen eines möglichen Grabmales installiert werden.

(ped/RP)
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