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Krefeld
Gewalt unter Kindern nimmt zu

Krefeld. Der Kinderschutzbund berichtet aus seiner 25-jährigen Erfahrung in der Beratungsstelle Wendepunkt. Von Bärbel Kleinelsen

Grenzen sind heute für zuviele Kinder ein Problem. Sie kennen sie nicht mehr aus der Erziehung und fallen entsprechend häufig negativ auf. Das erleben die Mitarbeiter des Kinderschutzbundes fast täglich in Schulen, Kitas und Familienzentren. "Eltern sehen sich oft als beste Freunde ihrer Kinder und tun sich schwer damit, Regeln aufzustellen und Verbote auszusprechen", sagt Dietmar Siegert, Geschäftsführer des Krefelder Kinderschutzbundes.

Die Auffälligkeiten, die solche Kinder zeigen, ähneln stark denen geschlagener Kinder: Sie lösen Konflikte mit den Fäusten und haben ein geringes Selbstbewusstsein. "Eltern heute fehlt zunehmend die intuitive Elternkompetenz. Sie wissen nicht mehr, wie Erziehung funktioniert und haben selbst auch keine positiven Erfahrungen, auf die sie zurückgreifen können", erklärt der Sozialpädagoge.

Seit 25 Jahren beschäftigt er sich in der Beratungsstelle Wendepunkt tagtäglich mit sexuellem Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern. War der berühmte Klaps auf den Hintern, der angeblich keinem schadet, in den Anfangsjahren noch ein großes Thema, würde das heute keiner mehr behaupten. "Da hat sich das Bewusstsein deutlich geändert."

Geändert habe sich glücklicherweise auch die vorschnelle Medikamentengabe bei ADHS-Symptomen. "Es konnte ja auch gar nicht sein, dass es auf einmal so eine enorme Zunahme an Stoffwechselerkrankungen gab", erklärt Siegert und sagt, dass heute in den überwiegenden Fällen zu einer Familientherapie geraten werde. Der Kinderschutzbund vermittelt auch in diesem Bereich Kontakte zu Hilfsangeboten. "Es muss keiner Angst haben, wenn er zu uns kommt. Wir sehen uns als Partner der Familien und nehmen Eltern an die Hand, um sie beispielsweise zum Jugendamt zu begleiten", betont Siegert.

Ein Bereich, der dem Kinderschutzbund-Team auch nach 25 Jahren noch immer große Sorgen bereitet, ist die hohe Dunkelziffer bei sexuellem Missbrauch. "Jedes achte Kind erduldet einen sexuellen Übergriff in seiner Kindheit", weiß Birgit August, Vorsitzende des Kinderschutzbundes. Tatort sei häufig das Kinderzimmer mit dem unkontrollierten Zugang zum Internet. Angesichts der Computer und Smartphones sei der Satz "Geh nicht mit Fremden" heute übeflüssig. Via Chatforum oder sozialem Netzwerk gelange der Täter, getarnt als "Freund", an seine Opfer.

War Siegert zu Beginn seiner Tätigkeit beim Kinderschutzbund Einzelkämpfer, beschäftigt die Krefelder Organisation heute 130 Mitarbeiter. Hinzu kommen noch 100 Ehrenamtler, die 665 Kinder in den verschiedenen Einrichtungen des Kinderschutzbundes betreuen. 20 Familien mit 45 Kindern wurden 2016 im Rahmen der Sozialpädagogischen Familienhilfe unterstützt, im Bereich der Begleiteten Umgangskontakte fanden 1175 Termine statt. Die Zahl der Familien, die die Schreibabysprechstunde in Anspruch nahmen, ist mit 50 konstant geblieben, ebenso wie die Familiengruppe "Geborgen von Anfang an" mit acht Müttern immer voll belegt ist. Als Wellcome-Engel waren 19 weibliche und ein männlicher Engel rund 30 Mal im Einsatz und haben Familien nach der Geburt eines Kindes unterstützt.

Im kommenden Jahr wird der Kinderschutzbund sein 50-jähriges Bestehen feiern. Hilfen in Form von Spenden und ehrenamtlicher Mitarbeit sind immer willkommen. So könnte auch Petra Birnbrich, stellvertretende Vorsitzende, noch Unterstützung in der Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern gebrauchen. Einzige Voraussetzung: "Die Ehrenamtler sollten eine Vorstellung von Erziehung haben und Grenzen setzen können."

www.kinderschutzbund-krefeld.de

Quelle: RP
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