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Gorilla Kidogo in Krefeld
Geschichte eines Porträts

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Krefeld. Der Gorilla Kidogo ist auf den Monat genau seit vier Jahren im Krefelder Zoo. Dem Fotografen Simon Erath gelang ein außergewöhnliches Foto. Es spiegelt auch die charakterliche Entwicklung Kidogos wider. Von Jens Voss

Es ist wie immer beim Filmen von Tieren: Man braucht Geduld, Können - und Glück. Alle drei Faktoren kamen bei einem Bild des Krefelder Fotografen Simon Erath (27) zusammen. Sein Foto von Kidogo, dem Gorilla, aufgenommen aus eineinhalb Meter Abstand, hat uns so beeindruckt, dass wir seine Geschichte erzählen. Es sind eigentlich zwei Geschichten - die des Fotos und die des Menschenaffen.

Erath fotografiert viel im Zoo. "Man muss Zeit mitbringen", sagt er, "man sitzt lange da und beobachtet". So war es auch bei dem Foto von dem Gorilla Kidogo. Anders als in freier Wildbahn saß Erath nur eineinhalb Meter von seinem Motiv entfernt hinter einer Glasscheibe, dort, wo hinter der Scheibe eine Klappe ist, durch die die Tiere ins Außengelände gelangen. Als der Menschenaffe durch die Klappe kam, bemerkte er Erath und andere Besucher, die dort standen, verharrte und schaute sich die Menschen in aller Ruhe an. In diesem Moment drückte Erath auf den Auslöser. Er hatte ein 70-200-mm-Teleobjektiv auf der Kamera. "Ich hatte Glück: Das Foto durch die Scheibe ist gelungen, weil der Winkel passte und auch das Tier im richtigen Winkel zu mir stand", berichtet Erath.

Der Gorilla Kidogo - Porträt von Simon Erath. Weitere Arbeiten von ihm unter www.erath-fotografie.de.

Entstanden ist ein außergewöhnliches Porträt - Erath hat sich am Ende für eine Schwarz-weiß-Optik entschieden, die das Bild noch intensiver macht. Auch für einen Profi ist es etwas Besonderes, wenn ein solches Foto glückt: "Der Gesichtsausdruck ist überragend", sagt Erath, "er unterscheidet sich nicht wirklich von einem menschlichen Porträt. Das Bild wirkt wie von jemandem, der in einer Vorlesung sitzt und darüber nachdenkt, was der Professor da gerade gesagt hat." Die Erfahrung, von einem Menschenaffen angeblickt zu werden, sei viel emotionaler als bei anderen Tieren, so Erath weiter.

Es ist nicht nur Zufall, dass das Foto wirkt, als erzähle es von einer Persönlichkeit. In der Tat entwickeln Gorillas einen Charakter; sie reifen: "Kidogo hat sich sehr gut entwickelt, und unsere Pfleger sind glücklich, dass er einen so tollen Charakter hat. Wir haben einen sehr freundlichen Menschenaffen", sagt dazu Zoosprecherin Petra Schwinn. Kidogo, der auf den Monat genau vor vier Jahren aus Dänemark nach Krefeld kam, ist im Erwachsenenalter von Gorillas angekommen.

Kidogo ist im Jahr 2000 geboren und heute 15 Jahre alt. "Übertragen auf das Menschenalter, entspricht das etwa dem 25. Lebensjahr", erläutert Schwinn. Man sagt, dass ein Gorilla-Lebensjahr etwa eineinhalb Menschenjahre zählt. Der Gorilla ist damit ein relativ junger Mann - Gorillas werden bis zu 50 Jahre alt. Als Kidogo nach Krefeld kam, zeigte er noch alle Verhaltensweisen eines Jungtiers, wollte zum Beispiel mit den Weibchen spielen und herumtollen - was diese ablehnten, denn er hatte in der Gruppe, so jung er war, die Rolle des Silberrückens einzunehmen. "Er musste lernen, wie man eine Gruppe führt", sagt Schwinn; "er musste die Familie schützen, gut zu den Frauen sein, ihnen Sicherheit vermitteln und Ruhe ausstrahlen." Das war ein Lernprozess, in dem die Weibchen eine wichtige Rolle spielten, indem sie sich den erwähnten spielerischen Verhaltensweisen entzogen.

Gorilla Kidogo zeigt uns sein Sportprogramm FOTO: Zoo Krefeld/ Magnus Neuhaus

So wuchs Kidogo in die Rolle des Silberrückens hinein. "Er hat dafür beste Anlagen von seinem Vater Samson mitgebracht", sagt Schwinn. Der Reifeprozess ist auch ablesbar an physisch-muskulären Entwicklung. Prägnant: der ausgeprägte Kopfkamm am Hinterkopf.

Die charakterliche Entwicklung lässt sich an Kidogos Verhalten seinem Nachwuchs gegenüber ablesen - er ist im Juni 2013 Vater geworden. "Er hat sich perfekt verhalten", sagt Schwinn. Heißt: In den ersten Monaten ist er nicht in die Nähe des ersten Jungtiers gelangt; dafür haben auch die Weibchen gesorgt. Nach einem dreiviertel Jahr kam es zum ersten direkten Kontakt, berichtet Schwinn: Kidogo legte sich auf den Rücken und streckte den Arm aus, bis sich das Junge der Hand näherte, sie beschnüffelte und berührte. Kidogo verharrte, ließ den Sohn behutsam gewähren, verschreckte ihn nicht. "Daran erkennt man, dass ein Tier gut sozialisiert ist", resümiert Schwinn. Sie betont, dass es auch andere Charaktere gibt - "cholerische, ungeduldige, unsichere". Kidogo aber ist von ausgeprägt freundlicher Natur.

Das ist mehr, als man über viele Menschen sagen kann.

Quelle: RP
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